Zertifikatspflicht: Berset fehlen die Zahlen, die seine Argumente stützten

Zertifikatspflicht: Berset fehlen die Zahlen, die seine Argumente stützten

Keine Operationen für Krebspatienten? Spitäler am Anschlag? Steht es wirklich so schlimm um die Schweiz?

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von Serkan Abrecht am 8.9.2021, 04:00 Uhr
Noch nicht ausgelastet: intensive Betreuung für einen Covid-Patienten. Bild: Keystone-SDA
Noch nicht ausgelastet: intensive Betreuung für einen Covid-Patienten. Bild: Keystone-SDA
Liest man dieser Tage die Schweizer Zeitungen, so scheint das eidgenössische Gesundheitswesen vor dem Kollaps zu stehen. «Bis 2030 fehlen der Schweiz 20’000 Pflegekräfte», schreibt der «Tagesanzeiger». Der Grund? Corona. Wegen Ermüdungserscheinungen würde den Spitälern das Personal davonlaufen, so der «Tagi». Tatsächliche Zahlen zu den Abgängen kann die Zeitung nicht nennen.
Der «Blick» warnt vor der neuen Corona-Variante «My» aus Kolumbien, die nun auf dem Vormarsch sei. Im «SRF» wird Hausarztpräsident Phillipe Luchsinger zitiert: «Ein Intensivpflegeplatz kann Krebspatientinnen und -patienten im Moment nicht garantiert werden.» So weit, so dramatisch.

Tendenz: sinkend

Heute Mittwoch will der Bundesrat deshalb Massnahmen beschliessen. Wie die «Sonntagszeitung» schreibt, soll die Zertifikatspflicht erweitert werden – unter anderem auf Gastrobetriebe. Gemäss Gesundheitsdirektor Alain Berset (SP) seien die Intensivstationen der Schweizer Spitäler am Anschlag. Tatsächlich? Die offiziellen Zahlen seines Departements sprechen eine andere Sprache.
Am Dienstag waren die Intensivstationen der Schweizer Spitäler zu 76,1 Prozent ausgelastet. Das entspricht etwa dem Wert von Ende April dieses Jahres. Ein Drittel davon (33,7%) mit Covid-Patienten. Momentan liegen 291 Personen mit einer Infektion auf einer Intensivstation. Die Zahl der Intensivpatienten begann Mitte August zu steigen und hat sich in der letzten Wochen jedoch stabilisiert. Von den 501 respektive 529 Patienten wie bei den ersten beiden Wellen ist man weit entfernt. Und von der allgemeinen Spitalkapazität in der Schweiz machen Covid-Patienten drei Prozent aus.

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Die Belegung der Schweizer Intensivstationen seit dem Ausbruch der Pandemie. Grafik und Zahlen: BAG

Auch der 7-Tage-Schnitt der Laborbestätigten Hospitalisationen sinkt seit Mitte August kontinuierlich. Dieser Schnitt zeigt, wie viele Personen pro 100’000 Einwohner während einer Woche wegen Covid in ein Spital eintreten mussten. Der Höchstwert der vergangenen Wochen lag am 17. August bei 0,86 und bei der letzten Erhebung bei 0,56 – Tendenz: sinkend. Zudem liegt der Wert deutlich unter denen der vergangenen Wellen.

Selbst das BAG sieht die Lage nicht so dramatisch und schreibt in seinem letzten Wochenbericht: «Im Vergleich zur Vorwoche stagnierte die Zahl der gemeldeten Fälle in der Berichtswoche. Die Zahl der gemeldeten Hospitalisationen sank wahrscheinlich trotz der zu erwartenden Nachmeldungen.» Von einer Überlastung der Spitälern kann gemäss den Zahlen von Alain Bersets BAG keine Rede sein.

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Hospilitationen seit dem Ausbruch der Pandemie. 7-Tage-Schnitt auf 100'000 Einwohner. Grafik und Zahlen: BAG

Dasselbe bei der Anzahl der positiv Getesteten. Anfang August kletterten die Zahlen in die Höhe, erreichten Mitte des Monats ihren Höchstwert und stabilisieren sich seither. Die Neuansteckungen schwanken um die 3000 Fälle täglich.
Das Gleiche gilt bei den Todesfällen. In der Schweiz sind bislang 11’000 Personen im Zusammenhang mit einer Covid-Infektion verstorben. Am meisten waren es im November 2020 mit einem 7-Tage-Mittelwert von 98. Momentan steht die Schweiz bei einem Wert von 5. Weshalb plant Berset dennoch eine Erweiterung der Massnahmen? Der Berner Gesundheitsdirektor Pierre-Alain Schnegg (SVP) sagte kürzlich dem «Nebelspalter», wenn sich die Zahlen nicht erhöhten, könne man auch zuwarten.

«Wir können noch ein bisschen warten»: Pierre-Alain Schnegg bei Feusi Fédéral.

Ungenaue Personalzahlen

Der Gesundheitsdirektor argumentiert gemäss dem «Blick» mit unterschiedlichen Zahlen zu den Intensivplätzen. So weist der Koordinierte Sanitätsdienst der Armee 863 Betten im Land aus. Davon sind 206 noch frei. Gemäss der Einschätzung der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin können aber nur 750 bis 800 Betten betreut werden, da es an Personal fehle. Grund für diese Diskrepanz ist ein Informationsstau zwischen Bund, Kantonen und Spitälern.
Die jeweiligen Verwaltungen arbeiten mit verschiedenen IT-Systemen, was gemäss der kantonalen Gesundheitsdirektoren-Konferenz zu diesem Unterschied führe. Die definitiven Zahlen der tatsächlich verfügbaren Intensivbetten sind also nicht eruierbar.
Fest steht: die Hospitalisationen nehmen ab, die Infektionszahlen stagnieren, Todesfälle sind rar. Vor diesem Hintergrund erscheint eine Erweiterung der Zertifikatspflicht nicht gerechtfertigt.

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