Wie sexy ist die Schweiz für Startups? Der Experte sagt: «Wir spielen eine, eher zwei Ligen tiefer als die USA oder Israel»

Wie sexy ist die Schweiz für Startups? Der Experte sagt: «Wir spielen eine, eher zwei Ligen tiefer als die USA oder Israel»

Stefan Kyora ist Chefredaktor von «Startupticker». Zudem ist er Co-Autor des Swiss Venture Capital Report. Er sagt im Interview, dass die Schweiz noch viel tun muss, um zu den besten Startup-Ländern zu gehören. Aber er ist auch der Meinung, dass wir das schaffen können.

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von Sebastian Briellmann am 1.5.2021, 10:00 Uhr
Schweizer Startups brauchen mehr Support von der Wirtschaft, findet Stefan Kyora. Foto: Shutterstock
Schweizer Startups brauchen mehr Support von der Wirtschaft, findet Stefan Kyora. Foto: Shutterstock
Herr Kyora, Startup-Gründer sind älter als angenommen, auch in der Schweiz. Warum?
Man muss da unterscheiden. Von gut 40’000 neuen Unternehmen, die jährlich in der Schweiz ins Handelsregister eingetragen werden, bleiben die meisten für immer klein. Und die Hälfte davon scheitert nach spätestens fünf Jahren.
Wieso?
Der typische Grund ist, dass keine Nachfrage besteht. Der Grossteil der Gründer startet kleine Dienstleistungsunternehmen ohne klare Differenzierung zu bestehenden Anbietern. 70 Prozent der Gründer haben zudem noch einen Job in einem anderen Unternehmen und auch keine grossen Wachstumspläne für ihre eigene Firma. Solche Jungunternehmer machen einen grossen Teil aus – und sind in der Regel weit über 30.
Und wer sind die anderen Unternehmer?
Das sind dann jene, die wir Startup-Gründer im engeren Sinn nennen. Der Anteil ist mengenmässig sehr klein. Es handelt sich um gut 400 Firmen pro Jahr. Sie sind innovativ, wollen schnell wachsen, holen sich Investoren an Bord. Sie sind es, die sich mit einer neuen Technologie durchsetzen wollen und oft schon zu Beginn drei bis fünf Mitarbeiter an Bord haben. Diese Unternehmen entwickeln sich in der Regel zu soliden KMU, darunter gibt es aber auch immer wieder ein paar Highflyer.
Sind die typischen Startup-Gründer denn jünger?
Nein. Wir haben das auch selber untersucht. Zugegebenermassen nur mit einem kleinen Datensatz, aber guter Methodik. Wie viel Zeit vergeht zwischen Abschluss des Studiums und der Gründung? Als Referenzperson haben wir jeweils den CEO genommen. Das Resultat ist klar: Auch bei diesen Startups sind die Gründer zwischen 35 und 44 Jahre alt.
Wie erklären Sie sich das?
Das ist für mich logisch. Später Unternehmer werden ist eine rationale Entscheidung: Nach dem Studium geht es zuerst darum, Erfahrung zu sammeln, ein Netzwerk aufzubauen und Marktkenntnisse zu gewinnen.
Nützt es also nichts, bereits als Student ein Unternehmen zu gründen?
Sehen Sie: Bei den Startups ist das Risiko immer hoch. Sie kommen mit einem neuen innovativen Produkt – niemand kann ahnen, wie gut dieses zu Beginn ist. Aber wenn sie bereits Erfahrung und ein gutes Netzwerk haben, geht der Firmenaufbau schneller. Die Türen von Investoren stehen eher offen – und sie finden vielleicht auch Spezialisten, die einem wichtige Tipps geben oder auch von einer Idee abraten.
Ist der junge Schweizer, so der häufig gehörte Vorwurf, nicht auch risikoaverser als etwa der Amerikaner?
Nein, das hat weder mit der Kultur noch mit Scheu von jungen Schweizern zu tun.
Sondern?
Die Schweiz ist generell kein schlechter Standort für Startups. Unser Angebot für Gründer ist gut. Das zeigt sich auch in Untersuchungen. Im Vergleich zu unseren Nachbarländern sind die Anzahl Startups und Mitarbeiter sowie die Investitionen in diese Unternehmen bei uns höher.
Warum hinken wir im globalen Vergleich dennoch zurück, im Vergleich mit den USA, mit Israel, mit Grossbritannien?
Es stimmt: Wir spielen eine, eher zwei Ligen tiefer als diese Länder – obschon wir über eine lebendige Startup-Szene und Aktivposten wie die ETH verfügen. Der Rückstand ist nicht ihr Fehler.
Warum nicht?
Weil in der Schweiz erst nach dem Platzen der Dotcom-Blase, also vor gut 15 Jahren, eine Startup-Szene entstanden ist. In den USA ist diese schon fünf, eher sechs Generationen alt.
Wieso ist das entscheidend?
In der Szene gibt es eine starke Dynamik. Startups stellen interessierte Mitarbeiter an, die sich voll identifizieren. Oft sind es dann genau diese Arbeitnehmer, die nach einer gewissen Zeit selbstständig werden wollen. Sie kennen das Umfeld, die Branche – und haben deswegen einen Vorteil. Diese Dynamik kommt in der Schweiz erst gerade ins Rollen. Wir erleben erst den Beginn der zweiten Generation.
Also braucht es nur noch ein bisschen Zeit – und dann sind wir auch Weltklasse?
Das glaube ich nicht. Ich sage: Wir sind auf gutem Weg, aber dürfen diesen auch nicht idealisieren.
Was, ausser Zeit, fehlt für ein gutes Startup-System noch?
Dem System fehlt nichts. Es sind Besonderheiten der Schweizer Volkswirtschaft, die junge Unternehmen benachteiligen. Wir verfügen über eine stark globalisierte Finanzindustrie – und dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, wir profitieren stark davon.
Nur nicht die Startups…
Genau. Der Grund ist klar: Wenn eine grosse Versicherung oder eine Pensionskasse Geld in Startups investieren wollen, dann tun sie dies global. Nur ein kleiner Teil fliesst je wieder in die Schweiz zurück. In Schweden zum Beispiel ist das anders. Dort wird hauptsächlich national investiert. Für Startups ist das ein Jackpot. In der Schweiz wollen wir das nicht, wir brauchen keinen Heimatschutz. Wir brauchen deswegen mehr Investitionen in Risikokapital ganz am Anfang des Trichters. Dann kommt am Ende auch mehr bei den Schweizer Startups an.
Gibt es solche Anstrengungen?
Ja, das Staatssekretariat für Wirtschaft ist mit Pensionskassen und Risikokapital-Investoren in Kontakt. Es will Vorbehalte abbauen. Aber es müssen noch einige Bretter gebohrt werden. Nur wer aufzeigen kann, dass man nicht nur zur Risikodiversifizierung der Anleger beitragen, sondern auch Geld verdienen kann, wird Erfolg haben.
Daran glauben Sie?
Ja. Langfristig wird das sicher möglich sein. Aufgrund der kurzen Schweizer Startup-Geschichte fehlt dieser Nachweis einfach noch. Aber die Beispiele werden mehr: Immer wieder gehen Startups an die Börse oder knacken beim Verkauf die so wichtige Hürde der einen Milliarde Franken.
Welche Branche ist in der Schweiz denn bereits top unterwegs?
Biotech! Da sind wir ein Hotspot, auf Augenhöhe mit Boston. Dieses Jahr haben sich bereits vier Startups an die Tech-Börse Nasdaq gewagt. Das ist sehr, sehr gut. Es gibt Investoren, die haben ein Büro in Basel, weil sie keine goldene Geschäftsidee verpassen wollen. Darauf lässt sich aufbauen. Aber noch immer gibt es hohe Hürden zu überwinden.
Welche?
Es gibt zu viele rechtliche Unsicherheiten. Da muss aufgeräumt werden. Konkret: Es gibt keine vernünftige Regelungen für Business Angels: Wie wird deren Beteiligung bewertet? Ein Beispiel: Ein Angel investiert für zehn Prozent eines Unternehmens eine Million Franken. Nach einer Finanzierungsrunde über 30 Millionen gehören ihm also drei Millionen. Aber hat dieses Unternehmen überhaupt einen Wert von 30 Millionen?
Gute Frage. Warum wird das nicht geregelt? Weil das Gesetz noch nicht an die Besonderheiten der Startups angepasst wurde. Aber es ist dringend nötig. Weil Startups auf Business Angels angewiesen sind. Bei solchen Unklarheiten wollen diese aber nicht zu viele Risiken eingehen. Noch ein Beispiel, um zu zeigen, um wie viel Geld es da geht?
Gerne.
Wird das Unternehmen von oben dann für 100 Millionen verkauft, erhält der Angel zehn Millionen. Aber ist das dann steuerfreier Kapitalgewinn? Oder gilt er als Wertschriftenhändler? Oder ist er das alles nicht? Das Steuerrecht hat an all dies bis heute nicht gedacht. Das schadet der Entwicklung der Startup-Szene enorm.

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