Zürich wird zur «Korso-Stadt»

Zürich wird zur «Korso-Stadt»

image
von Michael Schoenenberger, Partner bei Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten am 1.6.2021, 09:00 Uhr
image
  • Kommentare
  • Zürich
  • Gesellschaft

Autokorsos, Velokorsos – das ist die neue Realität in der Stadt Zürich. Die Autohorden kommen jedes Wochenende, die Velohorden kommen jeden Monat. Während die Sinnlosigkeit der Autodemos kaum zu überbieten ist, kämpfen die Velofahrer für ein Anliegen, das mehr als nur nachvollziehbar ist.

Am letzten Freitag demonstrierten in der Stadt Zürich Tausende Velofahrer für bessere Velo-Bedingungen. Nach Angaben der Teilnehmer waren es bis zu 10'000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die ihre Route frei durch die Stadt wählten und damit den Autoverkehr wie auch den öffentlichen Verkehr teilweise lahmlegten. Die Polizei spricht von mehreren Tausend Velofahrerinnen und Velofahrern.
Bevor Sie weiterlesen und dann allenfalls enttäuscht oder gar erbost sind über meine Zeilen: Ich kann mich über den Protest nicht aufregen, ganz im Gegenteil.
Eigentlich wirft das, was geschehen ist, eine durchaus spannende staatspolitische oder vielleicht auch rechtliche Frage auf. Nehmen wir einmal an, die Velo-Karawane hätte auf der Hardbrücke nicht mitten auf der Strasse angehalten, sondern sie wäre stets gefahren. Es gab also keinen absichtlichen Akt, den Verkehr zu blockieren. Es wären einfach so viele Velofahrer unterwegs gewesen, dass sie keinen Platz gehabt hätten und es darum gar nicht möglich gewesen wäre, andere Verkehrsteilnehmer nicht zu blockieren.
Wie würde unser Staat darauf reagieren? Dürfte er überhaupt auf einer vorgängig einzuholenden Demonstrationsbewilligung bestehen (was die grüne Polizeivorsteherin Rykart nicht tut)? Wie definiert sich eine Demonstration? War das nicht einfach ein hohes Verkehrsaufkommen?

Musik und Motoren

Jedes Wochenende rollt in Covid-Zeiten die wegen ausbleibenden Parties ganz offensichtlich unterbeschäftigte Agglo-Jugend ins Zürcher Stadtzentrum. Beobachtet werden können tiefergelegte und mit dicken Endrohren versehene VW Golf, aber die meisten Karren kommen aus den deutschen Luxusschmieden: Mercedes, Audis, BMW’s. Regelmässig blockiert sind das Seebecken wie auch die Zufahrtsstrassen zum Seebecken, ja ganze Quartiere. Am Steuer sitzen «bockstössige Himbeerbueben» mit guten Leasingverträgen, und von den Beifahrersitzen ragen lackierte Fussnägel aus den Fenstern. Dazu dröhnen Musik und Motoren.
Sind dies nun Demonstrationen für mehr Agglomerations-Toleranz in Innenstädten? Oder sind es Demos gegen die Corona-Politik? Oder handelt es sich um eine neuartige Form einer gewerblichen Autoausstellung, die sich fahrend präsentiert? Müssten diese nicht doch auch bewilligt werden, wenn man einem Zug von Velofahrern eine Bewilligung abringen will?
Aber ich muss schon sagen und auch betonen: Während ich fassungslos die Sinnlosigkeit und Biederkeit der Autokorsos betrachte, habe ich für die Anliegen der Velofahrer Verständnis. Sicher: Es gibt unterdessen in Zürich einige Velorouten, aber unterwegs sein mit dem Velo ist noch immer eine meist gefährliche Sache. Stellenweise ist es eigentlich unmöglich, mit einem Velo überhaupt durchzukommen. Als Motorradfahrer beobachte ich den Kampf der Velofahrer fast täglich.

Gemeinsam, nicht gegeneinander

Nun halte ich den Streit zwischen den Verkehrsträgern für etwas äusserst Biederes. Das erinnert mich alles fürchterlich an die Debatten der 1960er, 1970er-Jahre.
Gefragt wäre doch heute die Ermöglichung guter und die Kostenrealität abbildender Bedingungen für sämtliche Verkehrsteilnehmer, und dazu gehören auch Velorouten. Andere Städte zeigen, wie das geht. Die linke Zürcher Stadtregierung indessen ist ideologisch unterwegs – wie auch die Bürgerlichen. Anstatt Velorouten einfach zu bauen, streitet man sich lieber jahrelang um ein paar Parkplätze und darüber, ob der Velokorso nun eine Bewilligung benötige oder nicht.
Aber gut, Tempo 30 ist ja immerhin auch etwas: Ich habe mich nun damit abgefunden, dass ich nicht nur mit dem Bus ganz langsam vorwärts komme. Gleiches gilt für das Motorrad. Bei diesem muss ich wegen des Tempos den zweiten Gang einlegen, im dritten würde es den Motor abwürgen. Der 2. Gang ist lauter – die Anwohner danken es.
Ähnliche Themen
image

Jetzt sprechen Lehrer über die vielkritisierte KV-Reform: «Es ist nicht halb so wild, es ist doppelt so wild» – Teil 4

image
Sebastian Briellmann, Heute, 10:00
comments5