Wie Verschwörungstheorien das Denken vernebeln

Verschwörungstheorien verbreiten sich wie Lauffeuer und verursachen grossen gesellschaftlichen Schaden. Auch der «Nebelspalter» trägt zu dieser Infodemie bei. Ein Blick in die Anatomie von Verschwörungstheorien – und ein Appell an unser aller Vernunft. Eine Replik.

image 22. Februar 2022, 18:30
Verschwörungstheorien sind menschlich – aber schädlich. Foto: Keystone
Verschwörungstheorien sind menschlich – aber schädlich. Foto: Keystone
«Der Nebelspalter will den Nebel spalten, in den uns Politiker, Beamten, Pressesprecher, Manager und leider auch manche Journalisten und Wissenschaftler hüllen. Wir suchen nach der Wahrheit.».
Diese hehre Mission des Nebelspalters ist heute, in Zeiten allgegenwärtiger Falschinformation, Gerüchte und Fake News, wichtiger denn je. Doch in der Praxis sät leider auch der «Nebelspalter» manchmal mehr intellektuellen Nebel, als er spaltet.
Zum Beispiel in Form von zwei unlängst erschienen Texten zur Corona-Pandemie aus Milosz Matuscheks Feder: «Nebenwirkungen der Covid-Impfung: Plötzlich und unerwartet totgeschwiegen» von Januar und «Wann platzt die Biontech-Blase?» von Februar.
In diesen Texten setzt sich der Autor kritisch mit Covid-Impfstoffen und einem ihrer Hersteller auseinander – zweifellos wichtige Themen. Beide Texte sind denn auch emotional aufwühlend und als Geschichten mitreissend. Doch eine rationale, ergebnisoffene Analyse sucht man in den Texten vergebens. Stattdessen präsentiert der Autor Verschwörungsnarrative, die auf einer dramaturgischen Ebene zwar spannend und unterhaltsam sind, epistemisch aber in eine Sackgasse führen.
Doch die Sache hat auch ihr Gutes: Matuscheks Texte eignen sich als Anschauungsmaterial für die Anatomie von Verschwörungstheorien und die Denkfehler, die bei ihnen eine wichtige Rolle spielen. Indem wir verstehen, wie Verschwörungstheorien und -überzeugungen funktionieren, können wir uns besser gegen sie wappnen. Nachfolgend einige Beispiele.

Korrelation ist nicht automatisch Kausalität

Im «Nebenwirkungen»-Text argumentiert Matuschek, dass die Covid-Impfungen in Tat und Wahrheit massive Nebenwirkungen hätten und viele Todesfälle verursachten. Seine Begründung für diese Überzeugung: Es gebe «auffällig gehäufte Fälle von Geimpften», die nach der Covid-Impfung gestorben seien. Konkret nennt er das Beispiel Gunnar Michels, eines Mitarbeitenden des Deutschen Roten Kreuzes, der gegen Covid geimpft war und verstorben ist.
Auf den ersten Blick beeindrucken uns solche Beispiele: Erschütternde Schicksale, die uns nicht egal sein dürfen. Und tatsächlich sollten wir solche Beobachtungen zum Anlass nehmen, um zu fragen, ob ein Zusammenhang zwischen Impfung und Todesfällen bestehen könnte. Doch Matuschek geht einen Schritt zu weit und interpretiert seine Anekdoten bereits als Evidenz für einen kausalen Zusammenhang. Das ist falsch.
Im Alltag lassen sich (vermeintliche) Korrelationen zwischen allen möglichen Dingen feststellen. Doch die Beobachtung, dass A und B zeitnah stattfinden, genügt nicht als Beleg für einen kausalen Zusammenhang zwischen A und B. Besonders dann nicht, wenn es sich um einzelne Anekdoten und um Hörensagen handelt. In solchen Fällen können wir nicht nur keinen kausalen Zusammenhang feststellen – sogar die blosse Korrelation, die wir zu beobachten glauben, ist oft illusorisch.
Verschwörungstheorien leben von Anekdoten und vorschnell erkannt geglaubten kausalen Zusammenhängen. Unser Gehirn ist bei der Suche nach kausalen Zusammenhängen hyperaktiv. Darum ist es wichtig, sich nicht voreilig in emotional überzeugende Anekdoten hineinzukaprizieren, weil diese die Sicht auf bessere Daten und Auswertungen, etwa in Form wissenschaftlicher Studien, versperren.

Ich bau mir die Welt, wie sie mir gefällt

Im obigen Abschnitt plädiere ich dafür, auf möglichst aussagekräftige, idealerweise wissenschaftliche Evidenz anstatt auf Anekdoten und Einzelgeschichten zu setzen. Wer Matuscheks «Nebenwirkungen»-Text aufmerksam liest, merkt aber, dass der Autor sich auch auf eine wissenschaftliche Studie bezieht, die seine anekdotischen Beobachtungen zu Covid-Impfungen und Todesfällen zu bestätigen scheint. Das Problem: Der Autor betreibt hier Rosinenpickerei, um das, was er glauben will, bestätigt zu sehen, und er ignoriert Evidenz, die nicht in seine Verschwörungswelt passt.
Die von Matuschek zitierte Studie ist ein Preprint und hat keinen wissenschaftlichen «Peer Review» durchgemacht. Genauer gesagt: Die Studie hat mehrere Peer-Review-Verfahren nicht bestanden. Gemäss einem der Co-Autoren erhielt die Studie bis Ende letzten Jahres über zehn sogenannte «Desk Rejects» bei wissenschaftlichen Fachpublikationen. Ein Desk Reject bedeutet, dass eine Studie schon in der Anfangsphase des Peer Review-Verfahrens abgelehnt wird, weil sie wissenschaftliche Minimalstandards nicht erfüllt.
Matuschek bezieht sich also auf eine einzige Studie, die wissenschaftlich bestenfalls fragwürdig ist. Gleichzeitig ignoriert er in seiner Analyse die Dutzenden bzw. Hunderten von Studien, die sich der Frage der Sicherheit der Covid-Impfungen widmen und keine Impftoten feststellen. Und zwar nicht nur im Rahmen der klinischen Tests, sondern ausdrücklich auch in der realen Welt; in der freien Impf-Wildbahn der weltweit Milliarden von verabreichten Impfdosen.
Matuscheks Rosinenpickerei ist Ausdruck des wohl wichtigsten Denkfehlers in Verschwörungstheorien: Des «Confirmation Bias», des Bestätigungsfehlers.
Der «Confirmation Bias» ist unsere Tendenz, das, was wir glauben, auch weiterhin glauben zu wollen. In der Praxis bedeutet das, dass wir uns oft gezielt nur jene Informationen zusammensuchen, die unsere Überzeugungen stützen. Das, was nicht in unser vordefiniertes Weltbild passt, blenden wir allzu gerne aus. Dieser Denkfehler ist der sprichwörtliche Tunnelblick, der uns nur das sehen lässt, was wir sehen wollen.

Wenn die Stichprobe verzerrt ist

In seinem Artikel über das Pharmaunternehmen Biontech suggeriert Matuschek, dass bei Biontech (und damit verbunden mit der Pandemie an sich) etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Biontech war vor der Pandemie ein relativ kleines Startup, das keine Produkte auf dem Markt hatte.
In der Pandemie dann entwickelte Biontech in Windeseile einen mRNA-Impfstoff, der zum Kassenschlager wurde. Auch ist suspekt, dass die Bill&Melinda-Gates-Stiftung im Jahr 2019 rund 55 Millionen Dollar in Biontech investierte.
Alles eine grosse «Plandemie»?
Nein: Das, was bei Biontechs Erfolg aussergewöhnlich scheint, ist lediglich ein statistischer Denkfehler, bei dem eine zu kleine Stichprobe unter die Lupe genommen wird.
Gemäss Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) befanden und befinden sich insgesamt 143 Impfstoffe in der Phase klinischer Tests, und weitere 195 Impfstoffe befinden sich gegenwärtig in der Phase vor-klinischer Tests. In der Pandemie haben Dutzende von Pharmaunternehmen und öffentlichen Forschungseinrichtungen Impfstoffe entwickelt. Rein statistisch musste es so kommen, dass einige davon früher fertiggestellt werden und, dass einige besser als andere wirken.
Die mRNA-Impfstoffe von Biontech (und Moderna) hatten in Punkto Geschwindigkeit einen Vorteil, weil die mRNA-Technologie die Entwicklung von Impfstoffen im Labor sehr vereinfacht – sowohl Biontech als auch Moderna hatten ihre Impfstoffe innerhalb weniger Tage, nachdem das Erbgut von Sars-Cov-2 sequenziert wurde, entwickelt. Rein statistisch war eine «Erfolgsgeschichte» à la Biontech also hoch wahrscheinlich.
Es ist ein wenig wie beim Lotto spielen: Dass ausgerechnet Hans Müller sechs Richtige hat, ist extrem unwahrscheinlich. Dass aber grundsätzlich jemand sechs Richtige hat, wenn sehr viele Menschen mitspielen, ist statistisch gesehen sehr wahrscheinlich.
Und was ist mit dem Investment der Gates-Stiftung in Biontech? Ist es nicht suspekt, dass so viel Geld in ein Startup, das noch keinerlei Produkte vorzuweisen hatte, investiert wurde? Nein, auch hier lüftet sich der Verschwörungs-Schleier, wenn wir die Stichprobe vergrössern. Die milliardenschwere Gates-Stiftung ist vornehmlich im Bereich von Infektionskrankheiten und Impfstoffen aktiv und investiert regelmässig grosse Geldsummen in Biotech-Startups.
So hat die Stiftung im Jahr 2015 beispielsweise auch in das deutsche Startup CureVac ganze 52 Millionen Dollar investiert, mit dem Ziel, die Entwicklung neuer Impftechnologien und darauf basierenden Impfstoffen voranzutreiben – dasselbe Ziel, das auch mit dem Investment in Biontech verfolgt wurde. CureVac hatte ebenfalls einen Covid-Impfstoff-Kandidaten in der Pipeline, der sich aber als zu wenig wirksam herausstellte.
Wenn eine gigantische Stiftung wie jene von Bill Gates ihre Finger in Hunderten von Biotech-Unternehmen, die sich auf Impfstoffe spezialisieren, hat, dann ist es statistisch alles andere als überraschend, dass einige dieser Unternehmen auch in Situationen wie der Covid-Pandemie bei der Impfstoffentwicklung dabei sind.
Der statistische Denkfehler, dem Matuschek unterliegt, ist als «Survivorship Bias», als Überlebens-Bias, bekannt. Der Denkfehler tritt dann ein, wenn wir nur Datenpunkte beachten, die einen bestimmten Filter überwunden haben (z.B. Unternehmen mit einer erfolgreichen Covid-Impfung) und all die Datenpunkte, die den Filter nicht überwunden haben (all die Unternehmen, die auch Covid-Impfungen entwickeln, die aber weniger Erfolg hatten), ignorieren. Wenn wir dem Survivorship Bias erliegen, ziehen wir vorschnell und falsch Schlussfolgerungen, weil wir nicht das ganze Bild sehen.

Einfachere Hypothesen sind plausibler

In seinem Biontech-Artikel stellt Matuschek die Frage, wie es sein kann, dass der Aktienwert von Biontech an der Börse sinkt, obschon Biontech mit der Covid-Impfung einen Kassenschlager hat. Matuscheks Antwort: Die Anleger merken offenbar, dass mit Biontech etwas nicht stimmt. Ein Indiz, dass an der ganzen Sache etwas faul ist.
Biontechs fallenden Aktienkurs kann man als Teil eines grossen Verschwörungsmosaiks deuten; alles hängt irgendwie miteinander zusammen und deutet irgendwie darauf hin, dass etwas nicht stimmt. Es ist aber angebracht, eine zusätzliche Denkübung zu machen und zu überlegen, was eine mögliche einfachere Antwort für den beobachteten Sachverhalt sein könnte.
Eine solche könnte zum Beispiel sein: Mit der Zulassung und Einführung des Biontech-Impfstoffs gab es einen Börsen-Hype um das Unternehmen, und nun, mit der sich (hoffentlich) zu Ende neigenden Pandemie, werden die Anlegerinnen und Anleger nüchtern – und fragen sich, wie zukunftsfähig Biontech, das bisher ein einziges Produkt auf den Markt gebracht hat, wirklich ist.
Diese Deutung der Situation ist viel langweiliger als die Mutmassung, dass der Kurssturz bei Biontech irgendwie ein Anzeichen einer globalen Pandemie-Verschwörung ist. Doch einfache, langweilige Antworten sind oftmals plausibler und zeigen sich im Nachhinein als zutreffender als komplexe Erklärungen. Diese Erkenntnis wurde bereits vor Jahrhunderten mit der Regel «Ockham’schen Rasiermessers» beschrieben.
Verschwörungstheorien sind hochkomplex, weil sie für einfache, triviale Sachverhalte Erklärungen und Thesen aufstellen, die ein hohes Mass an Gehirnakrobatik erfordern. In dieser unnötigen Komplexität liegt ein Stück weit auch der emotionale Reiz von Verschwörungstheorien: Das Gefühl, dass alles mit allem zusammenhängt, aber wir nicht genau wissen, wie, weil es so vielschichtig und komplex ist, sorgt für Nervenkitzel. Wir haben Logenplätze in einen verworrenen Mystery-Thriller, setzen dabei aber unser kritisches Denken auf Standby.

Nicht alles ist das Ergebnis von Boshaftigkeit

In seinen Texten unterstellt Matuschek Politik und Medien unlautere, boshafte Absichten. Im Biontech-Text bezichtigt er Medien der «Komplizenschaft» in der angeblichen Verschwörung rund um Biontech. Im Text zu angeblich tödlichen Impfnebenwirkungen meint er etwa: «Der Bürger wurde in ein Katastrophenszenario eingebettet und mit Angst gefügig gemacht, um sich den offiziell dargebotenen Lösungen hinzugeben.»
Matuschek deutet die – nach seinem Dafürhalten – Verfehlungen von Politik und Medien maximal negativ und unterstellt maximal boshafte Absichten, ohne dafür Beweise zu liefern. Er verrennt sich in eine irrationale Sicht der Realität, weil diese zu seinen verschwörungstheoretischen Mutmassungen passt.
In Situationen, in denen unklar ist, warum Personen, Gruppen oder Organisationen handeln, wie sie handeln, sollten wir vorsichtshalber das «Principle of Charity», das Prinzip des Wohlwollens, anwenden.
Das Prinzip des Wohlwollens ist ein ursprünglich sprachphilosophisches Argument, das besagt, dass wir Aussagen und Verhalten anderer auch dann mit Wohlwollen interpretieren sollten, wenn diese uns komplett verrückt scheinen. Warum? Es könnte sein, dass z.B. eine Art Übersetzungsfehler vorliegt: Wir verstehen etwas falsch; wir sind durch unsere eigenen Denkfehler (z.B. Confirmation Bias) verzerrt; und so fort.
Wir können rationalerweise nicht ausschliessen, dass wir uns irren. Das Prinzip des Wohlwollens ist in diesem Sinne eine Versicherungspolice, um sich nicht vorschnell und irrationalerweise in eine spezifische, maximal negative Deutung der Situation zu vergraben. Eine Art diskursive Differenzialdiagnose.
Was passiert, wenn wir Matuscheks Verschwörungs-Unterstellungen durch den Filter des Prinzips des Wohlwollens laufen lassen? Vielleicht haben Medien und Politik tatsächlich Schaden verursacht – aber dahinter muss nicht eine orchestrierte Verschwörung stecken, sondern vielleicht einfach Inkompetenz.
Oder, wenn wir einen Schritt weiter gehen: Es könnte auch sein, dass Matuscheks Prämisse, dass die Covid-Impfungen tödlich sind, falsch ist – und dass die Politik dank der Impfkampagne in Tat und Wahrheit enorm viel Leid und Tod vermeiden konnte.
Das Prinzip des Wohlwollens ist ein wichtiges Werkzeug, um Zweifel an unserem eigenen Denken zu wecken. Wer, wie Matuschek, sein eigenesv Denken nicht aktiv hinterfragt, verliert sich in den irrationalen Abgründen der «Overconfidence»: Der Überzeugung, dass man alles ganz genau und besser als die anderen weiss.

Boshaftigkeit ist nicht transitiv

In seinem Biontech-Artikel geht Matuschek mit der Pharmaindustrie hart ins Gericht. Biontech, ein privates Unternehmen, macht ein Bombengeschäft mit einer Impfung, die direkt mit Steuergeld gefördert und indirekt überhaupt erst durch öffentliche Forschung an Hochschulen möglich gemacht wurde.
Dass und wie Pharmaunternehmen in der Corona-Pandemie und darüber hinaus ihre Milliardengewinne verbuchen, ist tatsächlich hoch problematisch. Das wissen wir spätestens seit dem «Tamiflu»-Fiasko. Das Schweizer Pharmaunternehmen Roche verbuchte ab 2009 gigantische Gewinne mit dem antiviralen Arzneimittel Tamiflu; vor allem, weil Tamiflu als therapeutische Wunderwaffe gegen die Schweinegrippe gehandelt wurde. Doch Roche weigerte sich jahrelang, die vollständigen Daten klinischer Studien zu veröffentlichen. Als die Daten 2014 endlich publik wurden, zeigte sich: Tamiflu wirkt in Tat und Wahrheit so gut wie gar nicht.
Es ist unbestritten, dass die Pharmaindustrie in bester spätkapitalistischer Manier Profite immer wieder höher gewichtete als die moralische Verpflichtung gegenüber der Gesundheit (und der Wahrheit). Doch das bedeutet nicht, dass alles, was die Pharmaindustrie macht, automatisch falsch und gelogen und Teil einer Verschwörung ist.
So könnte es grundsätzlich sein, dass die Biontech-Impfung nicht funktioniert oder sogar tödlich ist, aber zu diesem Schluss können wir nicht kommen, nur, weil die Pharmaindustrie in der Vergangenheit unlauter gehandelt hat. Wenn wir einen konkreten Verdacht haben, müssen wir auch die dazu relevante konkrete Evidenz berücksichtigen. Im Fall der Covid-Impfungen gibt es sehr viel unabhängige wissenschaftliche Forschung, die zeigt, dass die Impfungen wirksam und sicher sind. (In der Geschichte der modernen Medizin wurden kein Impfstoff so umfassend und kritisch untersucht wie die Covid-Impfungen.)
Die Tendenz, bei Personen oder Organisationen eine Eigenschaft anhand einer anderen, nicht relevanten Eigenschaft einzuschätzen, ist der sogenannte «Halo»-Effekt, der Heiligenschein-Effekt.
Ein klassisches Beispiel des Halo-Effekts sind die Folgen des physischen Erscheinungsbildes von Menschen. Menschen, die als attraktiver wahrgenommen werden, erhalten bei gleicher Kompetenz eher einen Job und dazu noch einen höheren Lohn. Im Kontext von Pharma-Verschwörungstheorien wird dieser Denkfehler zu einer Art negativem Halo-Effekt: Weil die Pharmaindustrie bei Sachverhalt A unlauter gehandelt hat, wird angenommen, dass sie auch bei Sachverhalt B unlauter handelt (obwohl es dafür keine Beweise gibt, bzw. die Beweise das Gegenteil zeigen).
Es ist wichtig und richtig, dass wir mächtigen Akteuren in Politik und Wirtschaft mit Kritik begegnen. Aber diese muss rational bleiben: Wenn wir die Kritik nicht an konkreter, belastbarer Evidenz – sondern an unserem blossen Bauchgefühl ausrichten –, verlieren wir den Bezug zur empirischen Realität.

Zurück zur Rationalität

Aber es ist schädlich. Verschwörungsdenken ist das Paradebeispiel von Irrationalität: Wenn wir uns von Verschwörungserzählungen einlullen lassen, glauben wir an Dinge, ohne, dass wir dafür gute Gründe haben. Das ist eine doppelte Tragödie.
Einerseits ist es beklagenswert, wenn sich Menschen von der rationalen Wahrheitssuche abwenden und ihr Glück stattdessen in auf Denkfehlern und Fehlschlüssen fussenden Weltbildern suchen. Andererseits hat das heute grassierende Verschwörungsdenken auch direkte negative Konsequenzen für die Gesellschaft. So haben Corona-Verschwörungstheorien etwa zur gesellschaftlichen Polarisierung beigetragen, Leid und Tod durch verringerte Impfbereitschaft verursacht und die Verbreitung von Hassideologien und Extremismus befeuert.
Um der Pandemie an Verschwörungstheorien beizukommen, müssen auch Publikationen wie der «Nebelspalter» ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen. In Zeiten digitaler Informations-Kakophonie brauchen wir Stimmen, die das journalistische Primat der Wahrheitssuche ernst nehmen und Behauptungen einem Rationalitäts-Check unterwerfen, bevor sie publiziert werden.
Das generiert kurzfristig vielleicht weniger aufsehenerregende Schlagzeilen und weniger Empörungs-Klicks. Langfristig ist das aber der einzige Weg, um zu erhalten, was hoffentlich auch dem Nebelspalter am Herzen liegt: Die rationale, zivilisierte und der Demokratie zuträglichen Debatte.

Zur Person

Marko Kovic ist Sozialwissenschaftler und schreibt über gesellschaftlichen Wandel, mit Fokus auf den Problemkomplex von Falschinformation, Hass und Radikalisierung. Verschwörungstheorien begleiten ihn seit seiner Jugend, als er selber einem verschwörungsideologischen Weltbild verfiel.

Mehr von diesem Autor

Ähnliche Themen

image

GPK: Bersets Departement handelte während der Krise eigenmächtig

25.5.2022
comments44