Zwei tote Frauen – und eine Mauer des Schweigens

Zwei tote Frauen – und eine Mauer des Schweigens

In zwei Jahren wird der Doppelmord an einer Frau und ihrer Tochter verjährt sein. Das Verbrechen gehört zu den rätselhaftesten in der Schweizer Kriminalgeschichte. Die Polizei hatte bei den Ermittlungen einen schweren Stand: Das Umfeld der Opfer schwieg eisern.

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von Stefan Millius am 4.12.2021, 17:00 Uhr
In diesem Bereich am See in Arbon lag das Ferienhaus der beiden Opfer. (Bild: Google Maps)
In diesem Bereich am See in Arbon lag das Ferienhaus der beiden Opfer. (Bild: Google Maps)
Rund ein Dutzend Einträge umfasst die Liste der aktuellen Fahndungsfälle der Kantonspolizei Thurgau. Die meisten liegen einige Monate oder Jahre zurück. Das Schlusslicht bildet ein Fall, der nahezu drei Jahrzehnte zurückliegt: Ein Tötungsdelikt vom 3. oder 4. Juli 1993, begangen an Martha Heunisch (56) und ihrer Tochter Yvonne Heunisch (21). Wer Hinweise zur Klärung des Verbrechens habe, solle sich unter der angegebenen Telefonnummer melden, heisst es auf der Webseite.
Eine ziemliche Pro-forma-Formulierung. Denn dass das nach über 28 Jahren noch jemand tut, ist unwahrscheinlich. Eine Belohnung für den, der etwas weiss, ist nicht ausgeschrieben, anders als beispielsweise im Fall eines Ägypters, der 2007 bei Oberneunforn erschossen worden war. Und in fünf Jahren wird das Verbrechen an Mutter und Tochter Heunisch verjährt sein. Spätestens dann dürfte auch der letzte Verweis auf die Tat von offiziellen Quellen verschwinden.

Gefesselt und erschossen

Vieles an dem Doppelmord ist rätselhaft, wenig ist gesichert. Martha und Yvonne Heunisch hatten sich etwa eine Woche vor ihrem Tod in ein Ferienhaus in Arbon begeben, nahe am Strandbad, direkt am See. Über ihren Aufenthalt dort ist wenig bekannt, es gab lediglich vereinzelte, nicht weiter auffällige Sichtungen der Mutter in dieser Zeit. Am Vormittag des 4. Juli wurden die beiden Frauen im Ferienhaus aufgefunden, gefesselt und erschossen. Ein für die Schweiz ausserordentliches Verbrechen.
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Wahre Verbrechen: Jeden Samstag im Nebelspalter. (Zeichnung; Clemens Ottawa)
Bei Taten dieser Grössenordnung gibt es stets vier Seiten, die unweigerlich miteinander verstrickt sind: Die Opfer, der oder die Täter, die Polizei – und das nähere Umfeld der Opfer, allen voran die betroffenen Familien. Letztere sind es aller Regel, die dem Ermittlungserfolg entgegenfiebern, die alles ganz genau wissen wollen, die Druck ausüben auf die Behörden, umfassend zu ermitteln. Werden Täter gefasst, ist das für Angehörige und Freunde zwar in aller Regel kein Trost, aber eine gewisse Erleichterung. Sie erfahren dadurch mehr darüber, wie es zum Verbrechen kommen konnte, sie wissen die Verantwortlichen hinter Schloss und Riegel, und das hilft, mit dem Unfassbaren wenigstens halbwegs abzuschliessen.

«Lästige» Ermittlungen

Aber nicht in diesem Fall. Frustriert sei man gewesen über das Verhalten des Beziehungsumfelds der Opfer, erinnert sich ein Polizist, der damals, auf dem Höhepunkt der Ermittlungen, an diesen beteiligt war. Denn während sich in den meisten Fällen Verwandte und Bekannte förmlich überschlagen mit Theorien zum Motiv oder möglichen Tätern, weil sie helfen wollen, war hier das Gegenteil der Fall: Eine Mauer des Schweigens herrschte.
Niemand wollte über das Leben der beiden Frauen vor der Tat sprechen, keiner offerierte mögliche Erklärungsversuche. Es gab keinerlei Hinweise, wo man wenigstens ansetzen könnte. Das Verhalten des Umfelds sei im Gegenteil «fast schon feindselig» gewesen, sagt der Polizist. Es habe die Ermittlungen offensichtlich als lästig empfunden und sei nicht bereit gewesen, aktiv zu kooperieren.
Bei Polizisten löst ein solches Verhalten zunächst Misstrauen aus, weil es nicht dem gängigen Muster entspricht. Wer ist nicht bereit, mit möglichst viel Informationen einen Beitrag zum Tod seiner Bekannten oder Verwandten zu leisten? Welchen Grund dafür kann es geben?
Was damals im Rahmen der Ermittlungen trotz dieser Mauer des Schweigens enthüllt wurde, ist nicht öffentlich bekannt. Ganz offensichtlich hat es aber nicht gereicht, eine Täterschaft zu überführen. Die «heisseste Spur» war die eines unbekannten Mannes, mit dem Martha Heunisch in der Zeit vor ihrem gewaltsamen Tod in St.Gallen gesehen worden war. Sein Phantombild war wohl noch der greifbarste Ansatz, führte aber ins Nichts. Ebenso wie die Spuren auf eine Drittperson, die man am Tatort fand.

Geld abgehoben

Aus den Reihen der Ermittler hiess es damals, der angetroffene Tatort deute auf ein mögliches Beziehungsdelikt hin. Vermutlich gaben die Art der ausgeübten Gewalt oder auch die «Inszenierung» der Leichen Hinweise darauf. Es existierten auch Hinweise darauf, dass Mutter und Tochter vor ihrem Tod jemanden im Ferienhaus erwartet hatten. Es schien also keine spontane Tat gewesen zu sein – und keine zufälligen Opfer.
Ein geplanter Besuch, vermutlich von jemandem, den man kannte: Da ist es umso verständlicher, dass die Polizei möglichst viel Details über das Umfeld der Opfer in Erfahrung bringen wollte. Und umso mehr lässt es aufhorchen, wenn dieses Umfeld sich verweigert. In der Folge führte das in der Wohnregion der Opfer zu wilden Gerüchten über deren Lebensstil, ein Effekt, der wohl kaum erwünscht gewesen war.
Der spätere Verlauf der Dinge war im Gegensatz zum Verbrechen nachverfolgbar: Der oder die Täter flüchteten mit dem Auto von Yvonne Heunisch, liessen es in Romanshorn stehen, hoben dort Geld mit der EC-Karte von Martha Heunisch ab und machten später in St.Gallen einen weiteren Geldbezug. Es war eine Fülle von hektischen Aktivitäten in der näheren Region unmittelbar nach der Tat, die mit den heutigen technischen Möglichkeiten vielleicht den entscheidenden Hinweis erbracht hätten, beispielsweise dank öffentlichen Kameras. Damals, 1993, verlief alles im Sand.

Hoffen auf den Zufall

Am guten Willen fehlte es nicht. Die Kantonspolizei Thurgau setzte damals umgehend eine Sonderkommission ein und verwertete jede mögliche Spur. Heute beschränkt sich die Aktivität in diesem Fall notgedrungen darauf, bei anderen Verbrechen Parallelen zur Tat in Arbon zu suchen. Es ist die Hoffnung auf einen Zufall, der nicht unmöglich, aber auch nicht besonders wahrscheinlich ist nach fast 30 Jahren, kurz vor der Verjährung.
Martha und Yvonne Heunisch hatten vor ihrem Tod in Gossau bei St.Gallen gelebt. Dort wird ihrer einmal pro Jahr in der Pfarrei Andreas + Paulus im Rahmen eines Gottesdienstes gedacht. Es sind die letzten Spuren, die Mutter und Tochter hinterlassen.

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