Zeitungsente der Woche: Dröhnender Antisemitismus – als Aufschrei verniedlicht

Zeitungsente der Woche: Dröhnender Antisemitismus – als Aufschrei verniedlicht

Der «Tages-Anzeiger» berichtet über das Verhältnis zwischen den USA und Israel. Im Fokus stehen «kritische» Demokraten. Die Rädelsführer sind jedoch nicht kritisch, sondern antisemitisch. Darüber wird geflissentlich geschwiegen.

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von Sebastian Briellmann am 27.8.2021, 12:30 Uhr
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«Wird nun alles wieder gut?»
Das fragt der «Tages-Anzeiger», beinahe hoffnungsvoll, da er über den Besuch von Israels Premier Naftali Bennett im Weissen Haus spricht. Der Optimismus rührt daher, dass es Bennett ist, der in die USA reist, und nicht sein Vorgänger Benjamin Netanyahu – und natürlich auch, das scheint dem Blatt noch wichtiger zu sein, der Gastgeber Joe Biden und nicht mehr Donald Trump heisst.
Nach diesen personellen Wechseln lässt sich der «Tagi»-Korrespondent gleich noch zu einer weiteren diskutablen Frage verleiten: «Wird Amerika wieder zum ‹ehrlichen Makler›, der sich um Frieden zwischen Israel und den Palästinensern bemüht?»

Die grosse Enttäuschung

Abgesehen davon, dass man den USA in der Israel-Frage nun wirklich wenig Unehrlichkeit vorwerfen kann – auch wenn das nicht allen gefallen mag –, spürt man beim «Tages-Anzeiger» nur Sätze später, dass die gestellten Fragen eher Wunschdenken sind. Autor Hubert Wetzel, ein Journalist der Tamedia-Partnerin «Süddeutsche Zeitung», schreibt: «Wer – wie man hinzufügen muss, in sehr naiver Verkennung der Lage – auf eine grundlegende Neukalibrierung der amerikanischen Nahostpolitik unter Biden gehofft hatte, wurde enttäuscht.»
Was auch den «Nebelspalter» zu einer Frage verleitet: Ist es nicht eher so, dass es einfach der Journalist ist, der in sehr naiver Verkennung der Lage auf eine grundlegende Neukalibrierung der amerikanischen Nahostpolitik unter Biden gehofft hat?
Dieser Verdacht liegt deshalb nahe, weil Wetzel einsehen muss, dass Bennett in der Palästinenserfrage «kaum weniger Hardliner» ist wie Netanyahu. Und er erkennt auch, dass Biden «bedingungslos» hinter der Prämisse steht, dass Israel ein «unantastbarer Verbündeter» der USA ist.
Man spürt beinahe, wie sehr den Autoren diese Zeilen schmerzen, aber er will sich seinen Optimismus noch nicht nehmen lassen. Also wird analysiert, dass sich Israel nicht mehr auf die Demokraten verlassen kann, sondern eigentlich nur noch auf den Präsidenten. Der linke Flügel habe «empört aufgeschrien» – und selbst viele Mitte-Demokraten würden Israel «schärfer denn je» kritisieren. Wetzel endet kolossal-bedrohlich: «Das war eine Warnung.»

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Sind das wirklich nur Demokraten, die die Politik Israels kritisieren? Foto: Screenshot Tamedia

Wenn man den Sachverhalt – also den empörten Aufschrei – genauer betrachtet, stellt man fest, dass die Kritik der sogenannt progressiven Demokraten nur als unverhohlener Antisemitismus betitelt werden kann.
An der Spitze bei der Verteufelung Israels steht ein Quartett junger demokratischer Abgeordneten im Repräsentantenhaus, übertrieben ehrfürchtig «Squad» genannt: Alexandria Ocasio-­Cortez (AOC), Rashida Tlaib, Ilhan Omar und Ayanna Pressley. Seit Jahren hetzen diese Frauen gegen die, das muss offensichtlich noch immer betont werden, einzige Demokratie im Nahen Osten.
Omar ist Hauptakteurin in diesem unwürdigen Spiel. Sie nennt Israel einen Apartheidstaat, der die Welt hypnotisiere – und sie bittet Allah, er solle die Menschen aufwecken, damit sie diese «teuflischen Dinge» sehen.

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Auch hat sie Republikanern haltlos vorgeworfen, sie würden von der Israel-Lobby (AIPAC) bestochen. Und dass die USA in Israel einen starken Verbündeten sehen, liegt für sie ebenfalls an Zahlungen der AIPAC.
Wenig überraschend ist auch die Tatsache, dass Omar, AOC und Tlaib begeisterte Sympathisanten der Israel-Boykott-Bewegung BDS sind. Tlaib ist zudem eine Anhängerin der Antisemiten Linda Sarsour, Aktivistin, und Louis Farrakhan, Leader der afroamerikanischen religiös-politischen Bewegung «Nation of Islam» – und hat für diese Bewegung auch schon gearbeitet.


Nachdem die «Squad» für ihre Aussetzer kritisiert wurde, gelobte man Besserung. Bei Omar sind diese Bitten um Entschuldigung allerdings nichts anderes als Lügen. Nur zwei Wochen nach dem x-ten Sorry sagte sie: «Ich will über den politischen Einfluss in diesem Land sprechen, der es erlaubt, dass Leute Gefolgschaft zu einem fremden Land fordern.» Gemeint war die Sympathie für Israel.
Umgekehrt kann man beim «Squad» auch sagen, dass sie ein Land repräsentieren, das sie nicht wirklich zu mögen scheinen. Aber vor allem muss man feststellen, dass mit der oben genannten Aussage Omars wieder – und wahrscheinlich bewusst – antisemitische Dogmas verbreitet wurden: Juden haben stets eine Verbindung zu Geld, und Juden sind nicht loyal.

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Im Mai sagte Omar zudem den fürchterlichen Satz: «Wir haben unvorstellbare Gräueltaten gesehen, die von den USA, der Hamas, Israel, Afghanistan und den Taliban begangen wurden.» Sie stellte damit Demokratien mit Terrororganisationen gleich.
Sind solche Aussagen ein «empörter Aufschrei»? Es ist schwer verständlich, warum die antisemitischen Aussetzer der hochgejazzten jungen Progressiven nicht einmal Erwähnung finden in Wetzels Berichterstattung. So wirkt es, wie es in vielen Medien – auch im «Tages-Anzeiger» – zu oft wirkt: Hauptsache, Israel hat Schuld.

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