Zeitungsente der Woche: Die Welt ist schlecht. Apocalypse now. Eine Woche mit dem «Tages-Anzeiger»

Zeitungsente der Woche: Die Welt ist schlecht. Apocalypse now. Eine Woche mit dem «Tages-Anzeiger»

Die Seele schmerzt, der Geist erlahmt. Dürfen wir uns je wieder freuen? Eher nicht.

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von Sebastian Briellmann am 30.7.2021, 12:46 Uhr
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Vielleicht ist das die letzte Zeitungsente, vielleicht ist es das gewesen, für immer, man weiss ja nie. Der Lebensgeist hat seinen Abschied zumindest angekündigt, die Seele auch schon weniger geschmerzt – und der Körper, auch physisch geschunden, leidet an einem akuten Bettdecke-über-dem-Kopf-Drang. Bloss weg hier, der Realität entschwinden, irgendwie.
Wenn der «Tages-Anzeiger» recht hat, macht das ja auch alles keinen Sinn mehr auf diesem Planeten. All die Ungerechtigkeiten, der drohende Weltuntergang. Apocalypse now.
Die Welt wird bald untergehen.

«Klimazerstörung»

Wer an diesem Freitag die Zeitung aufschlägt, dem wirbeln die Sterne (sind es Gendersternchen?) nur so vor den Augen, alsbald setzt die totale Erschöpfung ein: Judith Butler, die «Pionierin der Genderstudies», erzählt in einem Interview von ihrer Verwundbarkeit, weil sie «als Frau, als queere Person, als jemand, der manchmal für trans gehalten wird», bösartigen Kommentaren und Handlungen ausgesetzt ist. Angst hat sie auch vor dem Coronavirus und den Auswirkungen der «Klimazerstörung».
Etwas aufatmen darf man, weil sie immerhin einen Schuldigen benennen kann für all dieses Elend – und das bedeutet ja, dass man diesen Feind bekämpfen und die Welt wieder in Ordnung bringen kann. Und wo schlummert nun das Böse? In der «Verbindung zwischen Formen des Kapitalismus und Formen des Faschismus». Okay, dann wirds natürlich nichts mit der Rettung des Planeten.
Die Welt ist sexistisch, homophob, transphob, faschistisch.

Gender-Göttin

Corona hat dies schonungslos aufgezeigt, führt Butler aus, weil einige Länder, «vor allem in Afrika», keinen Zugang zu Impfstoff hätten: «Hier zeigt sich, wessen Leben als entbehrlich angesehen wird. Letztlich ist es eine Form von Rassismus, die weisses Leben über dasjenige von People of Color stellt.» Dass viele Länder den Impfstoff freiwillig abgelehnt haben, die Skepsis bei den Menschen gross ist (diese Woche musste Kongo 300’000 Dosen mangels Nachfrage wegwerfen): Das ist natürlich kein Thema.
Die Welt ist trotzdem ein rassistischer Ort.
Die Gender-Göttin kommt dann zum Schluss, dass wir unser Verständnis von Freiheit überdenken sollen. Verständlich, denkt man ganz ausgelaugt, man sieht ja, was wir damit Unartiges angestellt haben. Und wer es nicht sieht, der hat gottlob noch den «Tages-Anzeiger».
Bereits zu Beginn der Woche teilt er uns mit, dass wir es mit dem Klima so richtig verbockt haben. Wir Egoisten? Naja, doch nicht so richtig, weil es schon so sei, dass wir das Klima gar nicht massgeblich beeinflussen könnten (weil zu klein) – aber wir sind trotzdem ein Teil des Problems und müssen dieses angehen. Aha. «Das wurde schon tausendmal geschrieben, und trotzdem hat man nun wieder den Eindruck, es müsse nochmals gesagt sein. Wir sind nicht nur moralisch, sondern auch durch das Pariser Klimaabkommen völkerrechtlich verpflichtet, Klimaschutz zu betreiben.» Na dann, machen wir das doch. Leider endet der Kommentar so, dass auch das nicht wirklich etwas brächte: «Grundsätzlich ist die Zeit schon lange abgelaufen.»
Die Welt bleibt uns nicht mehr lange erhalten.

Jubelverbot

Immerhin, es gibt auch gute Nachrichten – abgesehen davon, dass sowieso, wie erwähnt, bald Schluss ist mit dem ganzen Spass auf dem Planeten Erde. Nur kommt dieses Ende vielleicht etwas später als gedacht, weil die Corona-Zahlen zumindest konstant tief bleiben. Das ist doch wunderbar? Nicht für den «Tages-Anzeiger». Der findet am Mittwoch zum bundesrätlichen Entscheid, weitere Lockerungen aufzuschieben, ebenfalls ganz pflichtbewusst: «Es ist nicht die Zeit für die grosse Öffnung.» Und auch einen Tag später, als die positive Kunde der sinkenden Fallzahlen bekannt gegeben wird, mahnt er streng: «Ein Grund zum Jubeln ist dies aber noch nicht.»
Auch wenn die Apokalypse ausbleiben sollte, was wir keck noch immer zu hoffen wagen, allen Unkenrufen zum Trotz:
Die Welt ist ein öder Ort geworden, spassbefreit und lustlos. Bloss weg hier, der Realität entschwinden, irgendwie – zumindest jener des «Tages-Anzeigers».
In der Rubrik «Zeitungsente» küren wir die gewagteste Mediengeschichte der Woche. Schauen Sie vorbei, wenn wir jede Woche eine neue Geschichte ehren. Was stimmt, was ist übertrieben, was ist schlicht falsch? Der Nebelspalter spaltet den Nebel.

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