Zertifikat versus Lockdown: Was ist denn wirklich besser?

Zertifikat versus Lockdown: Was ist denn wirklich besser?

Das Covidzertifikat als «Eintrittsticket» in Gastronomie, Kino, Museen und mehr soll einen erneuten Lockdown verhindern. Aus Wirtschaftskreisen kommen grösstenteils positive Rückmeldungen. Nur: Der Zertifikatszwang ist nicht für alle betroffenen Unternehmen zwingend besser als verschlossene Türen.

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von Stefan Millius am 29.8.2021, 16:00 Uhr
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Ob die aktuelle Situation im Gesundheitswesen wirklich so dramatisch ist oder werden könnte, dass ein Zertifikatszwang oder alternativ ein Lockdown nötig wäre, sei hier für einmal ausgeklammert. Die nackten Zahlen vermögen die Dringlichkeit nicht zu belegen, aber die Politik gibt die Richtung vor. Die andere Frage ist: Wäre der Lockdown tatsächlich verheerender als die Ausweitung des 3G-Zertifikats?
Die Antwort: Für manche sicher. Für andere aber ebenso sicher nicht.
Nehmen wir das Künstlerduo, das ab diesem Herbst eine Veranstaltungsserie mitten in St.Gallen plant. Diese sieht verschiedene Bühnenshows vor, von Comedy und Theater über Chansons und Jazz sind ingesamt elf Abende bis Ende 2022 geplant. Die Vorstellungen werden jeweils kombiniert mit einem Dinner. Die Vorbereitungen sind weitgehend abgeschlossen, Verträge mit den Vermietern der Lokalität und vielen der Künstler sind unter Dach und Fach.

Das potenzielle Publikum wird ausgedünnt

Ein Lockdown mitsamt Veranstaltungsverbot würde bedeuten: Die Showserie kann nicht wie geplant starten. Gleichzeitig wäre es in diesem Fall von «höherer Gewalt» kein Problem, die Saalmiete und die Künstlerverträge zu stornieren. Unschön, aber immerhin mit einem blauen Auge davongekommen.
Anders sieht es aus, wenn die Veranstaltungen mit der 3G-Regel stattfinden dürfen. Dann gibt es keine Handhabe, ohne Kostenfolge Verträge zu stornieren. Denn die Events sind ja nicht behördlich untersagt. Für die Organisatoren im bewussten Fall käme eine Durchführung aus heutiger Sicht dennoch eher nicht in Frage. Die Veranstaltungsreihe richtet sich an eine an hochstehender Kultur und Kulinarik interessierte Gruppe, es ist kein Festzeltanlass mit riesigem Andrang. Wird das potenzielle Publikum von vorneherein um 40 Prozent ausgedünnt, dürfte es schwierig werden, den Saal zu füllen. Bei knapper Kalkulation ist das der Todesstoss für die Idee.

Beim Lockdown gibt es wenigstens etwas zurück

Vor diesem Problem steht auch die Gastronomie. Schon in «normalen» Zeiten gehen nicht alle Schweizerinnen und Schweizer regelmässig auswärts essen. Schrumpft die Zahl derer, die das tun, um die Zahl der Leute ohne Zertifikat, wird der Konkurrenzkampf um die Gäste noch härter. Weil aber niemand weiss, was genau passieren wird, können es sich zumindest gute Adressen nicht leisten, einfach vorsorglich das Personal herunterzufahren. Was droht, sind hohe Betriebskosten bei deutlich zu wenig Gästen.
Im Fall des Lockdowns konnte man wenigstens Instrumente wie Kurzarbeit und die Ausfallentschädigung beanspruchen. Wer aber offen haben darf, hat diesbezüglich keine Handhabe.
Der Verband Gastro Suisse hat das erkannt und wehrt sich gegen die Einführung der Zertifikatspflicht. Er rechnet vor: Täglich besuchen rund 2,5 Millionen Menschen in der Schweiz einen gastronomischen Betrieb. Da sich kaum jemand für eine Tasse Kaffee testen lasse, würden die Ungeimpften wegfallen. Das wären angesichts von 40 Prozent der Gesamtbevölkerung rund eine Million potenzielle Gäste, die nicht mehr einkehren dürfen. Oder höchstens auf der Terrasse, wo es demnächst nicht mehr besonders gemütlich sein wird.
Auf einen Vergleich zwischen den Optionen Zertifikat und Lockdown lässt sich Gastro Suisse nicht ein. Wohl mit gutem Grund. Der Verband kann schlecht einer Zwangsschliessung der Betriebe das Wort reden, indem er sagt, dass die Zertifikatspflicht auch nicht besser sei.

Wirtschaftsverband findet es «angebracht»

Aber nicht alle Verbände stellen diese Rechnung an. Schnell auf die Ankündigungen des Bundesrats reagiert hat beispielsweise die Industrie- und Handelskammer (IHK) St.Gallen-Appenzell, in der Ostschweiz eine der wichtigste Stimmen der Wirtschaft. «Pauschale wirtschaftliche und gesellschaftliche Einschränkungen bis hin zu einem neuerlichen Teil-Lockdown sind auf jeden Fall zu verhindern», heisst es in einer Stellungnahme. Die Ausweitung der Zertifikatspflicht sei «bedauerlich, aber angebracht» angesichts der epidemiologischen Lage. Ähnlich klingt es bei anderen Organisationen.
Dass ein Wirtschaftsverband nicht näher kritisch prüft, ob die alarmierenden Schlagzeilen rund um die epidemiologische Lage korrekt sind, ist vielleicht verständlich. Erstaunlicher ist, dass bei der IHK die Rechnung nicht angestellt wird, was das 3G-Zertifikat für einen Teil der Wirtschaft bedeutet: Den Wegfall eines Teils der potenziellen Kundschaft ohne Chance auf eine Wiedergutmachung.
Wie die Maus vor der Schlange starren Wirtschaftsverbände aktuell auf die Drohkulisse eines Lockdowns und sagen zu allem Ja, was ihn verhindern könnte. Aber die Alternative ist je nach Branche kein bisschen attraktiver.

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