Wölfe in der Schweiz: Ein Restrisiko bleibt

Wölfe in der Schweiz: Ein Restrisiko bleibt

In der Schweiz häufen sich Begegnungen mit aggressiven Wölfen. Für den Menschen bestehe kein Risiko, versichern Tierschützer und Wissenschaftler. Vorkommnisse im Ausland belegen aber, dass man durchaus beunruhigt sein kann. Gefährlich wird es vor allem, wenn die Raubtiere ihre Scheu verlieren.

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von Alex Reichmuth am 9.11.2021, 08:00 Uhr
Karikatur:  Clemens Ottawa
Karikatur: Clemens Ottawa
Der Schreck sass tief bei Matze Korb in Dresden. Im September hatte sich ein Wolf auf das Grundstück des Ostdeutschen verirrt. Korb wollte ihn davonjagen, als sich das Tier plötzlich umdrehte und zum Angriff überging. Der Wolf sei ohne zu bremsen auf ihn zugestürzt, rapportierte Korb. «Zum Glück hatte ich noch meinen Schrubber in der Hand und schlug dreimal auf ihn ein, bis er zu Boden ging und vor mir auf der Strasse lag.» Der Wolf sei anschliessend geflohen, berichtet das Portal «jagderleben.de».
Besonders fiel Matze Korb auf, dass der Wolf keinerlei Scheu zeigte. Auch dürfe er gar nicht dran denken, was passiert wäre, wenn das Tier auf seinen viereinhalb-jährigen Enkel beim Spielen im Garten getroffen wäre. «Manche Leute denken immer noch, dass der Wolf ein Kuscheltier sei.»

«Wie in einem Horrorfilm»

Noch übler erging es vor zwei Jahren einer Familie auf einem Campingplatz im kanadischen Banff-Nationalpark. Gemäss der «Washington Post» attackierte ein Wolf die Familie in ihrem Zelt, verbiss sich am Vater und zerrte diesen ins Freie. Ein Nachbar, der die Hilferufe der Familie gehört hatte, eilte herbei und sorgte dafür, dass das Tier vom Mann abliess.
Anschliessend flohen alle in den Minivan des Nachbarn. Der angegriffene Familienvater musste ins Spital gebracht werden. «Es war irgendwie wie in einem Horrorfilm», schrieb die Ehefrau auf Facebook über die Wolfsattacke.

Das Rudel am Piz Beverin sorgt für unschöne Vorfälle

Derart krasse Begegnungen mit einem Wolf gab es in der Schweiz bisher nicht. Aber auch hierzulande häufen sich Vorkommnisse, wo Menschen mit der Aggressivität der Raubtiere Erfahrung machen mussten. Besonders das Rudel am bündnerischen Piz Beverin sorgte jüngst für unschöne Vorfälle.

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Jungwölfe des bündnerischen Calandarudels in der Fotofalle, 2014. Bild: Keystone

So verfolgten junge Wölfe im August eine Wandergruppe und liessen sich erst durch lautes Rufen vertreiben. Im September knurrte ein Wolf eine Hirtin und ihren Hund an – aus nur zehn Meter Distanz. Ebenfalls im September gab es eine Begegnung von Menschen mit drei Wölfen, wobei sich einer davon einem Hirtenhund bedrohlich näherte.

«Viele hier haben Angst»

«Die Situation ist völlig unhaltbar», sagte Marco Dolf, Landwirt und Präsident der Gemeinde Muntogna da Schorns am Piz Beverin, zur «Neuen Zürcher Zeitung»: «Es gibt Einwohner, die in gewissen Gegenden nicht mehr spazieren gehen.» Die Wölfe des Beverin-Rudels hätten die Scheu vor dem Menschen verloren, meinte auch Hans Andrea Fontana, Präsident in der Nachbargemeinde Andeer. «Viele hier haben Angst.»

«Von den Wölfen des Beverin-Rudels geht keine Gefahr für Menschen aus, genauso wenig wie von anderen Wölfen in der Schweiz.»

David Gerke, Präsident der Gruppe Wolf Schweiz

Tierschützer und Wissenschaftler beschwichtigen jedoch. «Von den Wölfen des Beverin-Rudels geht keine Gefahr für Menschen aus, genauso wenig wie von anderen Wölfen in der Schweiz», behauptete David Gerke gegenüber der «Tierwelt». Er ist Präsident der Gruppe Wolf Schweiz, die sich für das Zusammenleben zwischen Menschen und einheimischen Grossraubtieren einsetzt.

Schon 13 Wolfsrudel in der Schweiz

«Angst muss man keine haben», sagte auch Gabriele Cozzi, Biologe und Experte für Grossraubtiere an der Universität Zürich, zur «NZZ». Zwar sei unbestritten, dass Wölfe Menschen verletzen oder sogar töten könnten. In Europa sei die Wahrscheinlichkeit für aggressive Begegnungen und Zwischenfälle mit fatalen Folgen aber sehr klein, «wenn nicht fast inexistent».
In der Schweiz leben heute gemäss dem Bund zwischen 130 und 150 Wölfe. Der Bestand vergrössert sich rasch. Schon haben sich mindestens 13 Rudel gebildet. Die Tiere reissen jährlich Hunderte von Nutztieren. Betroffen sind in der Regel Schafe – aber nicht nur: Letzter Jahr griffen Wölfe im bündnerischen Salouf einen Esel und ein Rind an.

14 Attacken von Wölfen auf Rinderherden

Im letzten Sommer wurden im Waadtländer Jura 14 Attacken von Wölfen auf Rinderherden verzeichnet. Die Raubtiere griffen die Rinder in der Regel als Rudel an. «Dadurch, dass das Rudel inzwischen aus vier erwachsenen Wölfen besteht, erhält es eine viel höhere Schlagkraft, kann sogar 200 Kilogramm schwere Tiere angreifen», sagte der Wolfskenner Jean-Marc Landry zum Westschweizer Fernsehen.

In früheren Zeiten waren tödliche Wolfsattacken auf Kinder keine Seltenheit.


Wenn Wölfe Kühe angreifen, fragen sich viele, warum sollen sie dann nicht auch in der Lage sein, ein Kind in Gefahr zu bringen? In früheren Zeiten zumindest waren tödliche Wolfsattacken auf Kinder keine Seltenheit. 1820 griff ein Wolf in Mittelschweden insgesamt 31 Menschen an. Zwölf von ihnen tötete er und frass sie teilweise auf - mit einer Ausnahme alles Kinder. In Finnland brachten zwei Wölfe zwischen 1880 und 1882 bei Turku mindestens 24 Kinder um.

Tödliche Wolfsattacken auf Kinder in den letzten Jahrzehnten

Auch in jüngerer Zeit gab es tödliche Wolfsattacken auf Kinder: Im spanischen Galicien brachte 1974 ein Wolf ein unbeaufsichtigtes Baby und einige Tage später ein dreijähriges Kind um. 1977 tötete ein Wolf im deutschen Delmenhorst ein siebenjähriges Kind. Ein besonders grosses Risiko sind Wölfe in Indien. Dort töteten Wölfe zwischen 1992 und 2012 im Bundesstaat Uttar Pradesh 273 Kinder.
In diesem Jahrhundert waren ebenfalls schon tödliche Attacken von Wölfen zu verzeichnen: 2005 wurde der 22-jährige Student Kenton Joel in der kanadischen Provinz Saskatchewan tödlich verletzt. 2010 kehrte die 32-jährige Candice Berner in Alaska nicht vom Joggen zurück. Später fand man ihre Leiche, von Wölfen zerfetzt.

14 Attacken in Europa und Nordamerika

Im letzten April veröffentlichte eine Forschungsgruppe des Norwegischen Instituts für Naturforschung eine Übersicht über Wolfsattacken auf Menschen in den Jahren 2002 bis 2020 (siehe hier). Die Wissenschaftler zählten weltweit 491 Angriffe, von denen 26 tödlich endeten. 78 Prozent der Angriffe liessen sich auf eine Tollwut-Erkrankung von Wölfen zurückführen. In Europa und Nordamerika wurden 14 Attacken verzeichnet. Zwei davon verliefen tödlich. Mutmasslich handelt es sich um die beiden erwähnten Fälle.

«Wenn die Menschen sich nicht wehren, werden die Wölfe gewinnen.»

Valerius Geist, kanadischer Biologe

Angriffe von Wölfen sind also selten. Aber es gibt sie. Es besteht zumindest ein Restrisiko.

Sieben Stufen der Eskalation von Valerius Geist

Ein Warner vor diesem Restrisiko war der kanadische Biologe Valerius Geist, der im Juli verstorben ist. «Wenn die Menschen sich nicht wehren, werden die Wölfe gewinnen», sagte er im März zum deutschen «Nordkurier». Geist, der auf der kanadischen Vancouver Island wohnte, musste erleben, wie Wölfe Hunde töteten, seine Nachbarn verfolgten, seine Frau umkreisten und schliesslich auch ihn selbst.
Valerius Geist beschrieb sieben Stufen der Gewöhnung der Wölfe an Menschen. Es sind Eskalationsstufen, was das Risiko angeht. Die erste Stufe ist, dass Rehe, Hirsche und andere Beutetiere, die vor den Wölfen fliehen, in Dörfern zu sehen sind. In Stufe zwei nähern sich die Raubtiere menschlichen Behausungen, vor allem nachts. Stufe drei beginnt, wenn sich die Wölfe auch tagsüber zeigen.

Am Ende verlieren die Wölfe jegliche Scheu

Bei Stufe vier sind die Tiere nicht mehr zu übersehen und greifen Hunde und Nutztiere an. Die fünfte Stufe ist, wenn sich solche Angriff steigern, und auch grössere Nutztiere wie Rinder verletzt werden. Stufe sechs ist erreicht, wenn Wölfe sich scheinbar zahm in unmittelbarer Nähe der Menschen aufhalten. Und Stufe sieben folgt, wenn die Tiere die Scheu vor dem Menschen endgültig verloren haben und – im Extremfall – diese angreifen.
In der Schweiz sind wir offenbar gerade bei Stufe fünf. Oder schon weiter.

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