Antikörpertests: Wirrwarr bei den Grenzwerten

Antikörpertests: Wirrwarr bei den Grenzwerten

Das Zertifikat soll bestätigen, dass jemand nicht mehr ansteckend ist. Doch über den Grenzwert an Antikörpern, ab dem es ausgestellt wird, herrscht Verwirrung.

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von Franziska Oswald am 2.12.2021, 09:00 Uhr
Covid- Zertifikate, die mittels eines Antikörpertest ausgestellt werden, gelten 90 Tage. Foto: Keystone
Covid- Zertifikate, die mittels eines Antikörpertest ausgestellt werden, gelten 90 Tage. Foto: Keystone
Anfang November hiess es noch von Bundespräsident Guy Parmelin: «Das Zertifikat ermöglicht es, die Vorzüge des sozialen Lebens zu geniessen, in der Gewissheit vor einer Infektion geschützt zu sein.» Die Einführung der erweiterten Zertifikatspflicht baute auf diese Annahme.
Das Problem: Mittlerweile wurde das widerlegt. Auch Geimpfte können das Virus übertragen. Dr. Rochelle Walensky, Direktor der amerikanischen Gesundheitsbehörde DCD, sagte bereits im August gegenüber CNN, dass die Impfung keine Übertragung verhindern kann. Auch die WHO schreibt, dass die Impfung vor schweren Verläufen schütze, nicht aber vor einer Übertragung des Virus.
Ausserdem hat der Bundesrat den Zugang zum Zertifikat mittels serologischem Antikörpertest freigegeben. Ein solcher Test weist Antikörper im Blut nach, die bei einer Covidinfektion vom Körper gebildet werden. Der Test kann also eine durchgemachte Infektion nachweisen. Über die Qualität der Immunität kann hingegen keine Aussage getroffen werden.
Virginie Masserey vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) bestätigte das bei der Pressekonferenz vom 3. November: «Mit einem Antikörpertest kann nicht gesagt werden, wie lange eine Person geschützt ist, oder ob sie geschützt ist.» Bundesrat Alain Berset ergänzte: «Auch eine Genesung, die mittels eines PCR-Tests nachgewiesen wurde, sagt nichts über Qualität der Antikörper aus. Ob diese sechs oder zwölf Monate halten? Wir wissen es nicht. Diese Ungewissheit ist ein Risiko, das wir fortwährend eingehen.» Dabei sollte das Zertifikat doch eigentlich genau das – das Risiko – möglichst verhindern.

Antikörper sagen nichts über Immunität aus

Warum anerkennt dann der Bundesrat nun Antikörpertest für ein Zertifikat? Prof. Reto Krapf, Chief Medical Officer von Synlab, nennt es gegenüber dem «Nebelspalter» einen «rein politischen Entscheid». Auch laut BAG gibt es noch keine Studien, mit denen eine fundierte Aussage zum Infektionsschutz und zur Anzahl Antikörper getätigt werden kann: «Bezüglich eines quantitativen Antikörper-Schutzkorrelates gibt es bisher international keine Festlegung. Auch nicht darüber, wie lange ein solcher wirksam ist.» Krapf vermutet zwar eine Korrelation zwischen der Anzahl der Antikörper und dem Infektionsschutz, wie viele Antikörper es aber tatsächlich für einen relevanten Schutz braucht, könne mit dem aktuellen Wissensstand nicht gesagt werden.
Die Bedingung für den Erhalt eines Zertifikats mittels Antikörpertests – Gültigkeitsdauer sind drei Monate – ist daher laut BAG lediglich «ein eindeutig positives Resultat». Was heisst das? Wenn eindeutig nachgewiesen wird, dass eine Person einmal mit Covid-19 infiziert war, ist sie berechtigt, ein Zertifikat zu erhalten. Antikörper für Covid-19 gelten als Beweis für die vergangene Infektion. «Antikörpertests haben eine sogenannte untere Nachweisbarkeitsgrenze», erklärt Reto. Krapf. «Wir verwenden einen Test, bei dem sich diese untere Nachweisbarkeitsgrenze bei 7,2 BAU pro ml befindet.» BAU steht hier für binding antibody units und ist eine Einheit für die quantitative Messung von Antikörpern.
Labore werden von Swissmedic explizit für die Durchführung solcher Tests zugelassen. Zusätzlich empfiehlt die Schweizerische Gesellschaft für Mikrobiologie (SGM) drei sogenannte Standardabweichungen (SD). Diese statistischen Muster sollen allfällige Ungenauigkeiten der Tests ausmerzen, indem sie auf die Messungen der Laborproben angewendet werden. Daraus wird eine Schwelle für ein eindeutig positives Resultat abgeleitet. Je nach Test liegt sie etwas höher oder tiefer. Krapf bestätigt, dass die Positiv-Schwelle von Synlab bei 8,2 liegt: «Mit der unteren Nachweisbarkeit von 7,2 und den 3 Standardabweichungen resultiert ein Zertifikats-Schwellenwert für Positivität von > 8,2.»

Der Grenzwert liegt bei 50 – nein doch nicht

Ein weiteres Labor nennt gegenüber dem «Nebelspalter» eine Grenze von 15 BAU/ml zur Ausstellung für ein Zertifikat. Zu Beginn hatte das Labor einen Grenzwert von 50 BAU/ml definiert. Diesen korrigierte man nach der Pressekonferenz vom 16. November nach unten. «Wir hatten aufgrund fehlender Empfehlungen der Fachgesellschaft (SGM) zunächst den Grenzwert auf 50 BAU/ml festgelegt.» Im Laufe des 16. November, dem Starttag der Antikörper-Zertifikate, hatte das Labor bereits Tests durchgeführt und aufgrund ihrer Grenze von 50 BAU/ml Zertifikate verweigert. Diese Befunde habe man später dann angepasst.
«Etwa zeitgleich mit der Pressekonferenz waren auch die Empfehlung der Fachgesellschaft verfügbar, so dass wir am Abend des 16ten dann alle vorherigen Befunde dieses Tages mit dem neuen Grenzwert korrigiert haben», bestätigt das Labor, das anonym bleiben möchte. Unter einem Wert von 15 BAU/ml ein Zertifikat auszustellen, hält das Labor für «medizinisch und vor allem sozial unverantwortbar». Und weiter: «Bei einem Wert unter 15 BAU/ml wird der Antikörperschutz nicht die drei Monate Gültigkeitsdauer anhalten, d.h., die Person kann sich infizieren und dann auch noch andere anstecken.»

Unterschiedliche Grenzwerte sind normal

Weiter schreibt das Labor, eine Ausstellung eines Zertifikats an Personen mit einem Wert unter 15 BAU/ml entspreche nicht der BAG-Verordnung. Das BAG selbst stimmt dieser Aussage nicht zu: «Unterschiedliche Tests können auch unterschiedliche Grenzwerte haben.» Zur Qualitätssicherung werden daher die verwendeten Tests von den Labors selbst noch einmal validiert. Auch Swissmedic bestätigt, dass Vergleiche zwischen Positivgrenzen verschiedener Labore nicht möglich sind. «Die Werte sind abhängig vom jeweiligen Analysensystem und seinen Spezifikationen und lassen sich nur in diesem Kontext interpretieren.» So führt denn auch ein weiteres Labor eine Grenze für das Zertifikat von 50 BAU/ml auf. Rechtens scheinen diese Unterschiede zu sein. Ob sie auch fair sind, ist eine andere Frage. Fakt ist jedenfalls, dass dieselbe Person mit dem selben BAU-Wert bei einem Labor ein Zertifikat erhält, beim anderen nicht.
Geimpfte und PCR-getestete Genesene müssen sich mit diesem Glücksspiel natürlich nicht herumschlagen. Ihr Zertifikat ist unabhängig von Antikörperspiegel und Labor gültig. Zwar nimmt der Impfschutz im Zeitverlauf rascher ab als versprochen, weil der Antikörperspiegel nach der Impfung abnimmt, aber die Antikörper sagen ja nichts über den Schutz aus – oder wie ging das nochmal?
  • Studie zur Effektivität der Covid-Impfstoffe.pdf

Selbstverständlich sagt das Zertifikat von Geimpften und allen Genesenen ebenfalls nichts darüber aus, ob und in welchem Ausmass sie infektiös sind. Aber das Zertifikat ist trotzdem der BAG-geprüfte Garant für Sicherheit und ein wichtiges Instrument für die bundesrätliche Pandemiebekämpfung. Es wundert nicht, dass die Fallzahlen trotz Zertifikat ansteigen.

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