Wir leiden an kollektiver Hypochondrie

Wir leiden an kollektiver Hypochondrie

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von Martin A. Senn am 29.3.2021, 08:03 Uhr
Corona, Corona, Corona: Die Pandemie ist das Ein und Alles der Medien-Diskussion geworden.  (FGC)
Corona, Corona, Corona: Die Pandemie ist das Ein und Alles der Medien-Diskussion geworden. (FGC)
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Schlimmer als die Corona-Pandemie ist nur das endlose Geschrei und mediale Geplapper darüber.

Ein Hypochonder ist besessen von der Idee, schwer krank zu sein, ohne dass es dafür medizinische Anzeichen gibt. Ist er dann tatsächlich einmal krank, beschäftigt er sich tagein, tagaus mit nichts anderem als mit seiner Krankheit. Untersucht man unseren öffentlichen Umgang mit der Corona-Pandemie, liegt die Diagnose deshalb nahe: Wir leiden an kollektiver Hypochondrie.
Nein, es geht nicht darum, die Corona-Pandemie zu verharmlosen. Dafür sind die Zahlen zu dramatisch. 9’600 Tote und 600'000 Erkrankte binnen eines Jahres sind enorm. Aber sie sind nicht einzigartig: Vor hundert Jahren forderte die «Spanische Grippe» innert zwölf Monaten 24'500 Todesopfer, und über die Hälfte der Bevölkerung von damals knapp vier Millionen erkrankte daran. Hochgerechnet auf die heutige Bevölkerung von achteinhalb Millionen wären das schweizweit 53'000 Tote und ungefähr 4,6 Millionen Erkrankte. Also fünf- bis sechsmal mehr als bei der aktuellen Corona-Pandemie. Das muss man sich erst einmal vorstellen.
Doch anders als heute lief die Pandemie von 1918/1919 in den Zeitungen nur nebenher. Die neusten Todesfälle wurden täglich zwar kurz gemeldet. Auf die Titelseiten schaffte es die Seuche aber höchstens, wenn es wieder mal gegen den viel gescholtenen Armeearzt ging, den die SP zum Hauptschuldigen für die Grippetoten erklärt hatte. Die gesundheitsbehördlichen Massnahmen, Versammlungsverbote und ähnliches, wurden dagegen kaum je breit diskutiert. Die Leute hatten 1918 genug andere Sorgen. Die Preise schossen durch die Decke, Nahrungsmittel und Heizkohle waren rationiert, rund ums Land tobte immer noch ein Weltkrieg, revolutionäre Bewegungen drängten in Nachbarländern an die Macht, und auch in der Schweiz war die Stimmung zwischen der Linken und dem Bürgertum explosiv.

Corona, Corona, Corona

Heute hingegen kennen die Medien fast nur noch ein Thema, Corona. Eine Infektionskrankheit, für die es wie für alle andern Infektionskrankheiten bekanntlich nur eine Lösung gibt: Immunität. Will man nicht warten, bis sich die Mehrheit der Bevölkerung angesteckt hat wie vor hundert Jahren, dann lässt sich die Immunität nur über einen Impfstoff aufbauen. Umso verheerender ist das Versagen der Bundesbehörden bei der Beschaffung der nötigen Vakzine.
Wie aber füllt man Nachrichtensendungen, Talkshows, Websites und Zeitungen über viele Monate hinweg täglich mit einem Problem, dessen Lösung so einfach wäre, die aber wegen der verbockten Impfstoffbeschaffung so lang hinauszögert wird? Nun: indem man laufend andere, nebensächliche Probleme ins Zentrum der Aufregung stellt. So wurde, lange bevor die erste Impfstoff-Dosis im Land war, schon darüber gestritten, wie mit Impfgegnern zu verfahren sei. Bevor nicht der hinterste und letzte Impfwillige auch wirklich geimpft ist, sind solche Diskussionen allerdings bloss kollektive Ersatzhandlungen, mit denen das eigentliche Problem, der fehlende Impfstoff, verdrängt wird.
Ähnliches gilt für die Diskussionen über die angeblich ungenügenden Impfkapazitäten in einigen Kantonen und Gemeinden. Solange der Bund die Impfstoffe nicht in der benötigten Menge beschaffen kann, ist das nicht mehr als ein Schwarzpeterspiel. Oder man streitet sich über eine Impfpflicht für Pflegepersonen und ob jene von ihnen, die sich nicht impfen lassen, zu entlassen seien. Das sind reizvolle Fragen für ein juristisches Seminar. Doch so lange in der Pflege ein notorisch hochgradiger Personalmangel herrscht, sind sie ohne jeden praktischen Wert.

Man kann Nebenwirkungen auch herbeireden

Ein schweres Problem scheint nach der Lesart mancher Medien und Politiker auch der Impfausweis zu sein. Wieso eigentlich? In den meisten Apotheken bekommt man den gelben, internationalen WHO-Ausweis, wenn man nicht längst einen besitzt. Darin kann man sich seine Corona-Impfung eintragen lassen, samt Unterschrift des zuständigen Arztes und zwei Klebern mit den Seriennummern der injizierten Impfdosen. Diese Daten später in ein dann vielleicht funktionsfähiges digitales Tool einzulesen, wird gewiss kein Problem sein, das so leidenschaftlich diskutiert werden muss. Mit dem Hauptproblem und dessen Lösung hat es nichts zu tun, nämlich damit, die Bevölkerung so rasch wie möglich durchzuimpfen.
Vergleichbar ist das mediale Corona-Schauspiel mit einem Bergdorf, das über Tage hinweg tief eingeschneit wird. Und die Bewohner streiten sich endlos über die Einführung eines besseres Messsystems zur Ermittlung der Schneehöhen und über die Beschaffung von ergonomischen Schneeschaufeln, die keine Rückenschmerzen mehr verursachen. Nur schaufeln tut keiner. Dafür reden alle von nichts anderem als vom vielen Schnee.
Natürlich gibt es für solche Diskussionen längst das World Wide Web und die sozialen Medien. Auf diesem digitalen Nährboden ist die Hypochondrie zur «Cyberchondrie» mutiert, im ärztlichen Jargon laut Wikipedia auch «Morbus Google» genannt. Die Betroffenen erleben durch intensives Recherchieren im Internet und durch stetige Dramatisierungen von sozialen und anderen Medien sowie Politikern eine Verstärkung ihrer vermeintlichen Symptome. So klagten nach der Impfung mit dem viel diskutierten und europaweit angezweifelten Astra-Zeneca-Vakzin laut einer britischen Studie angeblich 28 Prozent der Probanden über leichte bis schwere Nebenwirkungen, obwohl sie nur ein Placebo erhalten hatten. Man muss eben nur lange genug über eine Krankheit reden, dann leidet plötzlich das halbe Volk daran.
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