Zufriedenheit bei der Arbeit sollte man nicht zeigen

Zufriedenheit bei der Arbeit sollte man nicht zeigen

Viele Menschen verbringen einen grossen Anteil ihres Lebens bei der Arbeit. Da wäre es schön, wenn sie am Arbeitsplatz auch zufrieden oder sogar glücklich wären. Doch das ist an den meisten Arbeitsorten nicht vorgesehen. Vielmehr werden umfangreiche Vorkehrungen getroffen, um das zu verhindern.

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von Mathias Binswanger am 24.5.2021, 13:00 Uhr
Quelle: Shutterstock
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Es hat sich ein eigentlicher Unzufriedenheitskult etabliert, in der Unzufriedenheit zur Tugend hochstilisiert wurde. Diese wird mit Leistungsbereitschaft und Ambition gleichgesetzt. Wer Zufriedenheit ausstrahlt, signalisiert hingegen, dass er den Status Quo als ausreichend betrachtet. Und das ist in einer auf Erfolg ausgerichteten Gesellschaft systemwidrig. Dort lautet die Devise: «Das Gute ist der Feind des Besseren» und «Stillstand ist Rückschritt».

Unzufrieden sein ist im Trend

Wir dürfen uns nie mit etwas zufrieden, geben, sondern müssen permanent versuchen, noch besser zu werden. Kaum ist ein Ziel erreicht, muss der nächste Meilenstein definiert werden, ein noch grösserer Erfolg angestrebt werden. Wir sollen das Glas nicht zu neun Zehnteln als voll, sondern zu einem Zehntel als leer sehen, und dieses Zehntel dann stets in den Vordergrund stellen. Das gilt für private Unternehmen genauso wie für öffentliche Institutionen. In einem Unternehmen sorgt ein leichter Gewinnrückgang für grossen Unmut, während an einer Universität etwas weniger Publikationen in Topzeitschriften oder etwas weniger Studenten zu grosser Sorge Anlass geben.
Damit die Unzufriedenheit nachhaltig wirkt, werden die meisten Ziele relativ definiert. Wir müssen versuchen unter die Top 10 zu kommen, oder die besten in einer Region sein. Hat man dies geschafft, dann muss man im nächsten Jahr unter die Top 3 zu kommen oder landesweit an der Spitze zu sein. Und ist man erst einmal so weit, dann geht in der Zukunft darum, diese Position zu verteidigen. So kann man sich nie ausruhen, und die Gefahr, dass sich langsam doch Zufriedenheit in eine Organisation einschleicht, bleibt gering. Nur etwas bleibt meist unklar: der Sinn dieser ganzen Aktivitäten. Warum soll man zu den Top 3 gehören oder noch mehr Publikationen erstellen? Doch solche Fragen werden offiziell nie gestellt. Erfolg soll man nicht hinterfragen, sondern anstreben.

Wer überlastet wirkt und sich über Stress beklagt, macht alles richtig.

Kein Wunder deshalb, dass viele Menschen mit verkniffenen, unzufriedenen Gesichtern am Arbeitsplatz oder neuerdings auch verstärkt im Homeoffice anzutreffen sind. Denn das gehört zu unserer Arbeitskultur. Wer überlastet wirkt und sich über Stress beklagt, macht alles richtig. Er oder sie signalisiert nach aussen Unzufriedenheit und den Willen, die Situation zu verbessern. Ist man hingegen, fröhlich, gutgelaunt oder sogar entspannt, dann kommt sofort der Verdacht auf, dass da jemand faul oder leistungsunwillig ist.
Wenn man wirklich mit seiner Arbeit zufrieden ist, dann sollte man sich das nicht anmerken lassen. Besser ist es, sich heimlich hinter einer nach aussen zur Schau gestellten unzufriedenen Miene zu freuen und einen überlasteten und gestressten Eindruck zu hinterlassen. Das kommt bei Arbeitgebern sowie Kolleginnen und Kollegen gut an und kostet nicht viel Mühe.
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