Wilhelm Tell muss mal wieder ran – dieses Mal für die Medien

Wilhelm Tell muss mal wieder ran – dieses Mal für die Medien

Wilhelm Tell zerstört eine Mauer aus «Fake News»: Mit diesem Sujet zieht das Ja-Komitee zur Mediensubventionierung in die Kampagne. Tell taucht immer wieder in der politischen Werbung auf – sehr oft für linke Anliegen.

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von Stefan Millius am 8.12.2021, 05:00 Uhr
Bild: zVG / Komitee «Meinungsfreiheit»
Bild: zVG / Komitee «Meinungsfreiheit»
Wir hatten Messerstecher, einen von Würmern befallenen Apfel oder eine von Minaretten besetzte Schweiz: Abstimmungsplakate sind ein Traum für Gestalter, die sich kreativ verwirklichen wollen. Daneben gibt es auch Sujets, die immer wieder auftauchen. Ganz vorne dabei: Volksheld Wilhelm Tell.
Das Komitee «Die Meinungsfreiheit», das für ein Ja zum Medienpaket am 13. Februar 2022 eintritt, bedient sich ebenfalls bei der sagenumwobenen Figur. Es bestreitet den Abstimmungskampf mit diesem Motiv:
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Michel Grunder, verantwortlich für die Kampagne, sagte im Branchenportal «persönlich», Wilhelm Tell stehe «wie kein anderer Charakter für die Unabhängigkeit der Schweiz», und um diese gehe es bei der Vorlage. Die Geschichte zeigt aber, dass Tell schon für alles Mögliche herhalten musste, und das seit über 100 Jahren. Was auffällt: Gerade die Linken setzen gern auf den bekanntesten Mann der Schweizer Geschichte.

Schon einmal für «Meinungsfreiheit»

1922, also vor genau hundert Jahren, nutzten Linke die Figur im Kampf gegen ein geplantes Gesetz, das Propaganda-Aktionen unterbinden wollte; der Bundesrat wollte mit dem Verbot «Angriffe auf die Staatsordnung» verhindern. Die Nein-Kampagne mit Wilhelm Tell als grimmigem Bewahrer der Meinungsfreiheit war erfolgreich, die sogenannte «Lex Häberlin» wurde an der Urne abgelehnt.
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1935 legten SP und Gewerkschaftsbund eine Initiative zur Beschaffung von Arbeitsplätzen vor. Unternehmerkreise bekämpften diese plakativ mit der Armbrust. Auf den ersten Blick wirkt das Motiv wie ein typisch linkes Abstimmungsplakat, gleichzeitig zielten die Gegner der Initiative mit Tells Hilfe auf die patriotischen Gefühle der Arbeiterschaft. Der Spagat gelang, die Vorlage wurde abgelehnt.
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Gegen Neuordnung des Staats

Zwei Jahre später stand Wilhelm Tell im Einsatz, als es um die sogenannte «Fronten-Initiative» ging. Vordergründig forderte sie eine Totalrevision der Bundesverfassung. Dahinter stand aber die Absicht, Neuwahlen zu erreichen, die den Rechten zu einer Mehrheit verhelfen sollten – mit dem Plan, danach einen Ständestaat nach dem Vorbild von Italien oder Österreich zu errichten. Die Gegner der Initiative zeigten Tell als Verkörperung der Demokratie, die in Gefahr sei. Die Vorlage wurde verworfen.
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Später war die Reihe wieder an den Linken, diesmal sogar am äussersten Rand. In den 50er-Jahren warb die «Partei der Arbeit» mit Wilhelm Tell für sich. Sie tat das aber mit einer abgewandelten Version: Tell hat keine Armbrust geschultert, sondern Schaufel und Pickel. Statt als Kämpfer gegen fremde Vögte symbolisiert er hier die Arbeiterschaft.
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Tell als Antiheld

Nicht immer trat Tell als Held auf. 1979, bei der ersten Initiative gegen die Atomenergie übernahm er die Rolle des aus der Zeit gefallenen Ewiggestrigen. Möglich war das nur, weil der einstige Volksheld in den 60er-Jahren nach Jahren der Glorifizierung nun von vielen immer offener als reine Legende gesehen wurde. Dick geschützt inklusive Gasmaske steht Tell da, gewissermassen als Repräsentant der Atomkraft, sein Sohn stösst ihn weg und setzt zur Flucht an. Die Vorlage verlangte vor dem Hintergrund des geplanten Kraftwerks Kaiseraugst eine Mitsprache der Bevölkerung bei der Nuklearenergie. Sie wurde abgelehnt. Für das Motiv «Walther verstösst seinen Vater Wilhelm» war es wohl doch noch zu früh.
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Die Beispiele zeigen: Wilhelm Tell ist Allgemeingut. Man kann die Sage rund um den Freiheitskämpfer beliebig für die eigenen Zwecke deuten, sei es für Demokratie und Arbeitsplätze oder gegen Atomkraft. Der jüngste Versuch ist aber besonders gewagt: Dass Tell heute für staatliche Medienförderung einstehen würde, ist zumindest fraglich. Und böse Zungen könnten sagen, dass unser Volksheld vermutlich nur eine literarische Figur und damit in gewisser Weise selbst «Fake News» ist.

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