Somms Memo

Winnetou muss sterben. War Karl May ein Rassist?

image 25. August 2022, 10:00
Winnetou und Old Shatterhand reiten in die ewigen Jagdgründe.
Winnetou und Old Shatterhand reiten in die ewigen Jagdgründe.
Die Fakten: Der Ravensburger Verlag zieht ein Buch über Winnetou aus dem Handel – nachdem man ihm Rassismus und Kolonialismus vorgeworfen hat.

Warum das wichtig ist: Ein paar wenige Kritiker bringen es fertig, dass sich ein grosses Unternehmen selber denunziert. Etwas stimmt da nicht mehr.


In Deutschland wird seit Tagen über Winnetou verhandelt:
  • Ist Karl May, der Schriftsteller, der diesen immer korrekten, dabei so erfolgreichen Indianerhäuptling der Apachen geschaffen hat, etwa ein Rassist gewesen?
  • Sind die vielen Bücher des Schwindel-Sachsen über Vorgänge im Wilden Westen aus einer «kolonialistischen» Haltung heraus geschrieben worden?

Schwindel-Sachse: Weil Karl May (1842-1912) aus Sachsen stammt und sein Leben lang geschwindelt hat. Zwei Mal sass er wegen Betrug, Diebstahl und Hochstapelei im Gefängnis, und alles, was er später schrieb, war erfunden.
Für einen Abenteuerautor ist das nichts Besonderes – doch Karl May behauptete stets, er habe die meisten seiner Abenteuer selbst erlebt.
Er war Old Shatterhand und Winnetou sein bester Freund. Blutsbrüder. Und er sei wirklich dabei gewesen, als Winnetou starb, erschossen von einem Weissen. Bis bekannt wurde, dass May nie in Amerika gewesen war, bevor er seine Bücher verfasst hatte. Sein Ruf war ruiniert. Trotzdem las man ihn gern.
Er ist bis heute einer der meistgelesenen und meistverkauften deutschen Schriftsteller aller Zeiten. Die Gesamtauflage seiner Werke liegt über 200 Millionen, und kaum ein deutscher Autor wurde in so viele Sprachen übersetzt, insgesamt sind es 46. Es gibt ihn auf japanisch und auf kroatisch, auf indonesisch oder isländisch. Nur die Apachen warten noch auf eine Ausgabe in ihrer Sprache.
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Den Schwindel und Betrug hat man ihm längst vergeben. Das hat Karl May überlebt. Ob er aber die Woke-Bewegung unserer Zeit übersteht, ist eine andere Frage.
Nachdem ein paar wenige linke Aktivisten auf Social Media ein neues Buch des Ravensburger Verlages zum jüngsten Winnetou-Film entdeckt hatten und es für «rassistisch» und «kolonialistisch» kontaminiert befanden, gab der Verlag sogleich nach und zog es aus allen Geschäften zurück.
Man kann das Kinderbuch «Der junge Häuptling Winnetou» nirgendwo mehr bestellen. Vielleicht wird das Buch jetzt verbrannt.
Als Kritik aufkam, dass der Verlag etwas gar schnell eingebrochen sei, verteidigte Ravensburger-Chef Clemens Maier seinen Entscheid damit, dass im inkriminierten Kinderbuch
«angesichts der geschichtlichen Wirklichkeit, der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, hier ein romantisierendes Bild mit vielen Klischees gezeichnet wird.»
In der Tat.
Indianer sind heute First Nations. Wer sie nicht so bezeichnet, hat es verdient, am Marterpfahl zu sterben.
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Wie bei fast allen dieser Woke-Auseinandersetzungen, weiss man nicht, wen man mehr kritisieren soll:
  • Die Aktivisten? Oft unterbeschäftigte Studenten, die auch noch gerne eine Revolution machen würden, aber einsehen, dass das nicht mehr gefragt ist, und sich deshalb auf den Kulturkampf verlegt haben. Gestern kämpften sie für das Proletariat, heute für Winnetou
  • Oder die Manager solcher Unternehmen, die sich wie Clemens Maier sogleich von sich selbst distanzieren? Hat er erst jetzt gemerkt, dass Winnetou auch einer indigenen Bevölkerung angehörte, die es nicht einfach hatte damals im Wilden Westen?

Naiv, verlogen, verloren.
Naiv, weil, wer jetzt nachgibt, muss bald überall aufgeben. Von den vielen Büchern, die der Ravensburger Verlag in den vergangenen hundert Jahren herausgegeben hat, gibt es vermutlich einige, die in den Augen der Woke-Aktivisten ausgemustert werden müssten. Hat sich das Maier gut überlegt?
Am Ende stampft er sein halbes Verlagsprogramm ein, und muss in Antiquariaten und Bibliotheken nach toxischen Altlasten seiner Firma suchen. Sie wurde 1883 gegründet.
Verlogen, weil Maier das doch selbst nicht glaubt, was er da sagt. Wäre es der Fall, fragte man sich, wie es dann möglich war, dass der Ravensburger Verlag überhaupt dieses Buch herausbrachte? So viele Rassisten unter Vertrag?
Verloren. «Kulturelle Aneignung», wie der Vorwurf heute lautet, ist ein Vorwurf, den man jeder menschlichen Kultur machen kann.
  • Keine Kultur ist autochthon, alle haben kopiert, was sie bei anderen sahen und für gut befanden, es gibt keine reine Kultur, nirgendwo.
  • In der Regel ist es ein Kompliment. Man übernimmt nur, was man für besser als das Eigene hält. Wir essen Spaghetti, nicht um die Italiener zu beleidigen, sondern, weil wir anerkennen, dass sie vom Kochen mehr verstehen.
  • Wenn die Kritiker nun einwenden, kulturelle Aneignung sei bloss dann zu verurteilen, wenn eine stärkere Gruppe einer schwächeren etwas abgekupfert habe, dann scheint das ein willkürlicher, einseitiger Ansatz. Oft ist nicht so klar, wer überhaupt der Stärkere war – auf lange Sicht. Als die Römer das Christentum annahmen, war das ebenfalls eine kulturelle Aneignung. Und die Christen, die jahrhundertelang von den Römern verfolgt worden waren, befanden sich ohne Zweifel in der schwächeren Position. Doch wer obsiegte am Ende?
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Karl May (1842-1912), Schwindler, Fantast, Geschäftsmann.
Im Fall von Karl May ist es vielleicht doppelt ungerecht. Er selbst meinte es nur gut mit den Indianern.
Er nahm Partei für sie – gegen die weissen, in der Regel angelsächsischen Amerikaner, womit er im Übrigen den hartnäckigen Anti-Amerikanismus vieler Deutscher der damaligen Zeit bestätigte – und für alle Zukunft festschrieb.
Wer Winnetou las, kam nie auf die Idee, dass die USA ein sympathisches, moralisch einwandfreies Land war. Das hatte Auswirkungen bis in die Nazi-Zeit. Adolf Hitler war ein Fan.
1890 schrieb Karl May:
«Der rote Mann kämpft den Verzweiflungskampf; er muss unterliegen; aber ein jeder Schädel eines Indianers, welcher später aus der Erde geackert wird, wird denselben stummen Schrei zum Himmel stossen, von dem das vierte Kapitel der Genesis erzählt.»

Ich wünsche Ihnen einen guten Ritt. Ich habe gesprochen. Hugh. Markus Somm

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