Wir Weltverbesserer, ihr Hinterwäldler. Die Hybris der Städter gegenüber der Landbevölkerung nimmt groteske Züge an

Wir Weltverbesserer, ihr Hinterwäldler. Die Hybris der Städter gegenüber der Landbevölkerung nimmt groteske Züge an

Die grossen urbanen Zentren leben in ihrer eigenen Realität – für Andersdenkende haben sie längst kein Gehör mehr. Der Kanton Basel-Stadt ist ein Paradebeispiel dafür.

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von Sebastian Briellmann am 15.6.2021, 12:34 Uhr
Es lebt sich schön im Elfenbeinturm zu Basel. Ist es wirklich egal, was andere denken? Foto: Shutterstock
Es lebt sich schön im Elfenbeinturm zu Basel. Ist es wirklich egal, was andere denken? Foto: Shutterstock
Es sind Ergebnisse, die sich wohl nicht einmal Klimaaktivisten zu erträumen wagten: 66,5 Prozent Ja fürs CO2-Gesetz und je knapp 60 Prozent Zustimmung für die Trinkwasser- und Pestizid-Initiative: Der Kanton Basel-Stadt steht, im Vergleich zur gesamten Schweizer Bevölkerung und passend zum Thema, ziemlich quer in der Landschaft.
Die nationalen Vorlagen hätten noch circa zwei Prozentpunkte mehr Zustimmung erhalten, wenn die grosse Gemeinde (Riehen) und die Mini-Gemeinde (Bettingen) ihr bürgerliches Bollwerk nicht aufrechterhalten hätten. Als Zückerchen hat man im Vorbeigehen – und als erster Deutschschweizer Kanton – noch einen kantonalen Mindestlohn von 21 Franken pro Stunde eingeführt. Sogar noch ein bisschen wuchtiger haben die anderen beiden urbanen Deutschschweizer Giganten, die Städte Bern und Zürich, die drei Umweltvorlagen angenommen.

Beseelte Gutmenschenmentalität

Politgeograf Michael Hermann begründet diese klaren Resultate im «Tages-Anzeiger» nicht nur mit unterschiedlichen Wertvorstellungen und Lebensweisen. Er sagt auch: Getragen von einer «Klimaeuphorie» habe es die Pro-Seite verpasst, für die Mehrheitsfähigkeit der Vorlage zu sorgen. «Zudem haben die medial stark transportierten Debatten und Aktionen rund um den Klimawandel verdeckt, dass die Leute auf dem Land ganz andere Sorgen plagen.»
Und genau hier wird die Hybris der Städter offenbar: Es scheint ihnen in ihren Elfenbeintürmen völlig egal zu sein, dass es fernab ihrer oftmals gutsituierten Lebensrealität auch Bürger in diesem Land (und übrings auch in ihren Städten) gibt, die diese «Klimaeuphorie» nicht teilen.
In Basel, das hier als gutes schlechtes Beispiel dient, nimmt das groteske Züge an. Beseelt von der eigenen Gutmenschenmentalität, hat das Parlament schon vor zwei Jahren den Klimanotstand ausgerufen; die Politik hofiert die Klimaaktivisten – die übrigens, wie wir jetzt wissen, ganz überraschend doch nicht für alle jungen Erwachsenen stehen. Aber man fühlt sich wichtig, als Teil einer weltweiten Bewegung, kosmopolitisch eben – und vergisst, wie immer, das Fundament des Wohlstands.

Selbstgerechte Basler

Die selbstgerechten Basler leben dank den Steuermilliarden von Giganten der Pharma, Chemie und Agrartechnologie (Roche, Novartis, Bayer, Syngenta) in Saus und Braus – und zum Dank werden deren Geschäftsmodelle erbittert bekämpft und als des Teufels verschrien. Auch Bell, immerhin grösste Verarbeiterin von Fleisch und Convenience Food in der Schweiz mit Hauptsitz in Basel, hat die beiden Agrarinitiativen bekämpft. Als Dank für zehntausende Jobs und Milliarden von Franken als Steuern heisst es bei den Stimmbürgern: Ist uns völlig egal. Hauptsache, links und hip – Hauptsache, dem Gewissen gehts gut?
Dass Basel-Stadt ohne diese Einnahmen beim Finanzausgleich ein Nettobezüger und kein grosszügiger Zahler wäre: Darüber wird geflissentlich geschwiegen. Heuchlerische Amnesie.
Für Selbstkritik, selbst nach diesem denkwürdigen Sonntag, ist man sich aber weiterhin zu schade. Schuld am Nein zum CO2-Gesetz sind die anderen. Oder die schlechte Ja-Kampagne. Oder der Termin, gleichzeitig mit den Agrarvorlagen. In der rot-grün dominierten Stadt ist diese Arroganz aber nicht nur ein linkes Problem. Die ebenfalls mächtige Liberal-Demokratische Partei (LDP), eine Basler Eigenmarke, die dem Freisinn schon längst den Rang abgelaufen hat, gibt sich ebenso schockiert über die Ablehnung wie die Linke.


Wer mit Parlamentariern und Beobachtern spricht, hört immer dasselbe: Es geht uns zu gut – das macht uns so extrem. Das mag etwas plakativ klingen, hat aber einen wahren Kern. In der Klimakommission des Parlaments – so erzählen es Personen, die es wissen müssen – würden Grundannahmen gar nicht mehr diskutiert. Es fehle die Bereitschaft, sich mit Kritikern und grundsätzlichen Fragen auseinanderzusetzen: «Da herrscht dann die Meinung vor, man diskutiere nun nicht mehr darüber, ob gewisse Grundannahmen richtig sind.»

Belehrender Mahnfinger

Es passt, wenn der ehemalige Basler Vizepräsident der FDP, Daniel Seiler, in der «Basler Zeitung» sagt: «Basel befindet sich auf dem Weg in den Sozialismus.» Man muss aber auch sagen: Die Bürgerlichen unternehmen herzlich wenig, um diese Entwicklung zu stoppen.
Wie sehr sich die Mehrheitsmeinung in Basel von der Mehrheitsmeinung des Landes unterscheidet, wie abgehoben der Basler seinen belehrenden Mahnfinger bewegt: Das zeigt nicht nur die Tatsache, dass gerade der untere Mittelstand, mit Einkommen zwischen 3000 und 7000 Franken, das CO2-Gesetz wuchtig abgelehnt hat. Aber wer von der politischen Elite spricht in Basel noch mit diesen Menschen, hat zumindest ein Gespür für deren Anliegen?

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Der untere Mittelstand sagt klar Nein: Klare Sache bei der Nachbefragung. Screenshot: LeeWas

Der beste Beleg für die Hybris lieferte jedoch Anita Fetz, die stolze 16 Jahre lang für die SP im Ständerat sass. Für sie war schon Stunden nach der Entscheidung am Sonntagabend klar, warum das CO2-Gesetz abgelehnt worden ist. Im Sonntagstalk auf «Telebasel» sagte sie: «Der kapitale Fehler war, dass der Bundesrat diese Vorlage gleichzeitig mit den beiden Agrarinitiativen vor das Volk gebracht hat. Diese mobilisierten den Hinterletzten auf dem Land.»

Schändliche Missbilligung

Und dann schob sie einen bemerkenswerten Satz hinterher, der schonungslos offenlegt, wie sie den Bürger «auf dem Land» einschätzt: «Dort ist man konservativer in solchen Fragen und bekommt das vielleicht nicht so nah mit, und hat vielleicht auch Angst, dass das Autofahren teurer wird.» Vielleicht ist es aber auch so, dass auch der Basler mit gefühlt 2,7 Bauernhöfen im Kanton nicht immer genau weiss, was wirklich Sache ist.
Man kann durchaus das Gefühl bekommen, dass für Fetz der Hinterletzte auf dem Land nun wirklich der Hinterletzte ist. Der Landbevölkerung jede Kompetenz abzusprechen, zum Beispiel, etwas «nicht so nah mitzubekommen»: Dieses Verhalten ist symptomatisch für die Arroganz der Städter. Wir Weltverbesserer, ihr Hinterwäldler. Wir Akademiker, ihr Büezer. Es ist schwer erträglich, wie abschätzig die vermeintlich Intellektuellen über ihre Mitbürger denken. Und es ist eine Schande, dass sie es für richtig empfinden, diese Missbilligung auch noch schamlos in der Öffentlichkeit zu äussern.
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