Wo bleibt sie denn, die Inflation?

Wo bleibt sie denn, die Inflation?

Vom berühmten Ökonomen und Nobelpreisträger Milton Friedman stammt der ebenso berühmte Satz aus dem Jahr 1970: «Die Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen. Sie kommt ausschliesslich über die Ausweitung der Geldmenge zustande.»

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von Eric Sarasin am 23.4.2021, 07:00 Uhr
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Tatsächlich stieg nach dieser Aussage in den USA die Inflation in den folgenden Jahren kontinuierlich bis auf 12 Prozent, aber auch in der Schweiz. In den 70-er Jahren wuchsen die liquiden Mittel in den USA jährlich um sieben Prozent. Sie sind gleichzeitig Messlatte für die Inflationsberechnung weltweit. Im Vergleich: Im Januar dieses Jahres allein waren es schon 25,8 Prozent. Laut Fed-Chef Jerome Powell werde 2021 ein «sehr sehr starkes Jahr». Die Fed habe jedoch die Instrumente, um die Inflation notfalls im Zaum zu halten. Befinden wir uns in einer ähnlichen Abwärtsspirale wie vor 50 Jahren? Die Situation heute ist eine andere. Wir befinden uns nicht in einem grösseren Krieg wie damals, während dem eine Inflation rasant zunimmt, weil Regierungen grosse Defizite einfahren und ihre Währung bewusst entwerten. Selbst die pandemische Entwicklung, bei denen die USA lange Zeit im Hintertreffen war, hat die Regierung heute besser im Griff als andere Staaten. Mittlerweile sind fast 200 Millionen Amerikaner geimpft.
Das Wirtschaftswachstum zieht an, und man erwartet für dieses Jahr ein BSP-Wachstum von 6.5 Prozent. Die beiden Finanzierungsprogramme der USA, $ 1,9 Billionen für COVID19 und $ 2,2 Billionen für Infrastrukturprojekte, sind angelaufen und werden die gesamte Weltwirtschaft stützen.
Ich erwarte – sobald auch die Mehrheit der westlichen Bevölkerung durchgeimpft ist – starke, wirtschaftliche Ausschläge nach oben, mit relativ tiefer Volatilität. Berücksichtigt werden muss jedoch, dass arme Länder mit dem Impfen hinterherhinken. Das Risiko besteht, dass neue Virenvariationen auftauchen, die uns einen Strich durch die Rechnung machen könnten. Die Weltgemeinschaft muss hier so schnell wie möglich kooperieren und agieren.
Doch wie geht es weiter? Die Zentralbanken koordinieren sich seit 2008 viel besser. Die Rendite auf langfristige Staatsanleihen der USA ist bereits auf 1,5 Prozent gestiegen. In der Schweiz zahlt man bei Staatsanleihen derzeit drauf. Durch Zukäufe von Anleihen und auch Devisen versuchen die Zentralbanken die Zinsen tief zu halten, um der Inflation Einhalt zu gebieten. In der Schweiz kämpft SNB-Präsident Thomas Jordan mit der Geldschwemme, deren Reserven auf fast eine Billion Franken gestiegen und mehrheitlich in Aktien investiert sind. Zinserhöhungen sind in dieser Situation undenkbar. In der EU ist die Situation nicht so angespannt, aber auch hier ist eine Zinserhöhung undenkbar. Verschieben wir also das Inflationsproblem auf unsere Grosskinder oder sogar deren Kinder? Durchaus möglich, aber es gibt auch andere Wege: Indem man nämlich das gedruckte Geld anderweitig finanziert als über den Staat. Zum Beispiel durch Steuererhöhungen aller Art. Mit dem weiteren Wachstumsboom der ansteht, müssen Unternehmen höhere Steuern zahlen, wie dies von Biden angedacht ist. Auch indirekte Steuern und Umschichtungen sind Möglichkeiten der Steuerung. Für mich als liberal denkenden Menschen wäre dies der richtige Weg, um die Geldschwemme einzudämmen.
Ich bin optimistisch, dass das Phänomen, das Milton Friedman 1970 beschrieben hat, im Kontext des heutigen Umfeldes einen weniger starken Einfluss haben wird als vor 50 Jahren. Doch viele Menschen haben vergessen, was Inflation bewirken kann. Darum ist heute die Verantwortung enorm, dieses Vermächtnis zu verwalten. Wie hat Theo Waigel einmal gesagt? «Inflation ist immer schlecht. Niemand hat es gerne, wenn sein Geld weniger wert wird. Leider lässt sie sich niemals ganz vermeiden.»
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