Zürich will mehr Fernwärme für besseres Klima

Zürich will mehr Fernwärme für besseres Klima

Die Stadt plant einen massiven Ausbau der Fernwärmeversorgung und begründet dies mit der Treibhausgasreduktion. Doch der Effekt ist teuer erkauft. Zudem müssen sich Hausbesitzer lange binden.

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von Peter Kuster am 11.11.2021, 08:00 Uhr
Das 1000 Grad heisse Feuer im Ofen der Stadtzürcher Kehrichtverwertungsanlage Hagenholz. Bild: Keystone
Das 1000 Grad heisse Feuer im Ofen der Stadtzürcher Kehrichtverwertungsanlage Hagenholz. Bild: Keystone
Alles andere als eine erdrückende Ja-Mehrheit wäre angesichts der urbanen Grosswetterlage eine riesige Überraschung: Am 28. November stimmen die Bürger der Stadt Zürich über einen «Rahmenkredit von 330 Millionen Franken für den Ausbau der Fernwärmeversorgung» für die Jahre 2022 bis 2040 ab. Im Zentrum der Argumentation des Pro-Lagers (Stadtrat, Gemeinderat und alle Parteien bis auf die SVP) steht – ganz dem Zeitgeist verpflichtet – der Klimaschutz respektive die Vermeidung von Treibhausgasemissionen. Verwiesen wird in der Abstimmungsbroschüre des Stadtrats nicht nur auf Zusage der Schweiz, die Klimaschutzziele des Pariser Abkommens einzuhalten, sondern auch auf die Klimaschutzziele der Stadt Zürich, die bis 2040 auf ihrem Gebiet «Netto-Null» erreichen möchte.
Laut Stadtrat soll der Ausbau «wesentlich dazu beitragen, dieses Ziel zu erreichen», da Fernwärme von ERZ Entsorgung & Recycling Zürich (ERZ) die Umwelt weniger belaste als Öl- und Erdgasheizungen. Mit dem Rahmenkredit können neue Fernwärmeanschlüsse realisiert werden, die Einnahmen abwerfen – und dadurch kann auch der Kredit verzinst und nach und nach getilgt werden.
Zu beachten ist dabei, dass ERZ nicht nur für die gelieferte Energie Geld erhält, sondern auch für die Entgegennahme des Rohstoffs. Pro Tonne Abfall bezahlen die sogenannten Vertragsgemeinden aus dem Kanton derzeit nämlich 140 Franken pro Tonne, wobei der Stadtrat dem Gemeinderat beantragt, den Preis voraussichtlich per Anfang 2024 auf 82 Franken zu senken. Der Preis für die Verwertung von «Marktkehricht» – also brennbarem Abfall aus der Industrie, dem Gewerbe und dem Bau – orientiert sich an Angebot und Nachfrage.

Das Geschäft mit dem Abfall

Abgesehen davon, wie frei der Markt für die Abfallbewirtschaftung in Anbetracht des grossen Gewichts staatlicher Akteure tatsächlich funktionieren kann – Fernwärme ist selbst ganz ohne Klimaschutz grundsätzlich eine vernünftige Sache, wobei Fernwärme trotz des Namens aus Effizienzgründen (Übertragungsverluste) möglichst nahe der Quelle eingesetzt werden sollte.
Es geht dabei heute in Zürich um die Abwärme aus der Kehrichtverwertungsanlage (KVA) Hagenholz und dem Holzheizkraftwerk Aubrugg, die von ERZ Entsorgung & Recycling Zürich in Form von heissem Wasser oder Dampf (zwischen 90 und 105 Grad) durch unterirdische Leitungen zu den angeschlossenen Liegenschaften geleitet wird.
Dass es besser ist, die Abwärme, die bei der Abfallverbrennung (oder anderen industriellen Prozessen) entsteht, als Energie zu nutzen, anstatt sie einfach sinnlos in die Umwelt abzustrahlen, dürfte unabhängig vom politischen Standpunkt oder der Positionierung in der Energiedebatte einleuchten. In der Stadt Zürich heizt man denn auch schon viel länger mit Fernwärme, als man sich Sorgen um die Klimaerwärmung macht. Die erste Leitung wurde bereits im Jahr 1927 gebaut.
Heute ist knapp ein Viertel des Stadtgebiets mit Fernwärme erschlossen – was natürlich nicht heisst, dass in diesem Gebiet auch alle Liegenschaften Fernwärme verwenden. Versorgt werden 6400 Liegenschaften, die Netzlänge beträgt 150 Kilometer. «Im Vergleich zu einem reinen Öleinsatz werden damit jährlich rund 200’000 Tonnen CO2 eingespart», rechnet der Stadtrat vor und wirbt damit, dass der Ausbau die Emissionen um zusätzliche 36’000 Tonnen CO2 reduzieren würde.

Winter: Abfall knapp, Nachfrage hoch

Allerdings reicht die Wärme aus dem Abfall und dem Holz nicht in jedem Fall, um den Bedarf der angeschlossenen Liegenschaften zu decken. «Falls im Winter eine kurzfristige Auslastungslücke in der KVA Hagenholz entsteht, wird diese in erster Priorität durch ein Ballenlager (also durch zusammengepressten vorrätigen Abfall) abgedeckt», konkretisiert ERZ-Mediensprecher Daniel Eberhard gegenüber dem «Nebelspalter» das Prozedere. In zweiter Priorität gelangten Abfälle aus dem Deponierückbau oder Altholz und in dritter Priorität Abfälle von ausserhalb des Kantons Zürich zum Einsatz.
In der Broschüre hält der Stadtrat zudem fest: «Bei tiefen Temperaturen und zu Spitzenlastzeiten wird zusätzlich Erdgas und im Notfall Öl eingesetzt.» Eberhard ergänzt, dass in der kalten Jahreszeit fast täglich Gas für die Aufbereitung des Heisswassers eingesetzt werde, Öl hingegen nur, wenn die Gasversorgung ausfalle. Gemäss ERZ-Tätigkeitsbericht 2020 waren 78 Prozent der Fernwärme CO2-neutral (63 Prozent Kehricht und 15 Prozent Holz), 22 Prozent entfielen auf Gas und weniger als 1 Prozent auf Öl.
Vom Total des in KVA Hagenholz verwerteten Gesamtvolumens von 250’000 Tonnen im Jahr 2020 entfielen 100’000 Tonnen (40 Prozent) auf städtischen Siedlungskehricht, 18 Prozent kamen von Vertragsgemeinden aus dem Kanton, und 42 Prozent wurden von Privaten und Unternehmen eingeliefert, wobei es sich dabei vor allem um Marktkehricht handelt. Insbesondere Bauabfälle weisen eine ausgeprägte Saisonalität auf: Sie sind im Winter knapp – ausgerechnet dann, wenn der Wärmebedarf gross ist. Ein kleiner Teil der Abfälle stammt aus dem Ausland. Der Landkreis Waldshut, ein Vertragspartner, der zu «Privaten und Unternehmen» gezählt wird, liefert jährlich rund 8000 Tonnen.
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Eine Fernwärmeinstallation im Holzheizkraftwerk Aubrugg. Bild: Keystone

Strapaziertes Kosten-Nutzen-Verhältnis

Ein erster kritischer Punkt der Vorlage ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis. In den vergangenen Jahrzehnten hätten Stadt, Kanton und ETH Zürich über 600 Millionen Franken in den kontinuierlichen Ausbau der Fernwärme investiert, heisst es in der Abstimmungsbroschüre. Damit werden wie erwähnt 200’000 Tonnen CO2 eingespart. Mit dem aktuellen Rahmenkredit von immerhin 330 Millionen Franken erhöht sich die eingesparte Menge um nicht mal 20%. Das scheint, nicht zuletzt wegen der aufgrund der langen Realisierungsphase zwangsläufig beträchtlichen Unsicherheiten, mit über 9000 Franken pro Tonne CO2 ein ziemlich hoher Preis für den Klimaschutz zu sein.
Ein zweiter Punkt betrifft vor allem die Liegenschaftenbesitzer in den für die Neuerschliessung vorgesehenen Gebieten. Denn ihre künftige Wahlfreiheit bezüglich Art der künftigen Energieversorgung wird erheblich eingeschränkt.

Gasnetz wird stillgelegt

So hat die Stadt zum einen unter dem Banner «Erneuerbare Energien auf dem Vormarsch» sogenannte Gasrückzugsgebiete ausgeschieden, das heisst Standorte und entsprechende Zeitpunkte definiert, in denen das Gasverteilungsnetz stillgelegt wird.
Dabei spiele eine Rolle, welche technischen Voraussetzungen in den Gebieten vorhanden seien, konkret die thermischen Netze und die Möglichkeit der Grundwassernutzung, erläutert Eberhard die Kriterien. Die Stilllegung werde dem Hausbesitzer nach Möglichkeit mindestens 15 Jahre im Voraus angekündigt (weitere Informationen zur Stilllegung des Gasnetzes). Gesetzliche Grundlage für den (politisch erwünschten) Rückbau des Gasnetzes bilde die kommunale Energieplanung.
Der kantonale und regionale Richtplan gäben vor, «eine Doppelversorgung von Quartieren mit zwei sich konkurrenzierenden leitungsgebundenen Energieträgern zu vermeiden» – was an sich sachlich richtig und nachvollziehbar ist, aber nicht unbedingt so interpretiert werden muss, dass ein funktionierendes Netz des einen (derzeit politisch weniger opportunen) Energieträgers zwingend durch eine kostspielige neue Infrastruktur für einen anderen (derzeit politisch genehmeren) Energieträger zu ersetzen ist.

Hausbesitzer 13 Jahre ohne Wahl

Aber auch der Wärmelieferungsvertrag (siehe unten), den der Hausbesitzer mit der ERZ abschliesst, bindet den Hausbesitzer auf eine lange Frist. Die Standardvertragsdauer beträgt 15 Jahre, und wird der Vertrag nicht 2 Jahre vor Ablauf gekündigt, verlängert sich die Vertragsdauer jeweils um weitere 5 Jahre. Für neue Anschlüsse beträgt die Mindestvertragsdauer somit 13 Jahre. Zudem ist der Fernwärmebezüger bei einem Handwechsel verpflichtet, den Vertrag auf seinen Rechtsnachfolger zu übertragen.
  • WV 2021_NeuAnschluss.docx
Immerhin hat der Hausbesitzer das Recht, bei einer Erhöhung des Fernwärmetarifs (siehe Textkasten) ausservertraglich auf den Zeitpunkt des Inkrafttretens des neuen Tarifs zu kündigen. Entscheidet sich Hausbesitzer für eine andere Energieform, muss er allerdings den einmaligen Anschlussbeitrag, der beim Vertragsabschluss fällig wird, abschreiben, was in der Realität Wechselgelüste zusätzlich zügeln dürfte. Der Beitrag beläuft sich auf ein Drittel der Anschlusskosten – der Restbetrag wird über die Vertragslaufzeit amortisiert.

Neues Tarifmodell
Am 1. Januar 2022 tritt ein neues Tarifmodell für Fernwärme in Kraft. Wie bisher setzt sich der Tarif aus dem Arbeitspreis (zur Deckung der verbrauchsabhängigen Energiekosten), dem Leistungspreis (in Abhängigkeit von der abonnierten Leistung zur Deckung der fixen Betriebskosten der Netzinfrastruktur) und dem einmaligen Anschlussbeitrag (siehe oben) zusammen. Anders als heute wird der Verlauf des Ölpreises bei der Tarifgestaltung nicht mehr berücksichtigt.
Für die Berechnung des Arbeitspreises wird ein etwas spezieller «gewichteter Teuerungsfaktor» herangezogen, der sich aus der Entwicklung des Kehrichtabwärmepreises, dem Zürcher Energiepreis- und dem Wohnbaupreisindex sowie dem Landesindex der Konsumentenpreise zusammensetzt. Auch ein «Faktor Rücklauftemperaturzuschlag» fliesst in die Berechnung ein, was den Hausbesitzer dazu animieren soll, seine Anlage optimal einzustellen.

Trotz dieser Schwachpunkte – die Vorlage wird, wie eingangs erwähnt, am 28. November voraussichtlich eine übergrosse Mehrheit finden. Denn welcher Stadtzürcher will schon, wenn es um die Rettung des Weltklimas geht, als Erbsenzähler gelten? Und ein stattlicher Teil der Liegenschaften ist in den Händen von professionellen Immobiliengesellschaften, die sich geschmeidig mit dem jeweils herrschenden regulatorischen Umfeld auch im Umwelt- und Energiebereich zu arrangieren verstehen und allfällige Mehrkosten auf dem einen oder anderen Weg den Mietern weiterverrechnen können.
Private Liegenschaftenbesitzer, die sich über die De-facto-Beschneidung ihres Rechts, frei über ihr Eigentum und damit auch die Energieversorgung verfügen zu können, ärgern, und aus solchen Überlegungen ein Nein in die Urne legen, dürften zahlenmässig kaum ins Gewicht fallen.

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