Wie ich verzweifelt versuchte, aus der FDP auszutreten

Wie ich verzweifelt versuchte, aus der FDP auszutreten

Ich war Mitglied der FDP Schweiz und wollte es nicht mehr länger sein. Aber das klingt einfacher, als es ist. Aus dieser Partei gibt es keinen Ausweg. Wer raus will, wird ignoriert. Die Geschichte eines Leidenswegs.

image
von Stefan Millius am 27.5.2021, 04:00 Uhr
image
120'000 Mitglieder hat die Freisinnig-Demokratische Partei der Schweiz, kurz FDP, nach eigenen Angaben. Das schreibt Wikipedia. Weil es der Informationsplattform damit vermutlich selbst nicht ganz wohl ist, schiebt sie nach: Gemäss unabhängiger Schätzung seien es nur 90'000.
Wenn Sie mich fragen, sind beide Zahlen mit höchster Vorsicht zu geniessen. Denn ich versuche seit fünf Monaten verzweifelt, aus dieser Partei auszutreten. Aber man lässt mich nicht. Und ich stelle mir naturgemäss die Frage: Bin ich damit wirklich der Einzige? Oder verschönern noch andere die Mitgliederstatistik, die gar nicht mehr wollen?
Nach jugendlichen Erfahrungen links der Mitte und spätestens nach dem Schritt in die berufliche Selbständigkeit wusste ich: Ich will nichts mehr mit Leuten zu tun haben, die Arbeitgeber grundsätzlich für widerliche Ausbeuter halten. Aber wohin sollte es gehen? Die CVP war mir zu wischiwaschi, die SVP zu sehr Kartoffelsalat und Schüblig, also blieb die FDP. Und liberal: In diesem Begriff erkannte ich mich. Die FDP und ich: Das war nicht unbedingt eine Liebesheirat, eher das Ausschlussverfahren.

Erste Anzeichen einer Entfremdung

Dass es niemals 100 Prozent Schnittmenge gibt zwischen der persönlichen Haltung und der einer Partei, das war und ist mir bewusst. Aber lange waren wir ziemlich deckungsgleich in wesentlichen Fragen, die FDP und ich. Bis Petra Gössi beschloss, ein schulmüder schwedischer Teenager sollte bestimmen, wie die staatsgründende Partei zu denken hat. Als die Parteibasis unermüdlich bearbeitet wurde, um das Blau der Partei grün zu überkleistern: Da gab es erste Risse im Gebälk.
Und dann kam Corona. Die Zeit, als die FDP ihre Ursprünge völlig vergass, das Gewerbe im Stich liess und der hygienehysterischen Politik des Bundesrats blind folgte. Das war mein Weckruf. Mit dem Ergebnis: Das ist nicht mehr meine Partei. Es bleibt nur der Austritt.

Kein Weg führt raus

Soweit der Plan. Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn die FDP lässt einen nicht einfach gehen.
Im Januar 2021 schrieb ich über das Webformular der FDP Schweiz meinen förmlichen Austritt. Sogar mit Begründung, obschon ein banaler Vereinsaustritt nicht erklärt werden muss. Weil mir klar war, dass die FDP gutschweizerisch föderal organisiert ist, verfasste ich ein zweites Schreiben an meine Ortspartei. Was mir weh tat, die Versammlungen waren immer sehr lustig gewesen. Aber ich mochte kein Geld an eine Partei überweisen, die für alles steht, was ich nicht mittrage. Meine lokalen Kollegen nahmen es enttäuscht, aber souverän hin, vor allem, weil sie meine Beweggründe nachvollziehen konnten.
Nur in die Parteizentrale in Bern schien die Kunde nicht vorzudringen. Denn dort geschah… nichts. Keine Bestätigung. Keine Rückholversuche (gut, das wäre auch zu viel der Ehre gewesen). Keine Nachfragen. Einfach nichts.
Auch gut, dachte ich, dann haben sie es anstandslos geschluckt. Aber von wegen. Mein Austritt wurde schlicht nicht zur Kenntnis genommen. Frisch, fröhlich, frei erhalte ich weiter E-Mails von der FDP Schweiz. Frau Gössi teilte mir als Mitglied der grossen FDP-Familie beispielsweise mit, warum ich für das CO2-Gesetz sein soll (was ich nicht bin, sorry, das ist es ja eben). Auch physische Post von der FDP erreicht mich weiterhin. Kann man die denn nicht wenigstens in einem neutralen Couvert versenden, damit der Briefträger das nicht sieht?
Aber mehr noch: Man erwartete von mir, dem Mann, der die Liebe gekündigt hatte, sogar noch ein aktives Engagement. Dieses E-Mail erreichte mich im Mai:

Ich arbeite als Praktikantin bei der FDP Schweiz im Kampagnenteam. Bei der Kampagne für das CO2-Gesetz erstellen wir unter anderem Testimonials, die wir auf Twitter und Facebook veröffentlichen werden. Ich erlaube mir deshalb Sie zu fragen, ob Sie sich dazu bereit erklären würden, ein Testimonial zu erstellen?

Ein verführerisches Angebot. Aber wie gesagt: Ich lehne das CO2-Gesetz vehement ab. Wobei, wie wir ja wissen, bei der FDP leichtes Chaos herrscht und nicht einmal das ein Grund gegen ein Testimonial ist (wir haben berichtet). Aber ich halte es generell für kontraproduktiv, wenn ein deklariertes Nichtmitglied öffentliche Sätze für die FDP verfasst.

Neuer Versuch – keine Antwort

Also ein neuer Anlauf, das ist nun eine runde Woche her. Ich teilte der FDP Schweiz wiederum per Formular mit, sie solle doch bitte zur Kenntnis nehmen, dass ich kein Mitglied mehr bin. Die Antwort fiel vielsagend aus. Es gab nämlich keine. Bis heute habe ich nichts gehört. Ich meine mich zu erinnern, dass auf mein Eintrittsbegehren vor vielen Jahren sofort eine Rückmeldung kam. Aber wenn man wieder gehen will, wird man ignoriert. Das kenne ich sonst nur von Krankenkassen und Handyverträgen.
Einige von mir angesprochene alte FDP-Haudegen nickten wissend, als ich ihnen davon erzählte. Man gehe eben davon aus, dass ich kein Mitglied mehr sein wolle, aber doch sicher immer noch mit der FDP sympathisiere. Und da wolle man mich weiter auf dem Laufenden halten. Mit E-Mails. Und Post.
Das ist sehr fürsorglich. Aber auch ein Taschenspielertrick. 120'000 Mitglieder offiziell? 90'000 Mitglieder inoffiziell? Wie viele sind es wohl nach Corona noch? Zumindest auf dem Papier bleibt die Zahl wohl gleich hoch. Denn man kommt nicht raus aus dieser Partei. So sehr man auch will. Ich komme mir inzwischen leicht entmündigt vor.
Was muss man denn tun, um aus der FDP auszutreten? Persönlich im Generalsekretariat vorsprechen? Frau Gössi ein SMS schicken? Ein Plakat im Weltformat im Zürcher Hauptbahnhof aufstellen? «Stefan Millius erklärt hiermit, nicht mehr Mitglied der FDP zu sein.» Aber das wäre mir peinlich, auf diese Weise machen Amerikaner Heiratsanträge, jedenfalls, wenn man Hollywood glaubt.

Ist «kein Geld mehr» die Lösung?

Dieser Artikel hier ist meine letzte Hoffnung. Vielleicht nimmt die Partei auf diesem Weg zur Kenntnis, dass ich kein Teil mehr von ihr bin. Klar, sie merkt es spätestens, wenn ich den Mitgliederbeitrag nicht mehr bezahle. Theoretisch. Aber vermutlich werde ich dann einfach eine höfliche Erinnerung erhalten. Und wenn ich auf diese auch nicht reagiere, habe ich eben nicht gezahlt – und bleibe dennoch irgendwie dabei. Sonst müsste man ja noch Wikipedia aktualisieren auf 119'999 Mitglieder.
Übrigens: Wenn es der FDP Schweiz wirklich so wichtig ist, mich als Mitglied zu behalten, ist das ziemlich einfach. Die Partei muss sich einfach an ihre Ursprünge erinnern. «Mehr Freiheit, weniger Staat»: Das ist alles, was ich brauche. Aber irgendjemand hat inzwischen die Adverben vertauscht. Ich habe mich politisch in den letzten 10 Jahren kaum bewegt, die FDP schon. Petra, Greta, wer kann das schon auseinanderhalten?
Die Frage müsste also eigentlich lauten: Will die FDP weiterhin Mitglied bei mir sein?

Mehr von diesem Autor

image

«Tests zu unsicher»: Zutritt nur für geimpfte oder genesene Kinder

image

Pflicht ist das eine, die Häme das andere

Ähnliche Themen