Eine Woche ziviler Ungehorsam oder wie ich zum Aktivisten ausgebildet wurde

Eine Woche ziviler Ungehorsam oder wie ich zum Aktivisten ausgebildet wurde

Ab Freitag wird protestiert. Eine Woche lang. Wie sich die Klimakämpfer darauf vorbereiten und was ihre Forderungen sind. Ein Besuch in einer anderen Welt.

image
von Stefan Bill am 29.7.2021, 04:00 Uhr
Quelle: Clemes Ottawa
Quelle: Clemes Ottawa
Heute werde ich zum Aktivisten ausgebildet. Zumindest stelle ich mir das auf dem Weg zum Aktionstraining so vor. Diese werden vom Klimastreik organisiert. Sie beschäftigen sich mit «Aktivismus, der sich nicht immer ganz an alle Regeln hält», so steht es auf der Webseite. Heute findet eines in Zürich statt, um 14 Uhr. Treffpunkt: Hardbrücke.
Ich bin pünktlich vor Ort, kann aber niemanden erkennen, der so aussieht, als wolle er mir zivilen Ungehorsam beibringen. Denn das Aktionstraining ist eine Vorbereitung auf eine «Woche des zivilen Ungehorsams», die ab dem 30. Juli in Zürich stattfinden soll. «Rise up for Change» lautet der klingende Titel dafür. Kommt Ihnen bekannt vor? Das ist der selbe «Event», bei dem im letzten September Anhänger der Klima-Jugend zwei Tage lang vor dem Bundeshaus campierten – bevor der Platz von der Polizei geräumt wurde.
Um punkt 14 Uhr schreibe ich in eine der vielen Telegram-Gruppen, wo genau denn eigentlich der Treffpunkt sei. Doch ich erhalte keine Antwort. Ich laufe einmal durch den Bahnhof und spreche zwei junge Frauen an: «Seid ihr vom Aktionstraining?» Das sind sie. Und sie warten auf weitere wie mich. Ob ich noch mehr Leute gesehen hätte, die den Treffpunkt suchten? Das habe ich nicht. Doch mit mir sind wir schon drei Teilnehmer – und zwei Leiterinnen. Beide mitte Zwanzig. Sie beraten sich: Sollen wir noch einige Minuten warten, in der Hoffnung es kommen noch mehr? Sollen wir nicht. Schliesslich ist die Gruppengrösse ja gerade so familiär.
Wir machen uns auf, wohin weiss ich noch nicht. Nach zwei Minuten laufen kommen wir zum Gebäude, in dem auch die Watson-Redaktion untergebracht ist. Wir steigen in den Fahrstuhl und eine der jungen Aktivistinnen drückt den Knopf für den fünften Stock. «Verein Klimastadt Zürich» steht auf dem silbernen Schildchen neben dem Knopf.

Die Banken und ihre Verbrechen

Oben angekommen treten wir in eine grosse Räumlichkeit ein. Wobei das Wort «Bude» es wohl besser trifft. «Eine Art Zwischennutzung, wir haben das hier gemietet», lasse ich mir sagen. Es erinnert mich etwas an die Pfadi-Räume von früher. Überall liegt Kram: Flyer, Poster, Stofffetzen, Abfall. Dazu grosse Arbeitstische, Regale mit allem möglichen Kram gefüllt, Sofas. Es wirkt hier jugendlich chaotisch, kreativ, unorganisiert aber engagiert. Vielleicht etwas anarchistisch.
image
Einer der herumliegenden Flyer
Hier wird wohl zumindest ein Teil der Aktionen für das «Rise up for Change» von nächster Woche geplant, die sich dieses Jahr gegen den Schweizer Finanzplatz richten. Insbesondere die Nationalbank soll in die Mangel genommen werden. Das wird diese Woche an einer Pressekonferenz deutlich, die vor der Credit Suisse stattfindet.
An der Medienkonferenz des Klimabündnis tragen die Aktivisten ihre Forderungen vor und übergeben einen offenen Brief an die CS.
Eine Aktivistin will von der Credit Suisse wissen, weshalb diese ein Geschäftsergebnis als positiv bezeichne, obwohl sie aktiv dazu beitrügen, unser aller Lebensgrundlage zu zerstören. Die junge Frau hat Angst, Angst um ihre Zukunft.

Das Training beginnt

Ängstlich wirken die beiden Kursleiterinnen hier im Aktionstraining nicht, dafür wild entschlossen. Die Vorstellungsrunde beginnt. Name und Pronomen? «Ich heisse Stefan, ich identifiziere mich mit dem Pronomen «er»», spiele ich brav mit. Dann schmeissen die beiden Aktivistinnen den Beamer an und das eigentliche Training beginnt mit einem langen Theorieblock. Was ist ziviler Ungehorsam? Die Powerpoint-Folie zeigt: Es gibt über 180 verschiedene Definitionen davon. Grundsätzlich geht es darum, Grenzen zu übertreten. Natürlich stets gewaltfrei, wie immer wieder betont wird.
Grenzen zu übertreten sei manchmal wichtig, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, lerne ich. Die Forderungen für nächste Woche sind klar: Künftig sollen Banken, Versicherungen, Pensionskassen und Vermögensverwaltungen ihre Finanzflüsse offenlegen. Konkret sollten sie angeben, wie viel Geld in welche Projekte und Firmen fliessen, und wie gross der damit verbundene ökologische Fussabdruck ist.
Die Schweizerische Nationalbank soll zudem ab sofort keine neuen Investitionen in Projekte und Unternehmen tätigen, die im Handel mit fossilen Energien involviert sind. Für solche Unternehmen sollen auch keine Kredite mehr gesprochen werden oder Versicherungsdienstleistungen angeboten werden.
image
Die Forderungen wurden in einem offenen Brief an die CS übergeben. (Quelle: climatestike.ch)
Organisiert wird dieser Aufstand vom Bündnis aus Klimastreik, Collective Climate Justice, Breakfree und der radikalen Gruppe Extinction Rebellion, die zuletzt mit einer klebrigen Aktion am Bundeshaus auf sich aufmerksam machte (Lesen Sie hier: Klebende Klima-Aktivisten in Bern: «Ich hätte die Leute in der Sonne gelassen»).

Meine Rechte und wie ich damit umgehen muss

Zurück ins Training. Nach der Einführung und der geschichtlichen Einordnung, inklusive Erfolgsbeispielen, folgt ein grosser Block mit rechtlichen Informationen. Etwa eine Stunde lang wird uns erklärt, was die Rechte der Polizei sind, was die unseren. Welche Informationen müssen wir als Aktivist*innen – der Genderstern wird mitgesprochen – der Polizei preisgeben, was sind die Möglichkeiten der Polizei, wie reagiert die Polizei auf welche Situationen, wann und wie weit müssen wir kooperieren? Was sind beliebte Taktiken der Polizei, sei es vor Ort an einer Demonstration oder in einem Verhör? Was sind die Bestrafungen, für welche Vergehen und wie hoch können die Bussen ausfallen (die übrigens vom Klimastreik übernommen werden)? Auch dass private Sicherheitsleute von Banken nicht mehr Rechte als Privatpersonen haben, lernen wir.
Das ist wichtig zu wissen, denn bei den Aktionen von nächster Woche können Zusammentreffen mit Sicherheitspersonen von Banken nicht ausgeschlossen werden. Denn die Klimakämpfer wollen weiter, dass die Gewinne der SNB für «dringende soziale und ökologische Bedürfnisse» eingesetzt werden. Dafür muss vor Ort gekämpft werden. Bund, Kantone, FINMA und SNB sollen die Forderungen an die privaten Finanzinstitute umsetzen und gesetzlich verankern.
Das sind nur die kurzfristigen Forderungen. Längerfristig soll sich, wenn es nach «Rise up for Change» geht, das gesamte Finanzsystem ändern. Wie? Unklar! Doch die Zahlen, die die Aktivisten auf dem Paradeplatz präsentieren, sind besorgniserregend. Mehr als zwei Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen würden von den Schweizer Finanzinstituten verursacht. Das werde aber von den Finanzdienstleistern verschleiert, die «enormes Greenwashing» betrieben: Doch eigentlich würden sie die ganz grossen Akteure finanziell unterstützen, die für die Zerstörung der Umwelt verantwortlich sind.
Eine vermeintliche Sprecherin der CS nimmt an der Pressekonferenz Stellung. Später entpuppt sie sich als Schauspielerin, angeheuert vom Klimabündnis.
Jetzt geht es aber zuerst einmal um die Gegenwart: «48 Stunden darf euch die Polizei festhalten. Denkt daher daran, dass ihr jemanden organisiert, der im schlimmsten Fall euren Arbeitgeber oder eure Eltern informiert, nehmt am besten die nächsten beiden Tage bereits frei, besorgt euch einen Hundesitter», sagt die Kursleiterin. Drogen und Alkohol sind tabu! In Stresssituationen, wie bei einer Räumung, muss man auf alle seine Sinne vertrauen können. Wenn man nicht nüchtern ist, gefährdet man sich selbst und vor allem seine Mitaktivisten, wird uns eingebläut.
«Räumung» ist dann auch schon das Stichwort. Wir lernen nun, wie man Barrikaden bildet. Sitzend, stehend, sitzend in einer Reihe oder in einem Block. Natürlich wolle man uns nicht dazu ermutigen, sich der Polizei zu widersetzen oder gar dazu aufrufen. Das sei ganz wichtig, weil sonst würde man etwas Illegales machen. Es gehe nur darum, uns aufzuklären, damit wir für den schlimmsten Fall vorbereitet sind.
Kommt es so weit, gibt es aber zum Glück Personen, «die mehr wissen als andere» – obwohl man Hierarchien verachte. Denn diese Personen führten dann jeweils die einzelnen «Finger» einer Aktion an. Also eine Abspaltung der gesamten Gruppe, damit die Polizei nicht die ganze «Hand» einkesseln kann. Jeder Finger hat seine eigene Route, startet zu einem anderen Zeitpunkt mit einem anderen Ziel.

«Funktioniert eigentlich immer, weil die Polizei überfordert ist.»

Wir lernen die verschiedenen Handzeichen die von den Anführern benutzt werden, um mit ihren Mitstreitern zu kommunizieren, wie die Informationsweitergabe innerhalb der Finger funktioniert, und wie man eine Polizeiblockade durchbricht. Entweder teilt sich der Finger auf, und versucht an den schwächsten Punkten durch zurennen: «Funktioniert eigentlich immer, und es kommen meist sogar alle durch, weil die Polizei überfordert ist.» Die zweite Option ist das Formieren eines Blocks und das «Durchdrücken». Obwohl einige Anhänger der Klimabewegung gegen diese Variante sind, da sie darin einen Gewaltakt sehen, ist sie manchmal sehr effektiv. Doch Gewalt wird – immer noch – streng verurteilt.
Dafür lernen wir, wie wir mit Polizeigewalt umgehen müssen und wie wir uns am besten von der Polizei wegtragen lassen, so dass möglichst viele Polizisten möglichst lange beschäftigt sind. Wir lernen die Schmerzgriffe der Polizei kennen, und was man am besten tun kann, um diese zu verhindern.

Das Verhör

Auch eine Verhörsituation spielen wir nach. Die zwei jungen Frauen mit dem sympathischen Lächeln und dem charismatischen Auftritt gehen vor die Tür. Zurück kommen sie als zwei knallharte Polizistinnen. Ich sitze im fiktiven Verhörraum. «Name und Adresse?», werde ich forsch gefragt. Ich lege alles offen. «Ihre Handynummer und Email-Adresse?» «Die sage ich Ihnen nicht», so meine kühne Antwort. «Wie sollen wir sie dann erreichen? Wir sind im 21. Jahrhundert», lautet die einleuchtende Antwort. Doch ich bleibe standhaft, habe ich doch 30 Minuten zuvor gelernt, dass das mein Recht ist und ich niemals meine Telefonnummer angeben soll. Dann kommen etliche Fragen, bei deren Beantwortung ich mich stets auf das Schweigerecht beziehe. Bis dahin bin ich ein Musterschüler.
Nur die Frage, wie ich zum Aktionsort gelangt sei, beantworte ich: «Zu Fuss». «Achso, zu Fuss. Von wo aus?», will die falsche Polizistin wissen. «Von zuhause, sie haben ja meine Adresse», lautet meine Antwort. So geht das noch etwa zehn Minuten, bis die beiden beschliessen, mich für 48 Stunden in eine Zelle zu stecken und meine Wohnung durchsuchen zu lassen.
Die anschliessende Evaluation des Gesprächs legt meine Fehler offen: Ich hätte die Frage, woher ich gekommen sei, nicht beantworten dürfen. Das lässt Rückschlüsse zu. «Vertraue nie einem Polizisten», lautet das Credo. Also auch kein Smalltalk bei einer Zigarette führen. «Das ist alles taktisch, um dich zum Reden zu bringen. Die lernen das auf der Polizeischule», so die Belehrung der Profis. Zudem war mein Grinsen zu breit, das mache die Polizei nur aggressiv und sei daher kontraproduktiv. «Dann behalten sie dich länger dort.» Dein Freund und Helfer ist eigentlich mein Feind und Widersacher?
Man sollte aber stets bemüht sein, deeskalierend zu wirken, den Stresslevel auch bei den Polizisten tief zu halten. Das obwohl man bewusst eine Eskalation provoziert. Irgendwie kontrovers, irgendwie schaffen es die beiden aber auch, dass das für mich ein wenig Sinn ergibt: Manchmal müsse man Grenzen überschreiten, um seiner Sache Gehör zu verschaffen. Die Polizei ist zwar der Widersacher, dem es zuvorzukommen gilt, doch sie macht auch nur ihren Job.

Pfadilager-Feeling

Zum Schluss gibt es noch einmal Infos zur kommenden Woche. Oder zumindest die Info, dass man noch Infos erhalten werde. Genaue Details zu den Aktionen erhält man erst am Vorabend im Klimacamp. Denn man will nicht, dass die Polizei sich vorbereiten kann. Es ist ja nicht auszuschliessen, dass sich in den vielen öffentlichen Klima-Chats zivile Polizisten herumtreiben – oder Journalisten. Doch die Packliste kann schon mal durchgegeben werden. Auch diese erinnert an ein Pfadilager. Rucksack, Schlafsack, wasserdichte Kleidung, Stirnlampe, Spiele und Bücher, Essen und Trinken für mindestens zwei Tage – sowie eine Spritzflasche, um den Pfefferspray aus den Augen zu waschen. Gut, das letzte Utensil braucht man im Pfadilager wohl weniger.
Dann ist das Aktionstraining vorbei – nach drei Stunden. Mit netten Worten verabschiedet man sich voneinander mit dem Versprechen, sich in einer Woche beim Klimacamp wiederzusehen. Ich fühle mich bereits wie ein Teil der Bewegung, als wäre ich in eine grosse Familie aufgenommen worden. «Nehmt doch noch ein Sticker mit und hinterlässt vielleicht ein Andenken am Kandelaber unten.»

War das jetzt schon eine Aufforderung zum zivilen Ungehorsam?
image
Ich habe meinen Sticker behalten.

Mehr von diesem Autor

image

Referendum gegen das Mediengesetz: Warum die grossen Verlage schweigen

Ähnliche Themen