Somms Memo

Zum Tod von Michail Gorbatschow. Ein Held wider Willen und ohne Fortune

image 31. August 2022, 10:02
Michail Gorbatschow (1931-2022), der letzte Staatspräsident der Sowjetunion.
Michail Gorbatschow (1931-2022), der letzte Staatspräsident der Sowjetunion.
Die Fakten: Michail Gorbatschow ist tot. Der letzte Staatschef der Sowjetunion starb im Alter von 91 Jahren in Moskau.

Warum das wichtig ist: Gorbatschow war ein Kommunist, der zuerst den Kommunismus retten wollte, dann sein Land. Er scheiterte an beidem.


Als Michail Gorbatschow im März 1985 zum Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion ernannt wurde – ein fürchterlicher Titel, der konkret einfach hiess: er war der Chef des grössten Landes der Welt –, als Gorbatschow dieses hohe Amt antrat, wollte er zuerst etwas Selbstverständliches wissen:
  • Wie geht es der Sowjetunion eigentlich wirtschaftlich?
  • Wieviel geben wir für Rüstung aus, wieviel für den Rest?
  • Wächst die Wirtschaft – oder stehen wir vor dem Bankrott?

Kurz, Gorbatschow – von der Ausbildung her ein Agrarökonom – wollte Zahlen sehen. Nur Zahlen. Also telefonierte er irgendeinem Sous-Chef, dieser telefonierte seinem Sous-Sous-Chef und so weiter, am Ende befassten sich wohl Hunderte von Beamten mit dem Auftrag des neuen Generalsekretärs. Und nach Tagen der Suche kam heraus:
Niemand wusste die Zahlen.
  • Lag es daran, dass die Sowjetunion eine Diktatur der Geheimniskrämerei war, und jede Statistik gefälscht blieb, weil jeder Sous-Chef Angst hatte, seinen Chef mit schlechten Nachrichten zu behelligen?
  • Oder wollte man es gar nicht wissen, weil die Wahrheit so schwer zu ertragen war?
Vermutlich lag es an beidem.
Das Regime litt unter Paranoia – und es hatte dazu allen Grund. Niemand durfte wissen, wie schlecht es um das älteste und angeblich erfolgreichste sozialistische Land der Weltgeschichte bestellt war.
Diktatur der Geheimniskrämerei. Das ging so weit, dass man in der Sowjetunion keine Telefonbücher kaufen konnte, geschweige denn nach Hause nehmen durfte.
Wer eine Nummer wissen wollte, musste sich zu einem «Informationskiosk» begeben, wo die Angestellten die Telefonbücher wie pornografische Literatur unter dem Ladentisch versteckten. Sie waren angewiesen, niemandem, er mochte noch so verzweifelt fragen, die Telefonnummer einer ausländischen Botschaft zu verraten.
Gorbatschow wollte dies alles ändern. Er sprach von Glasnost (Offenheit) und von Perestroika (Rekonstruktion), er schüttelte das Land durch, wie vielleicht nie zuvor seit DER Revolution von 1917, er entliess Gegner, ersetzte sie mit Loyalisten, er suchte Entspannung mit dem Westen, verstand sich dabei gar nicht so schlecht mit Ronald Reagan, dem US-Präsidenten, der noch vor wenigen Jahren die Sowjetunion als «Reich des Bösen» klassifiziert hatte, er reformierte und rekonstruierte:
Am Ende scheiterte er grandios.
Zuerst hatte er versucht, den Kommunismus zu retten, denn er glaubte lange daran, dass diese Gesellschaftsform dem Kapitalismus trotz alledem überlegen war, als er seinen Irrtum einsah, wollte er nur noch sein Land retten. Beides misslang.
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Gorbatschow, der berühmteste Russe der jüngsten Vergangenheit, ist auch der unglücklichste.
  • Ein tragischer Held,
  • ein Friedensstifter oder
  • ein Versager?

Wenn wir nach den Ursachen seines Scheiterns suchen, ist der Vergleich mit China aufschlussreich.
  • Beide Länder waren kommunistisch – und China ist es noch.
  • Beide begannen in den 1980er Jahren sich zu reformieren, da beide in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckten

Doch die Sowjetunion fiel auseinander und ist wirtschaftlich seither kaum vom Fleck gekommen, während China zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen ist.
Drei Ursachen, die erklären, warum Gorbatschow auf keinen grünen Zweig kam:
1. Die Gnade der späten Industrialisierung
Russland war schon vor dem Ersten Weltkrieg ein Industrieland, als es noch von den Zaren regiert wurde, und es sah ganz danach aus, als würde das Land, obwohl noch stark agrarisch geprägt, bald zum Westen aufschliessen.
China lebte damals noch im Mittelalter – und blieb in diesem urtümlichen Zustand bis in die 1970er Jahre: Ein Zustand, wo die Menschen immer kurz vor der nächsten Hungersnot standen. Industrie gab es, aber wenig davon.
Dagegen brachte es die Sowjetunion fertig – selbst unter kommunistischer Herrschaft – sich zu einem beachtlichen, modernen Industriestaat zu entwickeln. Doch Kommunismus hiess auch: Kommandowirtschaft, Planwirtschaft, Korruption und Verschwendung. Es funktionierte auf die Dauer nicht.
Schon in den 1970er Jahren ahnten die Chefs im Politbüro, dass man nicht mehr vorankam – auch ohne die Zahlen zu kennen.
Ein industrialisiertes Land zu reformieren, wo die Industrie nicht mehr wächst, sondern zerfällt, ist viel schwieriger als einen Agrarstaat wie China von Grund auf zu erneuern.
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2. Die Last, die Nummer eins zu sein
Im sozialistischen Universum, der sogenannten Zweiten Welt, war die Sowjetunion unbestritten die Nummer eins. Das brachte Prestige und Macht, doch das erwies sich auch als Hypothek. Wer Reformen anstrebte, hatte es intern mit Gegnern zu tun, die stets auf den erreichten, herausragenden Status des Landes verwiesen.
Das erinnert mich an eine Anekdote, von der ich in Deutschland gehört habe:
  • «Junger Mann, wir sind vierzig Jahre an der Macht», sagte ein alter SPD-Genosse in Nordrhein-Westfalen zu meinem Freund, als der sich als Student für die Partei engagieren wollte und Neuerungen anregte: «So viel können wir nicht falsch gemacht haben».
  • Mit diesem Widerstand der Blasierten und Selbstgefälligen bekam es auch Gorbatschow zu tun. So viel er auch reformierte und reformierte, man liess ihn oft ins Leere laufen

China stattdessen, ein Rivale und Junior zugleich, war die Nummer zwei. Das entlastet, das motiviert, das erleichtert es, aufzuholen.
3. Der Fluch des schwarzen Goldes
Die Sowjetunion war einer der grössten Erdölproduzenten des Planeten, – wie das Russland heute noch ist. Das war ein Segen, das war ein Fluch. Jedenfalls hing das sozialistische Arbeiter– und Bauernparadies auf Gedeih und Verderb vom Öl ab. Manchmal verwandelte es sich deshalb in die Hölle.
Lag der Ölpreis hoch, verdienten die Kommunisten an den Kapitalisten – und konnten ihre wirtschaftlichen Sorgen vergessen. Sank der Preis, brach in Moskau Panik aus. Dann wurde sichtbar, wie wenig die eigene Planwirtschaft taugte, dann merkten die Sowjetbürger, dass etwas nicht stimmte, selbst wenn die Chefs und ihre Sous-Chefs etwas anderes behaupteten.
Als Gorbatschow 1985 zum Generalsekretär aufstieg, brach kurze Zeit später der Ölpreis zusammen. Auf einmal fehlte viel Geld – das Gorbatschow dringend gebraucht hätte, um seine Reformen zum Erfolg zu bringen. Stattdessen stürzte zusammen mit dem Ölpreis die sowjetische Wirtschaft in den Abgrund.
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Sie gleicht einer antiken Tragödie, diese Karriere eines Kommunisten (mit russischem Vater und ukrainischer Mutter), der in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen war, um die Armut auf immer zu überwinden:
  • Gorbatschow war 54 Jahre alt, als er zum Generalsekretär bestimmt wurde. Er galt als sehr jung für dieses Amt. Seine Vorgänger waren 68 und 73 Jahre alt gewesen, das Durchschnittsalter im Politbüro, dem obersten Gremium der Partei, lag bei 69.
  • 1991, als er sein Amt aufgeben musste, weil ihm inzwischen das Land abhandengekommen war, das er regiert hatte, war er bloss 60 Jahre alt.

«Wen die Götter lieben, stirbt jung.» Sagten die alten Griechen.
Gorbatschow hat den Kalten Krieg beendet. Nicht weil er wollte, sondern weil der Kalte Krieg sein Land beendet hatte.

Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Tag Markus Somm

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