«Dein Aufdruck auf deinem Shirt» – aber bitte politisch korrekt

«Dein Aufdruck auf deinem Shirt» – aber bitte politisch korrekt

Jedem sein individuelles T-Shirt oder sein Käppli: Das ist heute technisch kein Problem. Der Kreativität des Einzelnen sind aber Grenzen gesetzt. Der Begriff «Ungeimpft» beispielsweise ist beim Marktführer in der Schweiz untersagt. Die Firma beruft sich auf ihre internen Richtlinien.

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von Stefan Millius am 22.6.2021, 04:00 Uhr
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D.A. will ein Zeichen im öffentlichen Raum setzen. Er möchte breit signalisieren, dass er sich nicht impfen hat lassen. Das in Zeiten, in denen die sozialen Medien voll sind mit Bildern von Leuten, die stolz mit dem Pflaster auf dem Oberarm posieren. Ein T-Shirt mit dem Aufdruck «Ungeimpft!» schwebte dem Mann deshalb vor.

«Der Inspiration freien Lauf lassen»

Von der Stange kaufen man das nicht. Aber kein Problem, der Digitaldruck macht es möglich. Diverse Anbieter ermöglichen individuelle Aufdrucke selbst für ein Einzelexemplar zum erschwinglichen Preis. Zum Beispiel die «Spread Group», die unter der Marke «Spreadshirt» selbstgestaltete Kleidung und Accessoires führt. Das Unternehmen sei «die zentrale Anlaufstelle für alle, die ihre kreativen Ideen auf Textilien bringen möchten. Jeder kann seiner Inspiration freien Lauf lassen», heisst es in der Eigenbeschreibung.
Beziehungsweise «fast jeder». Denn D.A. versuchte vergeblich, sein «Ungeimpft!»-Shirt im Warenkorb zu deponieren. Stets erschien die unmissverständliche Botschaft: «'Ungeimpft' dürfen wir nicht drucken.»

Verstoss gegen «Richtlinien»

Was genau heisst «dürfen wir nicht»? Ist der Begriff neuestens staatlich untersagt, gibt es eine Direktive der WHO, der sich alle Nationen unterwerfen? Nein, sagt Eike Adler, Pressesprecherin der Spread Group. Es sei ein Unternehmensentscheid, es gehe um die internen Richtlinien. Man glaube zwar an die freie Meinungsäusserung und wolle diese ermöglichen, «auch wenn uns persönlich manchmal Meinungen und Designs von Unternehmen oder Einzelpersonen nicht gefallen sollten.» Aber man habe ein Regelwerk aufgestellt, das besagt, was nicht geht.
Und «nicht» gehen tut eben, was D.A. vor hatte. «Aufgrund von akuten, sensiblen Themen, wie beispielsweise das aktuelle Thema Impfen, haben wir uns dazu entschieden, momentan einzelne Begrifflichkeiten im Selbstgestaltungstool von Spreadshirt zu sperren.» Dazu gehöre auch der Begriff «ungeimpft».

Keine der Regeln betroffen

Eine freie Entscheidung eines privaten Unternehmens also, gegen die man schwerlich etwas sagen kann. Ausser vielleicht, dass das Regelwerk hier sehr weit ausgelegt wird – zu Ungunsten des Kunden. Denn der Begriff «ungeimpft» trifft nichts auf der Liste der untersagten Dinge, die die Spread Group publiziert. Aufdrucke sind konkret dann untersagt, wenn sie Illegales enthalten, hetzerische Inhalte verbreiten, zu Gewalt aufrufen, pornografisch sind oder «schädigende, irreführende Inhalte unterstützen.»
Auf diesen letzten Punkt beruft sich das Unternehmen im Fall von «Ungeimpft!» Es wäre im Grunde Juristenfutter. Denn D.A. bekundet mit seinem geplanten T-Shirt nur, dass er selbst nicht geimpft ist. Ist dieses persönliche Bekenntnis ein Aufruf an andere, sich nicht zu impfen zu lassen?
Übrigens: Sehr viel Energie hat die Spread Group offenbar nicht in ihren Filter gesteckt. Das System lässt sich recht einfach austricksen. Es schluckt den Aufdruck «Un-geimpft» problemlos.
Ein banaler Bindestrich mit derselben Botschaft – und D.A. kriegt schon bald eine Lieferung.
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