Wie fühlen sich die Lernenden in der Coronakrise

Wie fühlen sich die Lernenden in der Coronakrise

Der Anteil der Lernenden im Homeoffice ist im Februar wieder angestiegen. Auf 29 Prozent. Dass die Lernenden dadurch weniger Berufserfahrung sammeln können ist klar. Doch stört das die Lernenden?

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von Stefan Bill am 6.4.2021, 04:00 Uhr
Viele absolvieren ihre Lehre derzeit von zu Hause aus. (Bild: Shutterstock)
Viele absolvieren ihre Lehre derzeit von zu Hause aus. (Bild: Shutterstock)
Der Anteil der Jugendlichen in einer Berufslehre, die im Februar im Homeoffice arbeiten mussten, liegt bei 29 Prozent. Das geht aus dem Forschungsprojekt «Lehrstellen-Puls» der ETH Zürich hervor, das regelmässig die Auswirkungen der COVID-19 Pandemie auf die Berufslehren, Lehrbetriebe und Jugendlichen in der Schweiz untersucht. Gemäss Ursula Renold, Professorin für Bildungssysteme an der ETH Zürich, sind die Zahlen im März, die im Verlauf dieser Woche veröffentlicht werden, noch einmal angestiegen.

Angst um Qualität der Ausbildung

Klar ist, dass die Lernenden sich dadurch kaum die Kompetenzen aneignen, die sie für ihr Berufsleben brauchen. Die Studie macht deutlich, dass die Ausbildungsbetriebe besorgt sind, die Lernenden könnten den verpassten Stoff der betrieblichen Ausbildung in der restlichen Lehrzeit nicht mehr aufholen. Bedenklich ist allerdings, dass die schulische Ausbildung noch schlechter eingeschätzt wurde.

«Wir lernen nur noch das Nötigste, den Rest müssen wir uns selber beibringen.»

Joel Gfeller, Lernender Kaufmann
Caroline Zika, Leiterin Berufsbildung für über 50 Lernende der Flughafen Zürich AG, beobachtete bei vereinzelten Lernenden einen Leistungsabfall während dem Homeschooling. «Die betroffenen Lernenden haben ihre Noten mittlerweile wieder auf das gewohnte Niveau gebracht, jedoch insbesondere in der ersten Homeschooling-Phase haben einzelne Lernende weniger für die Berufsschule gemacht, als vorher.» Renold sagt: «Es sind insgesamt bereits zwölf Monate unregelmässiger Unterricht. Das muss man ernst nehmen!»

Homeschooling ist ineffizient

Auch die Lernenden selbst scheinen sich eher an der Situation in der Schule zu stören als an der Situation im Betrieb. So hat Joel Gfeller, ein Kaufmann im ersten Lehrjahr, vor allem das Homeschooling satt: «Es ist viel weniger effizient, wir lernen nur noch das Nötigste, den Rest müssen wir uns selber beibringen». Die Lehrer würden teils erst spät oder gar nicht auf schriftliche Anfragen reagieren, telefonisch seien sie manchmal schlicht nicht erreichbar.
Doch das sind nicht die einzigen Gründe, warum er den Präsenzunterricht bevorzugt. Der Austausch zu anderen Lernenden ist ihm wichtig. «Dieser geht im Homeschooling komplett verloren», sagt er. Zika bestätigt: «Im Homeoffice vermissen die Lernenden den sozialen und persönlichen Kontakt zu Kollegen und Ausbildenden.» Und Gfeller ergänzt: «Auch die schulische Leistung leidet unter dem fehlenden Austausch. Früher sind wir öfters zusammengesessen und haben uns gegenseitig geholfen. Im Homeschooling ist das selten der Fall.»

«Insgesamt bereitet mir dieses Bild als Kennerin des Bildungssystems Bauchschmerzen. Und ich finde, das sollte auch den Behörden Bauchschmerzen bereiten».

Ursula Renold
Der Fall von Rebecca Kurhajec liegt anders: Zwar durfte sie immer in die Schule gehen, stattdessen fiel die Arbeit aus. Sie ist Koch-Lehrtochter im ersten Jahr. Das Restaurant Landgasthof zum Schwert, in dem sie ihre Ausbildung macht, bleibt geschlossen. Es lohne sich finanziell nicht einmal mehr, einen Take-Away-Service anzubieten. «Ich bin die meiste Zeit zu Hause», sagt die 16-Jährige. Dort wird von ihr erwartet, dass sie ihre Pflichtenliste abarbeitet. «Zum Beispiel müssen wir Guetzli backen.» Doch sie könne einfach ein Foto davon ihrer Ausbildungsperson senden – und die Aufgabe gilt als erfüllt. So wie Rebecca geht es momentan vielen. Gemäss «Lehrstellen-Puls» liegt der Anteil an Lernenden, die keine berufliche Ausbildung erhalten, in den Berufsfeldern «Gastgewerbe, Hotellerie» bei 13 Prozent. «Es ist auch ein Thema, dass man seine Lehrstelle verlieren könnte, da bereits einige Betriebe Konkurs angemeldet haben», ergänzt Rebecca. «Insgesamt bereitet mir dieses Bild als Kennerin des Bildungssystems Bauchschmerzen. Und ich finde, das sollte auch den Behörden Bauchschmerzen bereiten», sagt Renold.

Auf der Suche nach dem Licht am Ende des Tunnels

Auf die Frage, ob sie das Gefühl habe, etwas verpasst zu haben, antwortet Rebecca: «Für mich ist das, glaube ich, weniger ein Problem, weil ich mich im ersten Lehrjahr befinde. Aber ich denke, für Leute im Dritten ist es schwieriger, die tun mir richtig leid.»
Also haben wir bei einem Koch im dritten Lehrjahr nachgefragt. Michael Landis, der im Winzerhaus in Weiningen arbeitet, bestätigt: «Man merkt, dass man sich bei gewissen Dingen nicht sicher ist, besonders beim Kochen.» Dies, obwohl die Lehrlinge in seinem Betrieb noch immer jeden Tag zur Arbeit dürfen, um dort für die Abschlussprüfung zu üben. Sein Ausbilder sei auch vor Ort, manchmal auch der Betriebsleiter. Dennoch: «Der Rhythmus geht verloren, weil wir nur für uns kochen. Daher erleben wir auch keine Stresssituationen.» Allerdings kann er der Situation auch etwas Positives abgewinnen. «Ich habe vorig Zeit zum Lernen und ich kann immer kochen, wann immer ich will.» Michael betont jedoch auch, dass er Glück hatte. Vieler seiner Berufsschulfreunde seien zu Hause.
Diese Situation macht den Lernenden mittlerweile zu schaffen. So sagt Zika, sie sei positiv überrascht gewesen, wie gut ihre Lernenden mit den vorgegebenen Massnahmen und den Einschränkungen umgegangen sind. Ihre anfängliche Angst der Überforderung war unbegründet. Mittlerweile ist spürbar, wie die Motivation der Lernenden langsam schwindet.
«Es muss jetzt eine Kehrtwende kommen, die den Jungen ein Licht am Ende des Tunnels aufzeigt. Je länger der aktuelle Zustand mit Homeschooling, Homeoffice und Einschränkungen andauert, umso schwieriger wird es, die Lernenden zum Durchhalten zu motivieren.»

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