Wochenschau 13/2022: Inflation in Europa, Schweizer Unternehmen im Gespräch, öffentliche Finanzen auf Stabilisierungskurs

Was die hohe Teuerung in Deutschland für die Geldpolitik der EZB bedeutet. Ein Konjunkturindikator aus der Praxis: die Unternehmensgespräche der SNB. Die Schweiz hat die Verschuldung weiterhin unter Kontrolle – trotz Corona.

image 31. März 2022, 16:30
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Europa: Inflation schiesst nach oben, Stimmungsindizes auf Talfahrt

Auf den Reigen der Zentralbankentscheide (Wochenschau 12/2022) folgt nun der Reigen der monatlichen Inflationszahlen. Wie erwartet zeigt der Teuerungstrend weiter nach oben, weil die Preisindizes nun erstmals die Verwerfungen des Ukrainekriegs voll erfassen. Am Mittwoch gab das Statistische Bundesamt bekannt, dass sich in Deutschland die Verbraucherpreise (die in der Schweiz Konsumentenpreise genannt werden) im März zum Vorjahr um 7,3 Prozent erhöht haben. Es handelt sich um die höchste Rate seit den 1980er-Jahren.
Nicht nur der Anstieg an sich ist beeindruckend, sondern auch der «Anstieg des Anstiegs», also der Sprung gegenüber dem Vormonat von 2,5 Prozentpunkten. «Das ist mit sehr grossem Abstand die stärkste Monatsveränderung in unseren bis 1970 zurückreichenden Daten», stellt Kornelius Purps, Unicredit-Stratege für festverzinsliche Anlagen, in seinem Morgenkommentar «Overnight-Impressionen» fest. Haupttreiber des Inflationsschubs sind die Energieprodukte mit einem Plus von fast 40 Prozent, aber auch die Nahrungsmittel haben sich gegenüber Vorjahr um 6,2 Prozent verteuert.
Der Sachverständigenrat, der den Auftrag zur unabhängigen Beratung der Bundesregierung wahrnimmt, geht gemäss seiner neuen Prognose davon aus, dass die durchschnittliche Jahresinflation in Deutschland 2022 6,1 Prozent erreichen und 2023 auf (vergleichsweise immer noch hohe) 3,4 Prozent sinken wird. Professor Volker Wieland, als «Wirtschaftweiser» Mitglied des Gremiums, schloss in einem Interview mit der FAZ selbst zweistellige Monatsteuerungsraten nicht aus. Er las auch der Europäischen Zentralbank (EZB) die Leviten.
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Der Sachverständigenrat stellte diese Woche seine aktualisierte Konjunkturprognose vor (Volker Wieland ist der Herr mit Brille und Haupthaar). Bild: Keystone
Die EZB hat zwar angekündigt, die geldpolitischen Zügel zu straffen, dies aber noch nicht getan und setzt darauf, dass die Inflation 2023 und 2024 wieder in den Bereich der Preisstabilität von nahe 2 Prozent zurückkehrt. Es bestehe die Gefahr, dass sich die Inflationserwartungen verfestigten, konstatiert Weiland, und das Risiko, dass die Inflation länger hoch bleibe, sei gestiegen. «Als Risikomanager muss die EZB jetzt eine Versicherung gegen ein weiteres Ausreissen der Inflationserwartungen schaffen», hält er fest und plädiert damit für «zügige Zinserhöhungen». Er rechnet auch damit, dass die Gewerkschaften als Antwort auf den inflationsbedingten Kaufkraftverlust der Arbeitnehmereinkommen in den nächsten Jahren deutlich höhere Lohnabschlüsse fordern werden – was die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale birgt, wenn die Geldpolitik nicht rechtzeitig eingreift.
«Ich möchte nicht der Gewerkschaftsführer sein, der seinen Mitgliedern erklärt, warum er auch für 2023 und 2024 weitere Reallohnrückgänge akzeptieren möchte.»
Wirtschaftsprofessor Volker Wieland, Mitglied des deutschen Sachverständigenrats, FAZ
Während die Kurven für die Preise von Gütern nach oben schiessen, zeigen diejenigen für den Wirtschaftsverlauf steil nach unten. Es handelt sich dabei vorerst allerdings um Stimmungsindikatoren, die in der Regel auf Umfragen basieren, also «weiche Indikatoren» – und noch nicht um «harte» Daten wie Produktionszahlen, Umsätze oder Exporte. Einen rekordverdächtigen Fall zeigen die von der Europäischen Kommission jüngst veröffentlichten Ergebnisse der Umfrage zur Konsumentenstimmung.
Die Haushalte schätzen den allgemeinen Wirtschaftsausblick, ihre eigene finanzielle Lage (heute und zukünftig) und ihre Bereitschaft, grössere Anschaffungen zu tätigen, viel pessimistischer ein als im Februar. Gemäss UBS ist der Gesamtindex nur bei Ausbruch der Coronakrise im April 2020 noch stärker gefallen. Die massive Verschlechterung der Einschätzung der eigenen finanziellen Lage über die nächsten zwölf Monate dürfte massgeblich mit den erwähnten steigenden Kurven zu tun haben – die Haushalte stellen sich offenbar darauf ein, dass die Inflation nicht nur temporär ist, sondern über eine längere Zeit an ihrer Kaufkraft nagen wird. Auch die Unternehmen in Europa blicken gemäss dem zusammen mit der Konsumentenstimmung publizierten «Business Survey» weniger zuversichtlich in die Zukunft, wobei der Dienstleistungssektor stabilisierend wirkt.
Raiffeisen-Ökonom Alexander Koch weist derweil auf eine Komponente eines anderen «weichen» Indikators hin, die Produktionserwartungen im sogenannten Einkaufsmanagerindex für die Eurozone. «Ungeachtet der bis zuletzt hervorragenden Auftragslage sind die Produktionserwartungen im März abgestürzt», schreibt er in seinem «Hingucker». Amerikanische Unternehmen sind diesbezüglich viel optimistischer, die Ursache für die Divergenz ortet Koch in der «Gasangst» insbesondere auch der deutschen Industrie.

Stabilitätsinsel Schweiz und aufschlussreiche Unternehmensgespräche der SNB

In der Schweiz werden die Daten zur Inflation im Monat März am 1. April veröffentlicht – auch hier ist die Prognose, dass die Teuerungsrate zum Vorjahr höher liegen wird als noch im Februar (2,2 Prozent), ziemlich risikofrei. Gemessen am Tempo der Geldentwertung in Europa und in den USA leben wir auf einer idyllischen Insel der Seligen. Allerdings wird die Aufgabe der Schweizerischen Nationalbank (SNB), die Preisstabilität zu sichern, in Anbetracht des garstigen internationalen Umfelds immer schwieriger. Die Lektüre des Kapitels «Konjunktursignale» im jüngsten Quartalsheft der SNB, in dem die Ergebnisse der Gespräche zusammengefasst werden, welche ihre Delegierten mit den Unternehmen in den Regionen führen, erinnert daran, wie eng die Schweizer Volkswirtschaft mit der Welt verflochten ist – und wie vertrackt es derzeit ist, sich ein klares Konjunkturbild zu verschaffen.
Teuerung: Die Inflationserwartungen der Unternehmen sind gestiegen, sie rechnen für die nächsten sechs bis zwölf Monate durchschnittlich mit einer Rate von 2,3 statt wie bisher von 1,9 Prozent. Ein wichtiger Faktor dafür sind die höheren Produzentenpreise, die zusammen mit den allerdings noch deutlich stärker gestiegenen Importpreisen das sogenannte Gesamtangebot ergeben (Wochenschau 3/2022). Auch die längerfristigen Inflationserwartungen tendieren nach oben. Die Unternehmen rechnen zudem damit, dass die Preise, die sie beim Einkauf von Vorprodukten bezahlen, und die Preise, die sie beim Verkauf ihrer Produkte erzielen, weiter unter Aufwärtsdruck stehen werden.
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Knappheit an Personal: Eine wachsende Zahl von Unternehmen bezeichnet Schwierigkeiten bei der Rekrutierung als die Hauptsorge. Der Markt für Fachkräfte ist ausgetrocknet. Die Unternehmen aus diversen Branchen (ICT, Pharma und Chemie; Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie; Versicherungen, Architektur- und Ingenieurbüros) planen, ihren Personalbestand in den kommenden Quartalen weiter aufzustocken. Die Löhne werden angesichts der Teuerung etwas stärker nach oben angepasst, die berüchtigte Lohn-Preis-Spirale dreht sich aber noch nicht.
Umsatz: Die Umsätze sind weiter gewachsen, und die Unternehmen blicken mit Zuversicht in die Zukunft. Die Dynamik der Weltwirtschaft ist positiv, die Binnennachfrage robust, und die Aufhebung der Pandemiemassnahmen wirkt unterstützend.
Beschaffungsprobleme: Unverändert hoch bleibt mit zwei Drittel der Anteil der Unternehmen, die mit Beschaffungsengpässen kämpfen. Vor allem bei IT- und Elektronikprodukten hat sich die Problematik noch etwas verstärkt, was teilweise auch das Wachstum bremst. «Um Lieferengpässen entgegenzuwirken, versuchen Industrieunternehmen auf breiter Basis, ihre Lagerbestände zu erhöhen», berichtet die SNB. Einige Unternehmen profitieren davon, dass aufgrund der Störungen in den globalen Lieferketten sogar Aufträge in die Schweiz zurückverlagert worden sind.
Ukraine: Während sich die direkten Auswirkungen für die Schweizer Unternehmen in engen Grenzen halten, hat der Krieg – abgesehen vom Energiepreisschub – die allgemeine Unsicherheit über die globale Wirtschaftsentwicklung markant erhöht.
Corona: Dank der Aufhebung der Quarantäne und der Verkürzung der Isolationszeit Mitte Februar gingen die Personalausfälle zurück. Hingegen werden die Reiserestriktionen in asiatischen Ländern weiterhin als einschneidend empfunden. Sie schaden der Hotellerie, hindern Exporteure daran, ihre Produkte und Ersatzteile vor Ort auszuliefern und Serviceleistungen zu erbringen, und erschweren die Anwerbung neuer Kunden.
Mit dem speziellen chinesischen Weg der Pandemiebewältigung beschäftigt sich auch das Global Research der UBS. Das Festhalten an der Null-Covid-Strategie trotz der weiteren Verbreitung der hochansteckenden, aber relativ harmlosen Omikron-Variante führt zu einer Kaskade von Lockdowns in Städten und Regionen des Reichs der Mitte. UBS rechnet mit erheblichen Einbussen beim Konsum, während die Industrieproduktion weniger betroffen sein dürfte.
Dabei stützt sich die Grossbank auf harte Indikatoren ab, die jedoch nicht zu den klassischen ökonomischen Messgrössen zählen: einen Index für Verkehrsstau in 100 wichtigen Städten und weitere Daten zum Mobilitätsverhalten der Bevölkerung. Sinkt die Mobilität wie nun in China markant, lässt dies wenig Gutes für Branchen wie den Detailhandel oder den Tourismus (Reisen und Gastgewerbe) erahnen. Solche Mobilitätsdaten sind nach Ausbruch der Pandemie auch in der Schweiz von Ökonomen ausgewertet worden, um sich möglichst rasch (bevor die klassischen Konjunkturindikatoren vorlagen) ein «alternatives» Bild der speziellen Situation machen zu können.

Öffentliche Finanzen nach Pandemie auf Konsolidierungskurs – die Neunziger als Referenz

Die «Wochenschau» behandelt zwar die aktuellen Ereignissen, ordnet diese aber wenn möglich gerne auch etwas längerfristig ein. Das Communiqué zur Entwicklung der öffentlichen Haushalte, das die Eidgenössische Finanzverwaltung (EFV) diese Woche publizierte, darf in diesem Sinne als «Steilvorlage» betrachtet werden. Es vermittelt erstens Informationen zur jüngsten Vergangenheit (Pandemiejahre 2020 und 2021, mit Rekorddefizit respektive anhaltend belasteten öffentlichen Finanzen) und zur Gegenwart (2022, wo wieder Überschüsse erzielt werden sollen, vor allem dank der üppigen Gewinnausschüttung der SNB und der munter sprudelnden Steuereinnahmen).
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Doch wird dabei auch die längerfristige Entwicklung der Verschuldung von Bund, Kantonen, Gemeinden und Sozialversicherungen dargestellt – seit 1990. Dabei bezeichnet die EFV die am Bruttoinlandprodukt gemessene Verschuldungsquote, die im Zuge des ebenfalls in den frühen Neunzigerjahren in Maastricht festgelegten Schuldenstandkriteriums breite Verwendung fand, als «Fremdkapitalquote» – ein Begriff, den der Verfasser dieser Zeilen bislang eher den Kennzahlen der Betriebswirtschaft und der Bilanzexegese zugeordnet hätte.

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