Windräder: Tödliche Gefahr für Fledermäuse

Windräder: Tödliche Gefahr für Fledermäuse

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von Alex Reichmuth am 10.5.2021, 06:11 Uhr
Windräder sollen stillstehen, wenn Fledermäuse unterwegs sind. Bild: Shutterstock
Windräder sollen stillstehen, wenn Fledermäuse unterwegs sind. Bild: Shutterstock
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Der Bau von Windparks wird zunehmend komplizierter. Eine noch kaum diskutierte Auswirkung erschwert die Gewinnung von Windstrom weiter: die Bedrohung, die die drehenden Rotoren für Fledermäuse darstellen.

Sanft, natürlich, harmlos – so wird die Gewinnung von erneuerbarem Strom gerne dargestellt. Doch der Lack blättert immer mehr ab. Bei der Windkraft laufen Gegner Sturm wegen der Verschandelung der Landschaft durch die bis zu 200 Meter hohen Anlagen. Eine weitere hässliche Auswirkung von Windräder sind die vielen getöteten Zug- und Greifvögel.
Und jetzt kommt noch etwas Weiteres dazu: Nicht nur für Vögel stellen die drehenden Rotoren eine tödliche Gefahr dar, sondern auch für Fledermäuse. In Deutschland, wo mittlerweile Zehntausende Windräder stehen, hat man damit einschlägige Erfahrung. Jedes Jahr kommen dort bis zu 300’000 Fledermäuse ums Leben. Dabei sind die fliegenden Säugetiere vom Aussterben bedroht und eigentlich streng geschützt.
Das Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung ist europaweit führend, was die Erforschung der Auswirkungen von Windkraftanlagen auf Fledermäuse angeht. Mitte April fand nun in Berlin eine Fachtagung statt, bei der es darum ging, wie Fledermäuse bei Windkraftvorhaben so weit als möglich geschützt werden können.

Tödliche Druckdifferenzen

Windräder töten Fledermäuse – genau wie Vögel – auf zwei Arten. Ein Teil der Tiere wird beim Durchflug von den Rotoren getroffen und tödlich verletzt. Durch den Aufprall gehen typischerweise die Oberarme der Fledermäuse in Brüche, sodass sie nicht mehr fliegen können. Ein anderer Teil kommt zwar nicht in Berührung mit den Windrädern, wird aber wegen den gewaltigen Druckdifferenzen, die die Rotoren verursachen, innerlich zerfetzt: Ihre Blutgefässe platzen und ihre Lungen gehen kaputt.
Viele Fledermaus-Arten sind Zugtiere. Sie pendeln wie Zugvögel über weite Strecke und mehrere Länder. Fledermäuse sind aber auch oft in der Nacht unterwegs, auf der Suche nach Nahrung, die aus Insekten besteht. Sie fliegen bevorzugt auf einer Höhe zwischen 50 und 150 Metern Höhe – also dort, wo auch die Rotoren von Windrädern ihre Runden drehen.
Das Leibniz-Institut hat grosse Mengen an Daten über das typische Flugverhalten von Fledermäusen gesammelt. In Versuchen wurden Tiere in der Nähe von Windräder eingefangen, mit Sendern ausgestattet und anschliessend beobachtet. Die Aufzeichnungen belegen, dass die Fledermäuse nach Sonnenuntergang meist mehrere Stunden unterwegs sind und dabei bis zu 30 Kilometer zurücklegen. Es zeigte sich, dass insbesondere die Weibchen von den riesigen Windanlagen regelrecht angezogen werden. Möglicherweise halten sie die Türme für abgestorbene Bäume und suchen dort nach Orten, wo sie ihre Jungen aufziehen können.
Unter anderem führte das Berliner Leibniz-Institut Messungen und Erhebungen an der rumänischen Schwarzmeerküste durch, zusammen mit rumänischen Forschern. Diese Küstenregion ist wegen den regelmässigen Winden zu einem Hotspot der Windenergieproduktion in Osteuropa geworden. Gleichzeitig ist die Gegend Teil einer wichtigen Migrationsroute zahlreicher Vogel- und Fledermausarten. Während vier Jahren sammelten die Wissenschaftler tote Fledermäuse im Umkreis von 20 Windanlagen. Viele der Tiere stammten aus der Ukraine, aus Weissrussland und aus Russland. Die Dezimierung der Fledermäuse an der Schwarzmeerküste hat also Auswirkungen auf weite Teile von Europa. Ähnliches muss für Mitteleuropa vermutet werden.

Nützlich für die Landwirtschaft

Am Erhalt von Fledermäusen-Populationen besteht nicht nur ein naturschützerisches Interesse. Die fliegenden Säuger fressen Insekten und vollbringen damit eine Dienstleistung, die Landwirte schätzen. Denn wenn Fledermäuse über den Äckern jagen, muss deutlich weniger Insektizid verwendet werden.
Damit Windräder so wenig Fledermäuse wie möglich töten, gibt es im Wesentlichen zwei präventive Massnahmen. Erstens stellt man Windkraftanlagen gar nicht erst dort auf, wo viele Fledermäuse leben oder durchfliegen. Damit wird allerdings die sowieso nicht einfache Suche nach geeigneten Standorten erschwert: Es kommt so eine weitere Bedingung dazu – neben denen, dass die Anlagen in ausreichendem Abstand zu Siedlungen aufgestellt werden, die Landschaft möglichst wenig beeinträchtigen und nicht zu viele Vögel töten.
Zweitens können die Fledermäuse dadurch geschützt werden, dass die Windräder gestoppt werden, wenn besonders viele Tiere unterwegs sind. Wie Fachleute versichern, ist das vor allem bei tiefen Windgeschwindigkeiten der Fall, wenn sowieso nicht viel Energie gewonnen werden kann. Um allerdings herauszufinden, wann die Fledermäuse fliegen, müssen Ultraschalldetektoren an den Windrädern angebracht werden, die die Schreie der Tiere während ihren Flügen erfassen. Fledermäuse stossen solche Ultraschall-Schreie aus, um sich zu orientieren.

Ungenügende Überwachung

Zwar sind in Deutschland schon viele Windkraftanlagen mit entsprechenden Detektoren ausgestattet. Das erwähnte Berliner Institut kam im März in einer Studie aber zur Erkenntnis, dass insbesondere bei grossen Anlagen die bisherige akustische Überwachung unzureichend ist, um das Risiko für Fledermäuse zuverlässig vorherzusagen. Gemäss den Studienautoren sind weitere Detektoren an den Gondeln (mit den Generatoren) und an den Masten notwendig. Auch seien weitere Techniken wie Radar und Wärmebildkameras zu empfehlen. Solche Überwachungs- und Abschalt-Technologien verkomplizieren die Gewinnung von Windstrom allerdings zusätzlich.
In der Schweiz ist vorgeschrieben, dass im Rahmen von Umweltverträglichkeitsprüfungen für Windparks die Auswirkungen auf Fledermäuse untersucht werden müssen. Beispielsweise kam eine solche Untersuchung für den umstrittenen Windpark Oberegg im Kanton Appenzell-Innerrhoden zum Schluss, dass die geplanten beiden Windräder ohne Gegenmassnahmen jährlich etwa 40 Fledermäuse töten würden. Wenn die Räder aber gestoppt würden, wenn viele Fledermäuse unterwegs sind, könne das Risiko um zwei Drittel gesenkt werden. Eine Erhebung des Bundesamts für Umwelt zu fünf Schweizer Windkraftwerken hat ergeben, dass pro Turbine jedes Jahr fünf bis elf Fledermäuse sterben.
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