Zeitungsente der Woche: Ist das Journalismus, ist das Wissenschaft? Die Prophetinnen des Weltuntergangs

Zeitungsente der Woche: Ist das Journalismus, ist das Wissenschaft? Die Prophetinnen des Weltuntergangs

Eine Wissenschaftlerin skizziert die Apokalypse in einem Interview mit dem «Blick». Kritisches Nachfragen? Fehlanzeige. Stattdessen wird die steile These sogar noch bekräftigt.

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von Sebastian Briellmann am 16.7.2021, 10:39 Uhr
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Sonia Isabelle Seneviratne ist eine hochdekorierte Schweizer Klimawissenschaftlerin, sie ist Professorin an der ETH Zürich, und konzentriert sich gemäss Personenbeschreibung auf «Klimaextreme und Land-​Klima-Wechselwirkungen». Ausserdem ist sie für den Weltklimarat (IPCC) tätig.
Was Sonia Isabelle Seneviratne nicht ist: Politikerin.
So klingt sie allerdings in einem Interview mit dem «Blick», das zu Beginn dieser Woche erschienen ist. Sie fordert eine Klima-Taskforce, die Umsetzung der Gletscher-Initiative, das Ernstnehmen des Pariser Abkommens, Netto Null bis 2050 – und ein Zusammenspiel von Politik und Wissenschaft (vermutlich vor allem mit ihr). Und von allem will sie mehr, schneller, besser. Und zwar jetzt.
Populismus aus dem Lehrbuch.
Es steht Seneviratne natürlich frei, solche Gedanken zu äussern; wenn sie jedoch wie eine Wahlkampfhelferin von Fridays for Future spricht, muss man sich nicht wundern, wenn nicht das ganze Land – wie am letzten Abstimmungssonntag gesehen – in Champagnerlaune ausbricht.
Was noch viel bedenklicher stimmt: Wie Seneviratne vom «Blick» hofiert wird. Das Gespräch ist kein spannender Schlagabtausch, nicht mal ein interessiertes Frage-Antwort-Nachfrage-Pingpong; es ist eine Dauerwerbesendung von gleichgesinnten Weltuntergangsprophetinnen, die eine fast schon zwanghafte Sehnsucht nach der Apokalypse vermitteln. Das klingt dann, hiobsbotschaftmässig zusammengerafft, so:

«Blick»: Verrücktes Wetter, brutale Hitze, zerstörte Ernten, Tote sogar. In Zukunft normal?
Seneviratne: Nein. Schon heute normal. Wir erleben zum Teil gerade Ereignisse, die wir vorher noch nie gesehen haben.

Haben wir solche Unwetter wirklich noch nie gesehen, wirklich noch gar nie? Auch nicht 2005? Na ja, egal. Weiter gehts.

«Blick»: Ist es schon zu spät?
Seneviratne: Die Folgen sind bereits heute schlimm. So gesehen ist es bereits zu spät. Aber der Punkt ist: Unternehmen wir jetzt nichts, wird es noch schlimmer.

Es wird spannend, ein richtiger Wettlauf. Wer überlebt länger: Das Boulevardblatt, das keinen Boulevard mehr machen möchte – oder der Planet Erde?

«Blick»: Gibt es Grund zur Panik?
Seneviratne: Ich muss schon sagen, dass ich langsam etwas Angst bekomme. (...) Wie viele Menschen müssen sterben, bis man handelt?

Krisen, sagte Emanuel Rahm, Barack Obamas Stabschef während der Finanzkrise, seien die Gelegenheit, Dinge zu tun, von denen man dachte, dass man sie nie tun könne. Ist die Pandemie also das Trainingslager für den Sozialismus? Und der erste Anwendungsfall nun das Klima? Jetzt, da wir Tausende einfach so absichtlich sterben müssen, muss der Staat die Kontrolle übernehmen. So klingt es zumindest...

«Blick»: Klimakrise so handeln wie Coronakrise?
Seneviratne: Ja, denn wir haben ein dringendes Problem und sehr wenig Zeit, es zu lösen.
«Blick»: Also eine Klima-Taskforce.
Seneviratne: Die wäre nützlich.

Wie die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik geschehen soll, ist auch schon klar. Die Idee wird vom Blick freundlich präsentiert. Und es kommt keine Nachfrage, was das für die demokratische Mitbestimmung bedeutete. Wollen wir wirklich wieder eine Taskforce, die immerzu Gefahr läuft, in einer Kakofonie von Meinungen zu enden – so dass am Ende niemand mehr weiss, für was die Expertengruppe eigentlich steht? Und es ist mindestens fraglich, ob Klimapapst Reto Knutti überhaupt bereit wäre, andere Stimmen in den Chor aufzunehmen.

«Blick»: Ist es überhaupt noch moralisch vertretbar, Kinder zu kriegen?
Seneviratne: Diese Frage habe ich mir tatsächlich auch gestellt. Aber würden wir keine Kinder mehr kriegen, hätten wir ja schon aufgegeben.

Auch diese Frage kann nicht jeder für sich, sondern muss wohl die Klima-Taskforce beantworten.
Während der «Blick» schon aufgegeben hat, dem Irdischen langsam entschwinden wird, bleibt Seneviratne tapfer. Bravo. Ernsthaft. Was bleibt, was einen umtreibt, nicht loslässt, ist die bange Frage: Vor was müssen wir uns eigentlich am meisten fürchten: Vor dem Weltuntergang? Oder vielleicht nicht doch eher vor dem «Blick» und seiner Panikmache, die uns überall einholt?

In der Rubrik «Zeitungsente» küren wir die gewagteste Mediengeschichte der Woche. Schauen Sie vorbei, wenn wir jede Woche eine neue Geschichte ehren. Was stimmt, was ist übertrieben, was ist schlicht falsch? Der Nebelspalter spaltet den Nebel.

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