Zeitungsente der Woche: Die Spalter von der guten Seite

Zeitungsente der Woche: Die Spalter von der guten Seite

Das linke Onlineportal «Bajour» setzt sich ein für Inklusion. Geht es um die Berichterstattung über die Schweizer Fussballnationalmannschaft, wird aber genauso verächtlich berichtet, wie es der Gegenseite immer vorgeworfen wird.

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von Sebastian Briellmann am 2.7.2021, 12:55 Uhr
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Heute ist ein ganzes Land in Festlaune. Millionen von Schweizern blicken fiebrig nach St. Petersburg, wo die Nationalmannschaft gegen Spanien an der Europameisterschaft den nächsten grossen Triumph schaffen möchte. Der «Blick» titelt: «Heute sind wir alle Toooreros!» Die NZZ schreibt: «Der Schweizer Fussball erlebt sein Woodstock: Es gab Hodgson, Kuhn und Hitzfeld, aber die Befreiung und Entkrampfung gelingt Vladimir Petkovic.» Und «watson» motiviert: «Macht es noch einmal, Jungs!»
Kollektive Vorfreude. Partystimmung, überall.
Nun, diese wird getrübt durch Medienberichte, die in der Stunde des Erfolgs genüsslich auf kritische Sportredaktionen und ein offenbar latent rassistisches Land eindreschen. «Bajour» greift dafür tief in die Trickkiste: Von der Partnerzeitung «WoZ» recycelt das linke Basler Onlineportal eine Analyse aus dem Jahr 2019 – mit dem Titel: «Ist Petkovic schlicht zu gut?»

Simple Anschauung

Der Text ist nicht nur eine Hymne an den Nationaltrainer (was legitim ist), sondern auch eine Abrechnung mit denselben Medienhäusern und ihren Journalisten, die nun seit Tagen das Land mit Superlativen zur Nationalmannschaft überziehen. Die Fussballreporter benutzten laut Artikel von vor zwei Jahren «düsteres Vokabular» – und da die Equipe «mehrheitlich aus Kindern von Eltern aus Ex-Jugoslawien und aus afrikanischen Ländern besteht», hätten die Reporter laut «WoZ» die Gelegenheit, «die längst fällige Weltöffnung mit einzuläuten» Das aber scheine ihnen zu riskant.
All dies sei «Populismus aus der Provinzblase» – verzapft von Journalisten von gestern, unfähig und unwillig, sich zu öffnen? Darum, heisst es im Artikel, machten die Reporter den Nationalcoach zum «Sündenbock der Nation».
Kein Thema ist natürlich, ob die Kritik an Petkovic und seinen Mannen vielleicht doch berechtigt sein könnte. Warum auch? Der Fall, so wird vermittelt, ist überdeutlich: Petkovic steht für eine neue, moderne Schweiz. Die Kritiker für die alte und rückständige. Das ist eine gar simple Anschauung, aber nur ein Teil des Problems.

Kritik ist nicht Hass

Die Schwierigkeit besteht darin, dass es nun auf der linken Seite zum Volkssport geworden ist, ihr Bessermenschsein auch noch dem Hinterletzten zu vermitteln – mit dem Stilmittel der Provokation: Jetzt, da diese Nationalspieler tatsächlich mal so weit gekommen sind, wie sie selber immer wortgewaltig und vollmundig angekündigt haben, werden sie hochstilisiert zu Helden. Dafür holt man auch alte Geschichten gerne wieder hervor.
Das darf man durchaus so machen. Es ist jedoch zumindest zweifelhaft, ob man gleichzeitig den Schweizer Fans (und Journalisten), die das Gebaren der hochbezahlten Hochbegabten nicht nur lässig finden, nun immer den Vorwurf macht, die Kritik rühre einzig daher, dass es sich bei den Spielern nicht um Hanslis und Peterlis handelt. Kritik ist auch nicht immer gleich mit Fremdenfeindlichkeit gleichzusetzen, wie es woke Medien gerne tun.
Die Spalter von der guten Seite.
Um nichts anderes geht es nämlich: ums Spalten. Bezeichnend sind die «Tipps für einen wahrlich patriotischen Viertelfinal», die «Bajour» für ihre Leser bereit hält. Eine kleine Auswahl:
  • Blondier dir die Haare.
  • Versuch die Europäische Hymne.
  • Mach den Doppeladler bei jedem Tor, das die Schweiz erzielt.
  • Schaue den Match auf ARD oder ZDF, weil die Deutschen besser und unverkrampfter mit Schweizer Patriotismus umgehen können, als die Eidgenossen mit ihren Integrationsproblemen.
  • Erkläre dich für neutral und geniesse die moralische Überlegenheit.

Bei «Bajour» merken sie es vielleicht nicht, eher ist es ihnen ziemlich gleichgültig: Solche Texte sorgen in der Bubble wahrscheinlich für ein paar Lacher (und jene Unbelehrbare, für die es wirklich nur Peterlis und Hanslis in der Nationalmannschaft, ach was im Land geben sollte, bekommen es gar nicht mit). Aber für den grossen Rest, der die Schweizer Fussballer unterstützt, aber auch mal kritisiert, sind solche Texte die pure Verachtung – weil die selbsternannten Gutmenschen-Journalisten ja antreten, um Hass und Hetze zu bekämpfen, um Inklusion und Integration zu fördern.
Was sie hier aber tun, ist nicht der Versuch einer Ergründung (was durchaus sinnvoll wäre), wieso die Nationalmannschaft und die Fans ein nicht unbelastetes Verhältnis haben, und wie das gerade in der Schmelztiegel-Stadt Basel zu verbessern wäre: Nein, man knallt all den vermeintlich reaktionären Fans, die bei Doppeladlern nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen – und diese dürften eine überwältigende Mehrheit ausmachen –, einen vor Arroganz triefenden Text vor die Nase – und nimmt einfach unreflektiert die absolute Gegenposition ein. Also das, was man den Kritikern so gerne vorwirft.

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