Zertifikatspflicht: Erfolg macht Appetit auf mehr

Zertifikatspflicht: Erfolg macht Appetit auf mehr

Behörden, Medien, Gastronomen und Umfrageteilnehmer unterstützen und loben die Massnahme zum Wohl der vernünftigen Mehrheit. Nun gilt es, das Momentum zu nutzen und mit dem Zertifikat weitere Anreize für eine noch bessere Volksgesundheit zu setzen.

image
von Peter Kuster am 30.9.2021, 18:00 Uhr
Das Zertifikat könnte auch eingesetzt werden, um Anreize für die Menschen zu schaffen, alkoholische Getränke mit Augenmass und Vernunft zu geniessen. Bild: Keystone
Das Zertifikat könnte auch eingesetzt werden, um Anreize für die Menschen zu schaffen, alkoholische Getränke mit Augenmass und Vernunft zu geniessen. Bild: Keystone
Seit dem 13. September gilt in der Schweiz die erweiterte Zertifikatspflicht. Wer in Restaurants, Kulturstätten und Sportanlagen gehen will, muss Zertifikat und persönlichen Ausweis dabei haben. Selten stiess eine bundesrätliche Massnahme auf so viel Zustimmung und selten wurde sie in der Praxis so rasch und konsequent umgesetzt. Wer die Schweizer Mediendatenbank (SMD) bemüht und zum Beispiel nach den Stichworten «Zertifikatspflicht», «Restaurants» und «Augenmass» (ohne andere Landessprachen) recherchiert, findet seit dem 13. September nicht weniger als 112 Einträge.
Die Behörden kontrollierten die Einhaltung mit Augenmass, die Wirte und Gäste zeigten grosses Verständnis, und viele von ihnen würden die Massnahme nach anfänglicher Zurückhaltung unterstützen, weil sie für Sicherheit sorge, lautet der Tenor. Eine weitere SMD-Suche fördert zu Tage, dass die Massnahme auch sehr rational ist. Wird der Begriff «Augenmass» mit «Vernunft» beziehungsweise «vernünftig» ersetzt, resultieren rund 50 respektive 100 Treffer.
Zudem sind die Ansteckungsfälle, Hospitalisierungen und Todesfälle im Zusammenhang mit Corona stabil bis rückläufig, was ja wissenschaftlich betrachtet nur an der Ausweitung der Zertifikatspflicht liegen kann. Und nach einer jüngsten Umfrage von «20 Minuten» wird die Ausweitung der Zertifikatspflicht von 67 Prozent der Teilnehmer unterstützt. Das ist ein Beleg dafür, dass der Bevölkerung Dialektik nicht fremd ist, erhöht doch das Zertifikat das Sicherheitsgefühl in geschlossenen Räumen, indem es von lästigen Schutzvorkehrungen wie Tischabstandsregeln und Maskenpflicht befreit.
Möglicherweise schätzt die Bevölkerung das Zertifikat auch deshalb, weil es zeigt, wie segensreich die Digitalisierung unseres Alltags sein kann, hat sie es doch dem Staat ermöglicht, dem Einzelnen ein Stück Freiheit zurückzugeben. Leider wurde nicht danach gefragt, ob die Teilnehmer nicht auch noch eine weitere Erweiterung befürworten würden – etwa auf die Aussenbereiche der Gastronomie. Schliesslich sprächen gute Gründe dafür, uneinsichtige Unvernünftige noch besser vor sich selber zu schützen.
So könnten sich Ungeimpfte, Ungenese und Ungetestete in der herannahenden kalten Jahreszeit bei ihrem Aufenthalt im Freien erkälten oder chronische Beschwerden (Rheuma) zuziehen, was das Gesundheitssystem zusätzlich belasten würde.

Nach der Erweiterung die Verbreiterung

Der überwältigende Erfolg der Massnahme wirft natürlich die ernste Frage auf, weshalb sie denn nicht schon vorher eingeführt worden und wer für das Versäumnis verantwortlich ist.
Doch wollen wir an dieser Stelle nicht besserwisserisch sein, sondern konstruktiv den Blick nach vorne richten. Da nun die ganze Infrastruktur für das Zertifikat aufgebaut ist und sich der Betrieb bestens eingespielt hat, sollten wir vielmehr darüber sprechen, für welche zusätzliche Zwecke das Instrument künftig eingesetzt werden könnte.
Es geht also darum, das Momentum zu nutzen und Synergien zu heben. Es wäre doch eine Verschwendung von Ressourcen und alles andere als nachhaltig, wenn das Zertifikat mittelfristig auf Corona beschränkt bliebe oder später gar abgeschafft werden würde.
Nach der Erweiterung seines räumlichen Anwendungsbereichs steht somit gewissermassen eine Verbreiterung seines inhaltlichen Anwendungsbereichs auf der Agenda. Auch hier muss das Ziel darin bestehen, die in einem ganzheitlichen Sinne verstandene öffentliche Gesundheit über Anreize zu maximieren – und dies mit Schweizer Augenmass umzusetzen und zu überwachen.
Denn leider Gottes sind es nicht nur die renitenten Impfunwilligen, welche die öffentliche Gesundheit vorsätzlich gefährden. Es gibt auch viele andere, die mit ihrem von falschen individuellen Entscheiden geprägten Verhalten das Gesundheitswesen über Gebühr beanspruchen und so indirekt den Schutz und die angemessene Versorgung der anständigen und vernunftbegabten Mehrheit aufs Spiel setzen: verbissene Extremsportler, träge Bewegungsmuffel und willensschwache Vielfrasse, um nur wenige Beispiele zu nennen.
Oder behauptet wirklich jemand im Ernst, Ultratriathlone, permanenter Müssiggang oder Fressexzesse seien gesund?

«Bürgergesundheitsarmband» als Beitrag zum Gemeinwohl

Mit den heutigen Segnungen der Medizinaltechnologie sollte es ein Leichtes sein, über ein «Bürgergesundheitsarmband» die relevanten individuellen Daten effizient und kostengünstig in Echtzeit zu erheben und sie fortlaufend zentral zu überwachen. Würden dann gewisse kritische, wissenschaftlich breit anerkannte Grenzwerte erreicht, spränge der Status des Zertifikats auf «ungültig». So könnte die kollektive Vernunft ein weiteres Mal über die individuelle Irrationalität triumphieren. Sture Extremsportler dürften dann ihrer Sucht nicht mehr länger im Fitnessstudio frönen, und unbelehrbaren Vielfrassen wäre der Zutritt ins Restaurant verwehrt.
Um keine falschen Spekulationen aufkommen zu lassen: Die Solidarität im Gesundheitswesen darf nicht ausgehöhlt werden. Sanktioniert würden selbstverständlich nur Verhaltensweisen, die, wie der falsche Impfentscheid, auf dem freien Willen basieren. Niemand darf aufgrund von schuldlos ererbten oder erworbenen Krankheiten oder Defekten diskriminiert werden, wobei es wiederum der Wissenschaft obläge, die entsprechenden Grenzen zu ziehen.
Die Landesregierung sollte aber auch strategisch denken, und nicht nur die nächste, sondern auch die übernächste Geländekammer antizipieren. Das Zertifikat könnte nämlich auch dazu beitragen, das grösste Problem der Menschheit zu lösen: den Klimawandel (eine Google-Recherche zu «climate change» und «global challenge» ergibt 832'000 Treffer). Und dass es sich dabei im Grunde ebenfalls um ein gesundheitliches Problem handelt, wissen wir spätestens dank dem Einsatz der KlimaSeniorinnen. «Die Klimaerwärmung führt unbestrittenermassen zu vermehrten und intensiveren Hitzewellen. Und wegen der Hitze werden Menschen krank und sterben frühzeitig.» Gemäss Bundesamt für Gesundheit hat allein der Hitzesommer 2003 zu rund 1000 zusätzlichen Todesfällen geführt, betroffen waren v.a. betagte Menschen.

Mit dem Zertifikat gegen den Klimawandel und Hitzetote

Kürzlich hat das «Beratende Organ für Fragen der Klimaänderung» in einem Bericht dem Bund empfohlen, jedem Einwohner und jeder Einwohnerin der Schweiz ein individuelles CO2-Budget einzurichten. Das ist ein guter Ansatz, aber zusammen mit einer Verknüpfung zum Zertifikat würde er noch wirksamer. Dann könnte sich nämlich der Vielflieger, der Vielfleischesser und der Verbrennungsmotorautovielfahrer, aber auch der Vielwohnraumbeansprucher und der Vielnachkommenhinterlassende, zusammen mit dem renitenten Ungeimpften auf der Restaurantterrasse wiederfinden. Welch starker zusätzlicher Anreiz, sein individuelles Verhalten zu korrigieren und endlich zu einem vernünftigen, verantwortungsbewussten und somit auch glücklichen Menschen im Schosse der Gemeinschaft zu werden!

Mehr von diesem Autor

image

Ein bisschen Markt bei den Tests – Warum nicht auch beim Impfen?

Peter Kuster13.10.2021comments

Ähnliche Themen