Somms Memo

Willkommen im Papa-und-Mami-Staat: Oder wie wir Strom sparen sollen

image 1. September 2022, 10:00
Guy Parmelin und Simonetta Sommaruga erteilen gute Ratschläge.
Guy Parmelin und Simonetta Sommaruga erteilen gute Ratschläge.
Die Fakten: Gas und Strom werden knapp. Der Bund will mit einer Kampagne die Schweizer zum Sparen anhalten.

Warum das wichtig ist: Willkommen im Papa-und-Mami-Staat. Der Bund sagt, wie wir kochen, der Bund sagt, wie wir duschen, der Bund weiss alles.


Man kann sich lebhaft vorstellen, wie es in den vergangenen Tagen in den Büros der Bundesverwaltung zu– und hergegangen ist:
  • Die einen bildeten die Arbeitsgruppe «Kochen»
  • Die anderen trafen sich zur Krisensitzung «Backofen»
  • Die dritten hielten ein Strategieseminar zur «Zukunft des Duschens» ab

Ob diese sich vorher gemeinsam unter die Dusche stellten, ist bis zur Stunde nicht geklärt, wir recherchieren.
Selten haben sich Politiker und die Beamten, die die Politiker führen (oder umgekehrt) lächerlicher gemacht als am Mittwoch, dem 31. August 2022.
Guy Parmelin, Papa-Minister für Wirtschaft, Bildung und Forschung (SVP), sowie Simonetta Sommaruga, Mami-Ministerin für Energie (SP), stellten sich gestern vor die Medien und schilderten allen Ernstes, wie sie sich wünschen, dass wir unseren Haushalt führen.
Zu diesem Zweck, weil ja nicht jedermann zugehört hat, lässt der Bund eine Kampagneüber das Land niedergehen, wo kluge Ratschläge erteilt werden wie:
  • Geschirrspülmaschine ganz füllen!
  • Wenn Sie kochen, setzen Sie einen Deckel auf den Topf
  • Kurz und nicht zu heiss duschen! «Eine Wassertemperatur um 37 °C ist für den Körper und fürs Energiesparen ideal.»
  • Wasserkocher benutzen statt einer Pfanne!

Man fühlt sich an Wilhelm Busch erinnert, an Zeiten, wo man mit Socken und Schlafmütze ins Bett ging, weil man im Schlafzimmer nicht heizen konnte – zumal wir arm waren im 19. Jahrhundert.
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Onkel Fritz im Bett – kurz vor der Invasion der Maikäfer. (Bild aus Max und Moritz von Wilhelm Busch)
Allem Anschein nach bewegen wir uns wieder in diese unerfreuliche Epoche zurück, als es keinen Strom, keine Wasserkraftwerke und keine Atomkraftwerke gab.
Back To The Future.
Wenn uns Politiker nun Empfehlungen geben, wie wir auf Strom verzichten, dann muss man diese Politiker dazu beglückwünschen: Sie haben Chuzpe.
Wer nämlich ist dafür verantwortlich, dass wir jetzt den Wasserkocher der Pfanne vorzuziehen haben?
Die Politiker, die in den vergangenen dreissig Jahren alles dafür getan haben, dass nichts getan wird:
  • 1984 wurde das letzte neue AKW in Betrieb gesetzt: Leibstadt. Seither passierte nicht mehr allzu viel
  • 1987 gab man das AKW Kaiseraugst auf, und traute sich nicht mehr, neue AKW-Pläne zu verfolgen
  • 2019 wurde das AKW Mühleberg eingestellt – aus «wirtschaftlichen» Gründen wurde behauptet, es «lohne» sich nicht mehr. Angesichts der aktuellen Strompreise darf man sagen: Ein unsinniger Entscheid. Wäre Mühleberg noch am Netz, müssten wir heute nicht über systemrelevante Kochdeckel reden
  • Ebenso baute man die Wasserkraft kaum mehr aus. Und von Solar– und Windanlagen redeten die Politiker zwar gern, aber, wenn eine Einsprache eintraf, verstummten sie wie Kinder, die man beim Zältli-Stehlen erwischt hatte

Grossanlagen zu bauen – es war aus der Mode gekommen, es war zu mühselig geworden, seit eine ökologisch erweckte Gesellschaft zwar gerne Strom verbrauchte, aber nichts davon wissen wollte, dass dieser irgendwie auch produziert werden musste.
Stattdessen lagerte die Schweiz ihre Stromproduktion ins Ausland aus, wo sie niemand sah. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Die Schweizer Stromwirtschaft finanzierte französische AKWs und beteiligte sich an Windanlagen in Skandinavien.
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War die Schweiz einst bewundert worden für ihre leistungsfähige Stromwirtschaft, die sogar im Winter in der Lage war, Strom zu exportieren, so brach jetzt eine neue Ära an:
Die Ära des Zerfalls
  • Ab 2001 sah sich die Schweiz im Winter fast immer gezwungen, Strom aus dem Ausland zu importieren, was vorher viel seltener der Fall gewesen war
  • Von 1980 bis 2001 mussten wir im Winter in 8 Jahren Strom einführen
  • Von 2001 bis 2022 waren es 19 Winter, an denen der inländische Strom zu knapp war, zu Deutsch: fast immer
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Moritz Leuenberger (SP), Doris Leuthard (CVP) und Simonetta Sommaruga (SP) heissen die verantwortlichen Energieminister, die zugelassen haben, dass die Schweiz seit 2001 im Winter so gut wie immer vom Ausland abhängig ist, wenn sie genug Strom haben will.
Und wenn das Ausland nicht liefern mag – oder nicht kann, dann sitzen wir im Dunkeln und tasten auf dem Boden herum, bis wir die Broschüre des Bundes übers Stromsparen finden.
Ein politisch motiviertes Debakel.
Wäre es nicht eine Frage des Anstandes, wenn Sommaruga sich dafür entschuldigte, bevor sie uns in die Freuden des kalten Duschens einweiht?
Oder wie es Wilhelm Busch schon voraussagte:
«Enthaltsamkeit ist das Vergnügen an Sachen, welche wir nicht kriegen

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag Markus Somm

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