Wollen Sie mich verarschen?

Wollen Sie mich verarschen?

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von Ralph Weibel am 7.5.2021, 07:00 Uhr
Nebelspalter
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  • Satire
  • Taxi

«Ich steige aus! Jetzt! Eine Frechheit! Schämen Sie sich!» Wahrscheinlich habe ich noch ein paar Kraftausdrücke verwendet, die mein Anstand aus der Erinnerung gestrichen hat. Die Geschichte einer nächtlichen Taxifahrt.

St. Gallen bei Nacht, zu Coronazeiten, ist in etwa so spannend wie ein Rosamunde Pilcher-Film. Selbst mit purem Koffein oder Kokain im Blut schläft man dazu ein. Der öffentliche Nahverkehr hat sich zur Ruhe gelegt und so steige ich mit meinem Gepäck aus dem Intercity direkt in ein Taxi um. Der Fahrer schlägt eine, sagen wir mal, interessante Route ein. Viele Wege führen zu meinem Haus. Um genau zu sein sieben. Der Fahrer nimmt den kompliziertesten, der vor einer Baustelle endet. Diese haben sie erst vor drei Monaten eröffnet. Der Fahrer blickt, aufgesetzt erstaunt, auf die rot-weissen Baustellenabsperrlatten im hellen Kegel seiner Scheinwerfer, von hinten bedrängt von meiner Frage, ob er mich verarschen wolle. Er hätte nicht gewusst…, die Baustelle sei neu…, es täte ihm leid…! Ich bezahle (siehe Einleitung) und lege den Rest des Weges zu Fuss zurück, nicht ohne davor noch ein paar herzhafte Flüche auszuspeien.
Bald ist der Ärger verraucht und ich überlege mir, was der Taxifahrer über mich sagen wird. Erzählt er von einem alten Rassisten? Augenscheinlich waren seine Eltern beim Rütlischwur nicht dabei. Ändert das etwas an der Geschichte? Tat ich ihm unrecht, weil er wirklich erst kürzlich in Mumbai seine Rikscha gegen ein Taxi eintauschte, weil er unbedingt in St. Gallen ein solches fahren will und wirklich keine Ahnung von der Baustelle hatte? Habe ich überreagiert? Habe ich Vorurteile, Vorbehalte oder eine vorgefasste Meinung? Nein! Es ist mir scheissegal, ob mein Taxifahrer aus Appenzell oder Abu Dhabi kommt, solange er mich nicht verarscht.