Wo die Sündenböckinnen im Abseits stehen

Wo die Sündenböckinnen im Abseits stehen

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von Thomas Renggli am 20.5.2021, 05:00 Uhr
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Heisses Eisen - selbst im Eiskunstlaufen sind die Sprünge männlich.
Bild: Shutterstock Heisses Eisen - selbst im Eiskunstlaufen sind die Sprünge männlich.
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Rote Karte für die Sportsprache! Weshalb Schreibtischtäter*innen die schlimmsten Fouls begehen.

Den Sport als wichtigstes Instrument zur Chancengleichheit der Geschlechter zu bezeichnen, wäre vermessen. Die Menschheit landete zwar auf dem Mond, verbot den Frauen aber das Fussballspiel. In England blieb den kickenden Ladys die Benutzung der Stadien bis 1970 verwehrt. In Deutschland zeigte der DFB der Weiblichkeit 1955 die Rote Karte. Begründung: "Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut. Körper und Seele erleiden Schaden.“ Erst 1970 wurde dieser Zopf abgeschnitten.
Nicht nur im Fussball mussten die Frauen Missverständnisse ausdribbeln und gegen männliche Vorurteile anrennen. Die alten Griechen duldeten Frauen – unter Androhung der Todesstrafe – nicht einmal als Zuschauer an den Olympischen Spielen. Turnvater Jahn war keine Mutter. Er behauptete 1810 der Fechtsport „verstiere“ den Blick der Frauen. Im Schweizer Olympiabuch der Sommerspiele von London 1948 kann man lesen: „Der neu ins Programm aufgenommene 200-Meter-Lauf der Frauen sollte wieder gestrichen werden, weil er das Geschlecht überfordert.“
Den Durchbruch in der sportlichen Emanzipation erzwang die Amerikanerin Roberta Gibb Bingay 1966 beim Boston Marathon. „Men only“ hiess es bei dieser exklusiven Veranstaltung. Gibb nahm ihr Läuferinnen-Schicksal selber in die Hand, tarnte sich mit einer Wollmütze und einem übergrossen Pullover und versteckte sich in einem Gebüsch in der Nähe der Startlinie. Sie wartete, bis der Hauptpulk verschwunden war, ehe sie sich auf den Weg machte. Wegen der Hitze musste sie sich bald von ihrer Verkleidung befreien – und lief in einem schwarzen Badeanzug und halblangen Shorts durch Boston. Zuschauer und männliche Läufer reagierten begeistert. Gibb wurde als Heldin gefeiert. Sie lief und lief - und schrieb laufend Sportgeschichte.
Heute stehen wir allerdings wieder an der Startlinie. Denn in der Sportsprache dominiert die Herrlichkeit. Daran konnten bisher weder Gendersternchen noch Gleichstellungsdetektivinnen etwas ändern. Immerhin befindet sich der Frauenfussball linguistisch in einer Vorreiterinnenrolle. Die Vorstopperin unterbindet den Angriff der Torjägerin und spielt den Ball halbhoch zu ihrer Kapitänin, die trotz enger Fraudeckung an die rechte Flügelin weiterleitet. Diese schiesst scharf aufs Tor, wo die Libera für die geschlagene Keeperin auf der Linie befreit und ihrer stets sehr frauschaftsdienlich kämpfenden Frauschaft den Schweizer-Meisterinnen-Titel sichert. Auf den Tribünen jubeln die Zuschauenden und die Publikums-Personen.
Doch eigentlich ist es zu diesem Zeitpunkt schon zu spät. Denn bereits vor dem Anpfiff werden sprachliche Sünden begangen, die von keiner Refereein mehr zu kompensieren sind: Der Rasen wird mit dem Mäher geschnitten – und nicht mit der Mäherin. Bei trockener Witterung unterstützt der Rasensprenger (und nicht die Sprengerin) das Wachstum des Grüns. Und im Kampf gegen Fanausschreitungen sind Wasserwerferinnen noch immer in der krassen Minderheit. Ganz zu schweigen von der Machokultur im Eiskunstlauf und im Turmspringen: Noten gibt es nur für den Rittberger und den Auerbach – und nicht für die Rittbergerin oder die Auerbachin. Einen Gegentrend setzt ausgerechnet das Schwingen, wo Frauen per Reglement verboten sind: Im Sägemehl ist der Wyberhaken ein erfolgsversprechendes Stilmittel – selbst am Fusse des Männlichen.
Egal, ob Fussball, Eiskunstlauf oder Nationalspiel. In der Niederlage sind alle gleich. Die Verliererinnen suchen nach dem Spiel unter ihren Mitgliederinnen nach Prügelknabinnen und Sündenböckinnen.
An dieser Stelle sind aber gewisse Zweifel angebracht: Ist ein weiblicher Sündenbock tatsächlich eine Südenböckin oder doch eine Sündengeiss? Müsste man, wenn schon von Fussballerinnenmeisterschaft die Rede ist, nicht auch Fussgängerinnenstreifen sagen. Wie dem auch sei: Zu viele Köchinnen verderben den Brei – im Sport wie in der Sprache. Vor allem, wenn sie zu offensiv mit der Salzstreuerin hantieren.
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