Ziele des Wasserkraftausbaus in weiter Ferne

Ziele des Wasserkraftausbaus in weiter Ferne

Im Rahmen der Energiestrategie 2050 soll der Ertrag der Wasserkraft um über sechs Prozent steigen. Doch ein entsprechender Ausbau ist kaum realistisch. Vielmehr droht ein Rückgang der Stromproduktion – wegen strengeren Restwasser-Bestimmungen.

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von Alex Reichmuth am 30.12.2021, 05:00 Uhr
Der Bau einer neuer Staumauer - wie hier beim Ersatz einer Mauer am Grimselpass – ist in der Schweiz eine Seltenheit geworden. Bild: Keystone
Der Bau einer neuer Staumauer - wie hier beim Ersatz einer Mauer am Grimselpass – ist in der Schweiz eine Seltenheit geworden. Bild: Keystone
Der Bund hat vor kurzem eine Einigung mit einigen Umweltschutzverbänden zum geplanten Ausbau und Neubau von Wasserkraftwerken in den Alpen bekannt gegeben (siehe hier). Unterzeichnet haben die entsprechende Erklärung unter anderem der WWF und Pro Natura. Diese Verbände haben ihr grundsätzliches Einverständnis zu 15 Projekten gegeben, deren Realisierung mithelfen soll, das drohende Stromloch im Winter zu verkleinern. Sie wollen auf Einsprachen und Beschwerden gegen diese Projekte verzichten.
Allerdings: Die Einigung ist nicht viel wert. Denn wichtige beschwerdeberechtigte Umweltorganisationen wie die Stiftung Landschaftsschutz und Aqua Viva gehören nicht zu den Unterzeichnern. Damit bleiben zumindest drei wichtige Bauvorhaben juristisch umstritten: die Erhöhung der Mauer des Grimsel-Stausees, die Errichtung eines Stausees beim Triftgletscher (beide Berner Oberland) und die Errichtung eines Stausees beim Gornergletscher (Wallis). Die zusätzliche Produktion, die diese drei Projekte liefern sollen, macht mehr als die Hälfte des angestrebten Strom-Zuwachses im Winter aus. Ob diese Projekte je realisiert werden können, bleibt äusserst fraglich.

Zum Schutz der Natur ist mehr Restwasser nötig

Doch nicht nur die juristische und politische Gegenwehr von Umweltschützern stellt den geplanten Ausbau der Wasserkraft in der Schweiz in Frage. Auch rechtliche Auflagen stehen der geplanten Steigerung des Stromertrags im Weg.

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Das geplante Kraftwerk unterhalb des Triftgletschers ist durch Beschwerden blockiert. Bild: Keystone

Konkret geht es vor allem um das Gewässerschutzgesetz, das immer strengere Vorschriften dazu macht, wieviel Restwasser die Betreiber von Speicher- und Laufkraftwerken ablassen müssen. Das Restwasser fliesst an den Staumauern vorbei, ohne dass es für die Stromproduktion genutzt werden kann. Mit genügend Restwasser soll sichergestellt werden, dass Tiere und Pflanzen in den Bächen und Flüssen unterhalb der Staumauern überleben können.
Die Schweizer Wasserkraftwerke haben letztes Jahr insgesamt 36’275 Gigawattstunden Strom geliefert. Das entspricht einem Anteil von rund 60 Prozent der Elektrizität, die in der Schweiz produziert wurde. Laut der Energiestrategie des Bundes soll die Produktion bis 2050 um 6,4 Prozent auf 38’600 Gigawattstunden erhöht werden – ein Plus von 2’325 Gigawattstunden. Diese Erhöhung gilt als wichtiger Beitrag zum Wechsel von Atomstrom auf erneuerbare Energie und soll sicherstellen, dass in der Schweiz die Lichter nicht ausgehen – vor allem im Winter.

Die Auslegung des Gewässerschutzgesetzes ist entscheidend

Die Restwasser-Bestimmungen gefährden diesen Ausbau. Es ist sogar denkbar, dass die Wasserkraft 2050 nicht mehr, sondern weniger Strom liefert als heute. Genau weiss das niemand. Denn wie stark die Stromproduktion wegen den Umweltauflagen leiden wird, ist unklar und hängt wesentlich davon ab, wie streng der Bund und allenfalls die Gerichte das Gesetz auslegen werden.

Eine Einschätzung des Bundes von 2019 ergab einen Verlust von 1’900 Gigawattstunden bis 2050. Das entspricht 5,2 Prozent der heutigen Wasserkraft-Produktion.


Klar ist, dass die Menge an Restwasser, die bei einem Kraftwerk abgelassen werden muss, mit jeder Neukonzessionierung einer Anlage steigt. Denn die Natur soll immer besser geschützt werden – das ist der Wille des Gesetzgebers. Ein Wasserkraftwerk braucht alle paar Jahre eine Neukonzessionierung.
2012 hat der Bund geschätzt, dass die Verschärfung der Restwasserbestimmungen bis 2050 zu einem Verlust von 1’400 Gigawattstunden Strom führt. Eine Neueinschätzung von 2019 ergab aber bereits einen Verlust von 1’900 Gigawattstunden. Das entspricht 5,2 Prozent der heutigen Wasserkraft-Produktion. Der Bund sprach damals von einer «Herausforderung», um die Ausbauziele in der Wasserkraft trotzdem zu erreichen (siehe hier).

Bis zu 17,7 Prozent weniger Wasserkraft-Strom

Deutlich pessimistischer ist der Schweizerische Wasserwirtschaftsverband. Er hat 2018 die Produktionsminderung wegen Umweltauflagen bis 2050 auf 2’280 Gigawattstunden beziffert – im besten Fall. Im schlechtesten Fall betrage der Rückgang sogar 6’410 Gigawattstunden – satte 17,7 Prozent der heutigen Wasserkraft-Produktion (siehe hier).

Angesichts des «verbleibenden Potenzials» an möglichen Wasserkraft-Projekten in der Schweiz sei der geplante Ausbau der Wasserkraft «unrealistisch», schrieb der Wasserwirtschaftsverband.


Der Wasserwirtschaftsverband betonte, dass die mutmassliche Produktionsminderung selbst im günstigsten Fall weit über dem Wert liegt, den der Bund im Rahmen seiner Energiestrategie ursprünglich angenommen hatte. Angesichts des «verbleibenden Potenzials» an möglichen Wasserkraft-Projekten in der Schweiz sei der geplante Ausbau der Wasserkraft «unrealistisch». Nötig sei darum «eine massvolle Auslegung und Umsetzung der ökologischen Anforderungen».

Illusorische Ziele im Rahmen der Energiestrategie

Auch wenn man berücksichtigt, dass die Wasserwirtschaft die Auswirkungen des Gewässerschutzes aus Eigeninteresse eher überzeichnet: Die Schweiz muss sich wegen dieses Gewässerschutzes auf empfindliche Einbussen bei der Produktion von Wasserstrom einstellen. Gleichzeitig sind derzeit alle Projekte zur Erhöhung der Stromproduktion wegen Einsprachen von Umweltschützern blockiert. Die angestrebte Steigerung des Ertrags aus der Wasserkraft ist damit in weite Ferne gerückt. Die Ziele der Energiestrategie des Bundes erweisen sich – auch in diesem Bereich – als illusorisch.

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