Helikoptereltern, aufgepasst: 20 Katastrophen zum Schulanfang

Helikoptereltern, aufgepasst: 20 Katastrophen zum Schulanfang

Alain Pichard erzählt, war früher für Schüler normal war und heute unmöglich scheint. Er hatte übrigens eine ziemlich schöne Schulzeit.

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von Alain Pichard am 13.8.2021, 07:00 Uhr
Das Leben kann schön sein, auch in der Schule. Foto: Shutterstock
Das Leben kann schön sein, auch in der Schule. Foto: Shutterstock
Liebe Eltern schulpflichtiger Kinder,
Wenn Sie diese Kolumne lesen, werde ich mein 44. Schuljahr als Lehrer abgeschlossen haben und in Pension gehen. Natürlich hat sich während all dieser Jahre in meinem Arbeitsumfeld viel verändert und dabei ist es mir auch nicht entgangen, dass Sie, liebe Eltern, der Schule und dem Schulerfolg Ihrer Kinder mehr Bedeutung zukommen lassen, als dies meine Eltern taten. Damit eine nicht allzu sorgenvolle Zeit für sie anbricht, möchte ich Sie zu Beginn dieses Schuljahres auf einige heute empfundenen Katastrophen hinweisen, die ich als Schüler überlebt habe. Es soll Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, bei all den kommenden Problemen zu mehr Gelassenheit verhelfen.
1. Velotouren ohne Velohelm
2. Masern, Röteln, Scharlach ohne Impfung
3. OL in einem Zeckengebiet ohne Warnbrief und Kleidervorschriften.
4. Eine Zeugnisnote «3» im Fach Mathematik ohne Diskalkuliediagnose und Förderplan
5. Den tödlichen Herzinfarkts meines Klassenlehrers auf einer Schulreise ohne psychologische Nachbetreuung.
6. Ein nicht gelerntes Diktat mit 30 Fehlern und einer «1» ohne späteren Nachteilsausgleich und Spezialförderung.
7. Die Aufsatzkorrekturen des Herrn Dr. Wehrle mit dem Kommentar: «Es war eine Zumutung so etwas zu korrigieren» – ohne Verlust des eigenen Selbstwertgefühls.
8. Schwimmen im Rhein ohne einen Betreuer mit Lebensretterbrevet.
9. Den Alkoholausschank am St.Johanns-Fest als 12-jähriger ohne polizeiliche Nachuntersuchungen.
10. Den Physikunterricht des Dr. Würgers, des strengstens Lehrers des letzten Jahrhunderts, ohne Erschöpfungssyndrom.
11. Das Auswendiglernen von «Schillers Glocke» ohne Überlastungssyndrom
12. Den Kinnhaken meines Klassenlehrers Rigling in der 4. Klasse ohne nachfolgende Anzeige meiner Eltern. Er hatte sich vorher brieflich entschuldigt und die zerbrochene Brille bezahlt!
13. Einen Boxkampf während einer Museumsführung in Augusta Raurica mit meinem Erzfeind Karl Kuske ohne nachherigen Gang zum Schulpsychologen.
14. Der Verrat meines Schulschätzchens Kathrin, die sich besagtem Karl Kuske anschloss, ohne dass Mobbingvorwürfe erhoben wurden.
15. Eine Freizeitgestaltung ohne Jugendarbeit.
16. Den Unterricht in einem Klassenzimmer mit 32 SchülerInnen ohne Speziallehrkraft.
17. Mindestens zehn Schuljahre ohne Schulreform
18. Den Rauswurf aus dem Gymnasium wegen zu vieler Absenzen, ohne dass meine Eltern Rekurs einlegten.
19. Ein halbes Jahr Arbeit im Schlachthof Basel plus Einstellung aller Zahlungen, zu dem mich mein Vater nach dem Rauswurf aus dem Gymnasium verdonnert hat, ohne anschliessendes Burnout
20. Ein Leben ohne Matur ohne gravierende Spätfolgen
Ich hatte übrigens eine ziemlich schöne Schulzeit.

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