Fake News: Hauptsache, es wird gejammert

Fake News: Hauptsache, es wird gejammert

Junge Journalisten müssen Überstunden machen. Gewerkschaft und Berufsverband sind enerviert. Dabei zeigt eine Untersuchung: Es sieht ganz gut aus für die Jungen in der Medienbranche.

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von Sebastian Briellmann am 15.10.2021, 12:30 Uhr
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Es sind Zeilen der Angst, aus denen man förmlich spürt, wie mit jedem geschriebenen Buchstabe die Verzweiflung grösser wird, und wahrscheinlich auch die Wut auf diese furchtbar ausbeuterische Berufsgattung namens Journalismus.
Warum die Aufregung innerhalb der Branche? Weil es eine «Studie der Universität Fribourg» gibt, die «erstmals die Arbeitsbedingungen der jungen Medienschaffenden in der Schweiz» untersucht hat.
Die Gewerkschaft syndicom und der Verband Junge Journalisten Schweiz (JJS) greifen zum apokalyptisch-verbalen Zweihänder – und zu ganz viel Imperativ: «Die Resultate sind erschreckend.» «Überstunden und Stress sind an der Tagesordnung.» «Die Gesundheit des journalistischen Nachwuchses darf nicht aufs Spiel gesetzt werden!»
Ist die Weltuntergangsstimmung innerhalb der Branche berechtigt?


Natürlich nicht, so viel darf schon verraten werden. Die majestätisch als «Studie von der Universität Fribourg» beschriebene Untersuchung ist eine Masterarbeit. Diese soll hier gar nicht herabgewürdigt werden, sie ist sogar löblich – was stört, ist der Umgang mit den Ergebnissen. Da ist, wie erwähnt, die Hochstilisierung durchaus problematisch. Aber auch der Inhalt wird, wenn man die Arbeit genauer betrachtet, überdramatisiert.
  • Lesen Sie hier die ganze Masterarbeit
Ja, wir jungen Journalisten machen ein bisschen Überstunden (wie die älteren sicherlich auch), aber dieser Beruf ist keiner, in dem man die Zeit stempelt und «minütelen» kann – dafür bietet er Freiheiten wie sonst nur wenig andere Tätigkeiten. Das sehen die befragten Journalisten (obschon die Hälfte der Gewerkschaft nahesteht) doch auch so. Und geben zur Antwort, dass sie, wenn sie mal Stress haben, diesen ziemlich gut bewältigen können.

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Insgesamt sieht es sogar ziemlich gut aus. Die grosse Mehrheit der Befragten ist unbefristet angestellt, der Lohn ist nicht gigantisch hoch, aber solide. Ebenfalls gibt eine grosse Mehrheit an, dass man sich verwirklichen, eigene Themen angehen kann. Wo liegt also das Problem der jungen Journalisten?

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Wahrscheinlich ist es, wie so oft bei den Generationen Y und Z, die verquere Anspruchshaltung, die sich, leicht überspitzt, so formulieren lässt: Hoher Lohn, 25-Stunden-Woche und zwischendurch bitte noch ein bisschen Yoga auf Geschäftszeit.
Tatsächlich beschäftigt sich auch die Masterarbeit mit diesem Thema. Und – Überraschung, Überraschung – die jungen Medienschaffenden sind «not amused», wenn es um ihre Work-Life-Balance geht. Der Verdacht drängt sich auf, dass das Anstimmen des Klagelieds (sowieso eine der liebsten Eigenschaften bei Journalisten) mit der oben erwähnten Arbeitseinstellung zu hat. Hauptsache, es ist nicht zu anstrengend?

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Unter der Rubrik «Fake News» küren wir die gewagteste Mediengeschichte der Woche. Schauen Sie vorbei, wenn wir jede Woche eine neue Geschichte ehren. Was stimmt, was ist übertrieben, was ist schlicht falsch? Der Nebelspalter spaltet den Nebel.

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