Wochenschau 8/2022: Krieg in der Ukraine, die Credit Suisse und die «Suisse Secrets», Schuldenturm in den USA

image 24. Februar 2022, 17:30
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Was der Anleger im Kanonendonner bedenken muss

Nun also doch: Russland lässt die Kanonen gegen die Ukraine donnern (Wochenschau 4/2022). Der Westen hat ein militärisches Eingreifen frühzeitig ausgeschlossen. Ob dies weise war, sei dahingestellt – in der Geschichte lassen sich Beispiele finden, die für und wider die martialische Option sprechen (erfolgreiche Abschreckung im Kalten Krieg versus bündnisgetriebener Weltenbrand im Ersten Weltkrieg). Doch Moskau muss sich zumindest auf einen ausgewachsenen Wirtschaftskrieg einstellen: Sanktionen gegen den russischen Staat, russische Unternehmen sowie Repräsentanten aus der Politik und der Wirtschaft. Projekte wie Nord Stream 2 werden auf Eis gelegt, und der Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten wird dem Aggressor verwehrt.

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Der russische «Blitz» über der Ukraine: mit massiven Schlägen aus der Luft die militärische Infrastruktur zerstören und den Wehrwillen des Gegners brechen. Bild: Keystone
Das alles dürfte Putins Russland – das längerfristige geopolitische Gewinne offenbar höher gewichtet als kurzfristige ökonomische Schmerzen – vorerst nicht allzu sehr beeindrucken. Die Kaskade von Sanktionen war absehbar, und das Land hat sich soweit als möglich darauf vorbereitet. Es verfügt über hohe Devisenreserven, und die am Bruttoinlandprodukt gemessene Verschuldungsquote liegt mit 16 Prozent viel tiefer als beispielsweise in den USA (siehe unten). Russland kann es sich zumindest kurzfristig leisten, von den internationalen Märkten abgeschnitten zu werden. Zudem verfügt es über viele Rohstoffe und besonders Energie – ob es sich Europa und die Welt leisten können, darauf zu verzichten, steht auf einem anderen Blatt.
Längerfristig dürften die Sanktionen Russlands wirtschaftlichem Gedeihen allerdings wenig zuträglich sein. Erstens versetzen sie den jahrzehntelangen Bestrebungen, russische Unternehmen und Banken auf dem internationalen Parkett als manierliche, verlässliche und honorige Akteure zu präsentieren, einen herben Rückschlag. Zweitens – und das ist für das russische Volk erheblich gravierender – droht ein Rückgang des allgemeinen Lebensstandards. Zu diesem Schluss gelangt das in der Wirtschafts- und Anlageberatung aktive Institut Wellershoff & Partners, indem es in einer Analyse die Auswirkungen der scharfen Sanktionen gegen die iranische Wirtschaft auf Russland projiziert; zweifelsohne ein origineller Ansatz.
Welchen Einfluss üben die Sanktionen des Westens und allfällige Retorsionsmassnahmen Russland aber auf die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte aus? Kurzfristig reagierten die Märkte gemäss Drehbuch: Risikobehaftete Anlagen wie Aktien verloren an Wert, sichere Staatsanleihen legten etwas zu, die Preise für Rohstoffe und insbesondere Erdöl stiegen markant, und Safe-haven-Währungen wie der Franken und der US-Dollar erstarkten. Diese Reaktion (auf die teilweise Gegenbewegungen folgten, was als Stabilisierungszeichen interpretiert werden kann) deutet daraufhin, dass die Finanzmärkte das Geschehen nicht vollständig antizipiert hatten und doch etwas überrascht wurden. Die Ereignisse belasten die Weltwirtschaft und verkomplizieren die Aufgabe der Zentralbanken, die Inflation wieder einzufangen. Ein schwächeres Wirtschaftswachstum spräche für eine weniger resolute Straffung der Geldpolitik, ein Inflationsschub als Folge höherer Rohstoffpreise dagegen für eine tendenziell härtere Gangart.
Für mutige Investoren stellt sich die Frage, ob sie die Kurstaucher bei risikobehafteten Anlagen nutzen sollen – getreu dem Motto «kaufen, wenn die Kanonen donnern». Der oberste Anlagenverantwortliche (Chief Investment Officer) der UBS benutzt diese Phrase nicht, erinnert aber daran, dass das grösste Risiko für Investoren bei geopolitischen Krisen erfahrungsgemäss darin besteht, zu überreagieren und zu wenig diversifiziert zu sein. In seinem «CIO Alert» unterstreicht Mark Haefele die Vorzüge eines geografisch und über die Anlageklassen breit gestreuten Portfolios. Er empfiehlt Rohstoffe zur Absicherung und eine Übergewichtung im US-Dollar. Die Weltwirtschaft befinde sich immer noch auf einem überdurchschnittlichen steilen Wachstumspfad, und daher gehörten zyklische und Value-Sektoren ungeachtet der Ukraine-Krise zu den Gewinnern. Man kann nur hoffen, dass der UBS CIO recht behält und die Krise begrenzt (oder im Jargon des Kalten Krieges: contained) bleibt.

Credit Suisse und «Suisse Secrets»: Staatsräson statt Ressentiments

«Gottstein geht in die Offensive», titelte «Finanz und Wirtschaft» auf der Frontseite in der Samstagsausgabe. Und die Unterzeile zum grossen Interview lautete: «Der Credit-Suisse-CEO will Skandale abschütteln und die Bank mit weniger Risiken stabilisieren.» Just an diesem Wochenende ging auch das investigative Journalistennetzwerk «Organized Crime and Corruption Reporting Project» in die Offensive. Im Visier: die Credit Suisse.
Die «Süddeutsche Zeitung» (SZ), die zusammen mit anderen Medienpartnern an der Auswertung der aus einer anonymen Quelle stammenden Daten zu 30’000 Kontoinhabern, die bis in die 1940er-Jahre zurückreichen, beteiligt gewesen war, fuhr rhetorisch schweres Geschütz auf (wobei auch Freunde und Freundinnen des generischen Maskulinums auf ihre Kosten kamen): «Die zweitgrösste Bank der Schweiz hat über viele Jahre hinweg korrupte Autokraten, mutmassliche Kriegsverbrecher sowie Menschenhändler, Drogendealer und andere Kriminelle als Kunden akzeptiert», war in der gedruckten Ausgabe vom Montag zu lesen. Ein noch ausgebuffterer Storyteller war offensichtlich auf der SZ-Website am Werk: «Bislang waren die Konten der Schweizer Banken ein streng gehütetes Geheimnis hinter dicken Mauern. Doch nun hat eine anonyme Quelle der SZ einen riesigen Datenschatz aus der Credit Suisse zugespielt. Erstmals lässt sich zeigen, wie Kleptokraten, Autokraten und Kriminelle ihr Geld dort bunkerten.»
Die «Suisse Secrets» erinnern an die «Panama Papers» (2016), die «Paradise Papers» (2017) und die «Pandora Papers» (2021). Auch damals rühmte sich ein Journalistenkonsortium (allerdings ein anderes), dank Datenlecks Unappetitliches über internationale Finanzplätze zutage gefördert zu haben. Allerdings gibt es doch einige wesentliche Unterschiede.
  • Erstens handelt es sich nicht wie bei den Papers um Geschichten darüber, wie reiche Privatpersonen und Unternehmen weltweit Offshore-Vehikel (Briefkastenfirmen) einsetzen, um ihre Vermögen unter anderem steuerschonend zu verwalten. Aufs Korn genommen wird diesmal eine einzige Schweizer Grossbank – und nicht wie bei den «Papers» ein Geflecht aus Anwaltskanzleien und Finanzinstituten.
  • Die den Medien zugespielten Daten stammen zweitens nicht aus Anwaltskanzleien in Steueroasen, sondern sehr wahrscheinlich von einem Insider in der Grossbank.
  • Drittens sind diesmal keine Schweizer Medien an der «Recherche» beteiligt, ob aus rechtlichen oder anderen Gründen sei dahingestellt.
  • Viertens hat die Angeschuldigte Credit Suisse noch am Sonntag Stellung bezogen: Sie «weist die Vorwürfe und Unterstellungen über angebliche Geschäftspraktiken bei der Bank entschieden zurück». Die Themen seien «überwiegend historischer Natur», die Berichte basierten auf «unvollständigen, fehlerhaften oder selektiven Informationen, die aus dem Zusammenhang gerissen sind, um die Bank in tendenziöser Weise darzustellen». Man habe in den vergangenen drei Wochen mehrere entsprechende Medienanfragen erhalten und zahlreiche Konten geprüft, lässt die offenbar vom Geschehen nicht gänzlich überrumpelte Credit Suisse wissen. 60 Prozent der Konten seien vor 2015 geschlossen worden.
  • Fünftens setzen sich einige Medien zumindest hierzulande recht differenziert und auch kritisch mit den «Suisse Secrets» auseinander. Das war bei den «Papers» noch deutlich weniger der Fall («Fake News»). Dies dürfte damit zu tun haben, dass der Angriff auschliesslich auf die ohnehin angeschlagene Grossbank abzielt. Zudem setzt er so offensichtlich auf die Empörungsmasche, dass selbst die hiesigen Journalisten, die grossmehrheitlich nicht im Verdacht stehen, besonders viel Verständnis für die Anliegen des Schweizer Finanzplatzes aufzubringen, misstrauisch wurden.
Wie ist das Ganze zu beurteilen? Jörg Gasser, CEO der Schweizerischen Bankiervereinigung, bezeichnete die «Suisse Secrets» in einer Stellungnahme als «Zeitreise durch Jahrzehnte, in denen vieles hätte anders laufen müssen – nicht nur bei uns». In der Tat bedienen sich die Enthüller von der «Süddeutschen» eines Vokabulars, das man eher in mittelmässigen Agentenfilmen und Krimis aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts vermuten würde. Der eigentliche Reputationsschaden für die Credit Suisse besteht nicht darin, dass sie in der Vergangenheit Geschäfte mit nicht astreinen Kunden getätigt hat, weil das ja nun wirklich nicht neu ist. Viel gravierender ist, dass die «Skandalbank» die Daten ihrer Kunden nicht schützen konnte.
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Wenn es um die Empörungsbewirtschaftung wider den Finanzplatz Schweiz geht, ist die SP ein sicherer Wert: die Nationalräte Cédric Wermuth, Prisca Birrer Heimo, Samuel Bendahan und Samira Marti forderten am Montag aufgrund der «Suisse Secrets» (staatliche) «Taten». Bild: Keystone
Wenn die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht Finma und die Schweizer Politik unbedingt tätig werden wollen, wäre an dieser Stelle anzusetzen. Attacken aus dem Ausland auf den Schweizer Finanzplatz wird es immer wieder geben, solange dieser einigermassen erfolgreich ist. Man muss die Credit Suisse davor schützen, nicht weil man sie besonders sympathisch fände, sondern aus Staatsräson. Denn das real existierende Finanzsystem ist – was aus liberaler Warte durchaus beklagt werden darf – ein Gemisch aus Privat- und Staatswirtschaft und keine reine Marktveranstaltung. Und zwei Grossbanken dürften für unseren Finanzplatz alleweil besser sein als bloss eine (oder gar keine). Im Übrigen war es nicht die Credit Suisse, die in der Finanzkrise vom Staat gerettet werden musste und an der das Bankgeheimnis gegenüber dem Ausland zerbrach.

30 000 000 000 000 US-Dollar

Im Februar hat der Nominalwert der vom Schatzamt der Vereinigten Staaten von Amerika (US-Treasury) emittierten Schulden die Grenze von 30 Billionen US-Dollar überschritten. Das Investment Research der UBS hat dies zum Anlass genommen, die Entwicklung der Verschuldung der USA genauer zu betrachten. Die öffentlichen Finanzen seien langfristig auf einem nicht nachhaltigen Pfad, aber es handle sich um einen langsam voranschreitenden Prozess, weshalb das Risiko einer Schuldenkrise in absehbarer Zeit gering sei, lautet das Fazit. Das ist einigermassen beruhigend für die Investoren und Finanzmärkte, gelten doch die vom Treasury herausgegebenen Staatsanleihen und Geldmarktpapiere weltweit als Inbegriff einer sicheren Anlage und als Referenz für die Bewertung und Bepreisung vieler anderer Anlageklassen.
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Gleichwohl lohnt sich die Lektüre des Two-Pager des UBS-Ökonomen Brian Rose. Denn auch hier sind die konkreten Details aufschlussreicher als das ganz grosse Bild, das ja meistens wenig Neues enthält. So macht er darauf aufmerksam, dass in den 30 Billionen auch 6,5 Billionen mitgezählt sind, die über Vehikel wie den Social Security Trust Fund von der US-Regierung selber gehalten werden und deshalb der Schuldenberg normalerweise mit «nur» 23,5 Billionen beziffert wird. Allerdings seien die Bereiche soziale Sicherheit und das Gesundheitswesen (Medicare) massiv unterfinanziert – es bestehen somit erhebliche Eventualverpflichtungen, die in den offiziellen Zahlen ebenfalls nicht berücksichtigt werden.
Die Summe mit den vielen Nullen ist natürlich per se eindrücklich – für eine ökonomische Einschätzung muss sie aber ins Verhältnis mit der Schaffenskraft der US-Wirtschaft gesetzt werden. Der (prozentual ausgedrückte) Anteil der Schulden am Bruttoinlandprodukt (Schuldenquote) hat sich seit 2005 verdoppelt, die Verschuldung selber vierverfacht. Die Schulden der Zentralregierung sind also wesentlich stärker gewachsen als die Gesamtwirtschaft. Die Finanzkrise von 2008 und die Pandemie sind nicht die Ursachen für den Verschuldungsexzess, sondern blosse Verstärker des herrschenden Trends.
Dass die Schuldenquote seit Monaten leicht rückläufig ist, liegt daran, dass die US-Wirtschaft boomt und die Inflation hoch ist. Diese Kombination hat, zusammen mit den weiterhin tiefen Zinsen, zu hohen Steuereinnahmen geführt, das Budgetdefizit (das monatlich ausgewiesen wird) ist geschrumpft. UBS warnt jedoch davor, die Inflation als Allheilmittel gegen die Verschuldung einzusetzen, weil dann die «Wächter am Anleihenmarkt» (Bond market vigilantes) höhere Renditen einfordern, was die Refinanzierung alter und die Aufnahme neuer Schulden empfindlich verteuert.
Noch ist es nicht soweit, und die US-Zentralbank hat klar zu erkennen gegeben, dass sie die Inflation wieder unter Kontrolle bringen will. Dazu sind einerseits höhere Zinsen nötig, was den Schuldendienst allmählich weniger günstiger macht. Einen direkten Effekt könnte der Verkauf von US-Staatsanleihen auslösen, die derzeit in der Zentralbankbilanz sind, da die entsprechenden Couponzahlungen im Rahmen der Gewinnausschüttung an das Schatzamt zurückfliessen; bei den im Markt platzierten Anleihen ist das selbstredend nicht der Fall.
UBS rechnet damit, dass die Schuldenquote bald wieder steigen wird, obschon der Zeitpunkt für eine weniger freigiebige Fiskalpolitik (also weniger Ausgaben und mehr Einnahmen) an sich günstig wäre. Denn damit könnten gleich zwei Fliegen auf einen Schlag erledigt werden: Zum einen würde das Defizit verringert, zum anderen die Inflation gedämpft, so dass die Zentralbank die Zinsen weniger stark erhöhen müsste. Doch dass die Politik zu dieser Einsicht gelangt, dürfte leider Wunschdenken sein.
«Der gegenwärtige Zustand der Politik in Washington gibt wenig Anlass zu Optimismus, dass vernünftige politische Entscheidungen getroffen werden, um das Schuldenproblem zu lösen.»
Brian Rose, Senior Economist Americas, UBS
Hinweis: Die nächste «Wochenschau erscheint» ausnahmsweise am Freitag, dem 4. März).

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