Zeitungsente der Woche: Entscheidend ist nur, dass der Täter ein Mann ist

Zeitungsente der Woche: Entscheidend ist nur, dass der Täter ein Mann ist

Die «Berner Zeitung» sekundiert eine Aktivistin in deren Kampf gegen sogenannte Femizide. Die Argumente sind eigentümlich.

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von Sebastian Briellmann am 20.8.2021, 13:03 Uhr
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Die Erregung überträgt sich förmlich vom Zeitungspapier auf den Leser, und man kann es sogar nachvollziehen, handelt es sich doch um eine furchtbare Geschichte. In Ostermundigen (BE) ist eine Frau getötet worden. Sie wurde nur 20 Jahre alt.
Für die «Berner Zeitung» ist dies ein klassischer Fall eines Femizids – und deshalb wird dieses Thema mit Sylke Gruhnwald aufgearbeitet. Sie steht hinter dem Projekt «Stop Femizid». Doch was ist das überhaupt, ein Femizid? Laut Definition von Wikipedia: eine Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. Jene von «Stop Femizid» klingt etwas anders: «Als Femizid erfasst werden Fälle von tödlicher Gewalt gegen Frauen, gegen Menschen, die als Frauen gelesen werden, oder gegen Mädchen, die zudem auch rassistisch, behindertenfeindlich, homo- oder transphob sein kann.»
Das ist schon einmal ordentlich kompliziert – und wieder einmal drängt sich die Frage auf, warum ein Mord nicht einfach ein Mord ist, und ein Totschlag ein Totschlag? So, wie es auch im Gesetz steht.

Welches Bewusstsein?

Nun gut, «Stop Femizid» ist das natürlich zu wenig – und das Projekt schliesst für die «Berner Zeitung» auch darum eine Lücke, weil das Parlament den Vorstoss der Berner SP-Nationalrätin Tamara Funiciello, den Begriff Femizid ins Strafgesetzbuch aufzunehmen, abgelehnt hat. Auch der Ständerat lehnt die Verwendung des Begriffs «Femizid» ab. Gruhnwald ist auch mit dem Bundesamt für Statistik nicht zufrieden, da dieses nur eine Stelle «Häusliche Gewalt» führe – aber keine mit «Tötungen aufgrund des Geschlechts». Es gebe auch Fälle, in denen die Opfer keine Beziehung zum Täter hätten.
Und wiederum endet das im Vorwurf: «Es beginnt schon damit, dass es in der Schweiz keine einheitliche Definition des Begriffes Femizid gibt.»
Sekundiert von der «Berner Zeitung», die keine einzige kritische Fragen stellt, fordert Gruhnwald eine «Quantifizierung des Problems», damit ein Bewusstsein entstehen könne. Man fragt sich: Was für ein Bewusstsein soll das sein?
Es ist schwer verständlich, wie Gruhnwald unhinterfragt sagen kann, dass bei Titeln wie «Mord aus Eifersucht» – die «glücklicherweise» seltener würden – den Frauen eine Mitschuld gegeben werde, weil diese Formulierung impliziere, «dass der Täter gar nicht hätte anders handeln können. Dass die Frau ihn eifersüchtig gemacht hat und damit eine Mitschuld trägt. Das ist schlicht falsch.»
Das ist tatsächlich falsch – aber nicht der Titel, sondern die Aussage. Ein Mord aus Eifersucht ist ein Mord auf Eifersucht – und den Opfern wird mitnichten eine Mitschuld gegeben. Und in diesem Fall nur die Frauen zu benennen, macht überhaupt keinen Sinn. Ein Opfer bei einem Mord aus Eifersucht kann auch ein Mann sein. Oder nicht?
Noch verwegener wird es, wenn die sogenannten Femizide als «strukturelles Problem» aufgrund «patriarchaler Machtverhältnisse der Gesellschaft» definiert werden – aber laut «Berner Zeitung» nichts mit Nationalität, Herkunft oder sozialem Status zu tun haben sollen.

Nur eine Ablenkung?

Dirk Baier, der als Professor am Institut für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule ZHAW arbeitet, hat dem Nebelspalter bereits im März über Gewalt gegen Frauen gesagt, dass der Status sehr wohl entscheidend ist: «Wir haben ein Problem mit Machos. Junge Männer, die ausser ihrem Körper nicht viel haben und deren Zukunftserwartung nicht rosig ist.» Und er hat auch gesagt: «Die gelebten Werte von Ausländern sind oft rückständig. Antiquierte Frauenbilder. Gewalt als Erziehungsmittel. Das muss man auch betonen.»
Es wirkt deshalb fragwürdig, wieso von «Stopp Femizid» (und der «Berner Zeitung») einerseits bessere Statistiken gefordert werden – aber die Nationalität, die Herkunft und der Status der Täter keine Rolle spielen sollten. Das wäre Statistik. Entscheidend scheint für «Stopp Femizid» und die Journalistin also nur, dass der Täter männlich ist. Würde die Nationalität davon etwa ablenken?
Es drängt sich zumindest der Verdacht auf, dass unter dem Deckmantel des schwammigen und nicht anerkannten Begriffs des «Feminizids» die wahren Probleme, die es unbestritten gibt, verschleiert werden sollen.

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