Casimir Platzer: «Wir wollen nicht zwischen Pest und Cholera wählen»

Casimir Platzer: «Wir wollen nicht zwischen Pest und Cholera wählen»

Nicht nur die Gesellschaft ist gespalten bei der Frage, ob das Covidzertifikat künftig für weitere Bereiche des Lebens gelten soll. Auch durch die Gastronomie geht ein Riss. Casimir Platzer, Präsident von GastroSuisse, hält trotz Kritik an seiner Linie fest: Er will keine Zertifikatspflicht.

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von Stefan Millius am 30.8.2021, 04:00 Uhr
Casimir Platzer.
Casimir Platzer.
Er wirkt entspannt, dann und wann macht er eine scherzhafte Bemerkung. Aber es klingt leicht nach Galgenhumor. Casimir Platzer, Präsident des Branchenverbands GastroSuisse, hat happige Tage hinter sich. Am Mittwoch stellte Bundesrat Alain Berset eine mögliche Ausweitung der Zertifikatspflicht auf die Gastronomie und weitere Bereiche in Aussicht. Kurz danach erteilte Platzer diesen Plänen eine klare Absage. Seither steht sein Telefon kaum mehr still.
Casimir Platzer, Sie haben sich in einer Stellungnahme klar gegen eine Zertifikatspflicht für die Gastronomie ausgesprochen. War das ein persönlicher Schnellschuss oder war das mit der Branche abgesprochen?
Die Wogen gehen aktuell hoch, sowohl in den Medien wie auch in der Bevölkerung und in unserer Branche. Ich habe seit meiner Stellungnahme viele ermutigende Rückmeldungen erhalten. Aber man muss klar sehen: Wir haben über 20'000 Betriebe als Mitglieder. Darunter finden sich immer einige, die es anders sehen als der Verband. Fakt ist, dass in einer repräsentativen Umfrage Ende Mai 94,2 Prozent der Mitglieder den Zutritt zu ihrem Betrieb mit einem Covid-Zertifikat abgelehnt haben. Und unsere Haltung widerspiegelt auch die der Kantonalverbände. Wir haben schon zwei Tage vor der Verlautbarung des Bundesrats die Meinung der kantonalen Gastropräsidenten eingeholt. Dabei haben wir die Thematik besprochen, und die Haltung war klar. Sie alle haben sich eindeutig gegen die Ausweitung einer Zertifikatspflicht ausgesprochen. Diese Position vertreten wir seither gegen aussen und gegen innen.
Einige Medien haben den Gastrobetrieben viel Platz eingeräumt, die sich gegen den Verband stellen und eine Zertifikatspflicht gut finden. Welche Bedeutung räumen Sie diesen Stimmen ein?
Ich habe seit unserer Stellungnahme hunderte von Rückmeldungen erhalten, zum Teil aus der Branche, zum Teil aus der Bevölkerung. Davon haben sich die allermeisten für unsere Haltung ausgesprochen und gefordert, dass wir nicht lockerlassen sollen. Aber natürlich gab es auch Leute, die uns an den Karren gefahren sind. Das Gesamtbild zeigt mir, was ich seit längerem befürchte: Dass unsere Gesellschaft zweigeteilt ist.
Nachweisbare Ansteckungen in Restaurants hat es bisher nur in einem kaum messbaren Rahmen gegeben. Deshalb drängt sich die Frage auf: Was hat der Bundesrat gegen die Gastronomie? Haben Sie eine Erklärung dafür, dass es immer Ihre Branche trifft?
Wir stellen uns diese Frage natürlich auch. Die Massnahmen gegen die Gastronomie sind nicht faktenbasiert. Es gibt keine Faktenlage, die zeigen würde, dass die Ansteckungsgefahr bei uns besonders hoch ist. Im Gegenteil: Es gibt Statistiken, aktuell beispielsweise aus dem Kanton Zürich, die zeigen, dass dem nicht so ist. Die Kantone haben durch das Contact Tracing Daten, wo sich das Virus verbreitet, und die klassischen Restaurants, die alle Auflagen einhalten – sitzende Konsumation, Maske beim Aufstehen, Mindestabstände, keine Vermischung der Gästegruppen – wiesen etwa im Kanton Zürich seit der Aufhebung des Shutdowns eine Ansteckungsrate von weniger als 0,4 Prozent auf. Die Gastronomie ist ein sicherer Ort.
Aber eben: Warum beisst sich der Bundesrat dann an Ihrer Branche fest?
Die Antwort darauf kann nur der Bundesrat selbst geben. Aber zu Ihrer Frage: Nein, ich denke nicht, dass es die Landesregierung explizit auf uns abgesehen hat. Klar, wir haben während der ganzen Krise hart verhandelt und ebenso hart kommuniziert. Aber in anderen Ländern wird gleich verfahren. Auch dort steht die Gastronomie im Fokus, auch dort werden die Massnahmen auf ihrem Buckel ausgetragen. Da ist die Schweiz keine Ausnahme.
Einige Kantone haben die Idee der Ausweitung der Zertifikatspflicht noch vor dem Bundesrat angeregt, dieser ist scheinbar darauf eingestiegen. Könnte es auch Kalkül gewesen sein, die Forderung zuerst in den Kantonen laut werden zu lassen? So konnte sich der Bundesrat auf diese abstützen.
Wir standen Ende Juli im Austausch mit dem zuständigen Departement des Inneren. Damals hiess es, man plane zwar keine Lockerungen, aber auch keine weiteren Verschärfungen der Massnahmen. Gleichzeitig wurden die Kantone aufgefordert, selbst aktiv zu werden, falls sich die Lage verschlechtern sollte. Es wurden proaktiv alle Kantone in diesem Sinn angeschrieben. Mir fällt auf, dass der Bundesrat den Kantonen dann folgt, wenn es ihm ins Konzept passt. Bei früheren Gelegenheiten, beispielsweise im Frühjahr, als einige Kantone die Öffnung der Restaurantterrassen forderten, hatte man kein Gehör für sie. Und nun nimmt man die Kantone plötzlich ernst.
Wie interpretieren Sie diese Feststellung?
Der Bundesrat will offenbar alles einschränken, was den Menschen Vergnügen bereitet: Freizeitaktivitäten, Erlebnisse, Gastronomie. Für mich läuft das auf eine Impfpflicht via Hintertür hinaus. Alles, was Spass macht, wird reduziert, es sei denn, man ist geimpft. Wenn der Bundesrat findet, eine Impfpflicht sei nötig, dann soll er das offen kommunzieren und die nötigen Schritte einleiten – aber nicht auf diese indirekte Art.
Bundesrat Alain Berset hat allerdings betont, es gehe bei der Ausweitung der Zertifikatspflicht nicht darum, die Impfquote zu erhöhen, er wolle nur das Gesundheitssystem schützen. Das heisst, Sie nehmen ihm seine Aussage nicht ab?
Das lässt sich leicht überprüfen. Ich bin gespannt, wann die geplante Zertifikatspflicht wieder ausser Kraft gesetzt werden wird. Dann, wenn die Impfquote genügend hoch ist oder wirklich, wenn das Gesundheitswesen genügend entlastet ist? Es gibt da viele Fragezeichen. Derzeit wird kommuniziert, es gebe viele Spitaleintritte von Ungeimpften mit jüngerem Jahrgang. Aber es wird nicht unterschieden zwischen der Belegung von normalen Spitalbetten und der Intensivstation. Am letzten Freitag wurden gesamtschweizerisch 3,7 Prozent der gesamten Spitalbelegung auf Covidpatienten zurückgeführt. Das ist nicht gerade alarmierend. Bei den Intensivbetten sind es etwas unter 28 Prozent. Wir wissen aber nichts über die Betroffenen in den Intensivstationen: Was sind das für Leute? Handelt es sich um die bekannten Risikogruppen mit Vorerkrankungen oder im höheren Alter? Gibt es auch Leute aus anderen Gruppen auf der Intensivstation? Wer sind die Patienten dort? Ich gehe davon aus, dass es sich bei den schweren Erkrankungen in erster Linie um Menschen aus der Risikogruppe handelt. Das heisst für mich, dass vor allem Risikogruppen endlich geschützt werden sollten, statt die ganze Gesellschaft mit Auflagen zu bestrafen. Ich bin überzeugt, dass der Bund über die entsprechenden Zahlen und Fakten verfügt, aber warum werden sie nicht kommuniziert?
Sie befürchten Umsatzeinbussen für Ihre Branche, weil die potenzielle Gästezahl markant schrumpfen würde. Hand aufs Herz, wäre ein Lockdown nicht schon fast praktischer für die Gastronomie als die Zertifikatspflicht? Wenigstens wüsste man dann, dass man gar kein Personal braucht und hat Anrecht auf Entschädigungen…
Einen mittlerweile dritten Lockdown will niemand, und die wenigsten unserer Betriebe würden einen solchen verkraften. Aber was mich stört: Es wird stets die Zertifikatspflicht gegen einen möglichen Lockdown ausgespielt. Und das stimmt einfach nicht. Es braucht in Wahrheit weder das eine noch das andere. Denn beides verfehlt die gewünschte Wirkung. Wir wollen keine Wahl zwischen Pest und Cholera, weil es keines von beiden braucht.
Sie sagen also, dass es wirksame Alternativen zu diesen beiden Szenarien gibt. Welche sind das?
Der Bundesrat hat laut Verfassung den klaren Auftrag, genügend Kapazitäten im Gesundheitswesen bereitzustellen. Aber was ist seit Beginn der Situation in diesem Bereich passiert? Was wurde gemacht, um die Spitalkapazitäten auszubauen? Im europäischen Vergleich steht die Schweiz diesbezüglich sehr schlecht da. Da muss man sich schon fragen, ob alles in diese Richtung unternommen wurde. Oder nehmen wir die Ferienrückkehrer. Es ist bekannt, dass diese für einen Grossteil der neuen Ansteckungen verantwortlich sind. Warum wurden diese Leute nicht getestet, wenn das Virus auf diese Weise eingeschleppt wird? Stattdessen wird nun unsere Branche unter Druck gesetzt.
Gibt es weitere Unterlassungen, die Sie dem Bundesrat vorwerfen?
Es war immer wieder ein Thema, dass es Medikamente gibt, mit denen die Situation entschärft werden könnte. Schon vor einem Jahr war die Rede davon. Es müsste die Aufgabe des Bundes sein, auch diesen Ansatz zu verfolgen, statt nur auf die Impfung zu setzen. Aber auch bei der Zertifikatspflicht gäbe es Alternativen. Zum Beispiel, dass ein Betrieb selbst entscheiden kann, ob er stattdessen auf die Luftqualität fokussieren will mit entsprechenden technischen Massnahmen. Oder ob er auf eine zusätzliche Kapazitätsbeschränkung oder eine lückenlose Erfassung von Gästedaten setzen möchte. Das sind Alternativen, die der Bundesrat prüfen und fördern müsste, bevor er die Zertifikatspflicht ausweitet.

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