Wie der Mann zum Feministen wurde

Wie der Mann zum Feministen wurde

Der moderne Mann ist Feminist und Tugendbold. Wie ist diese Unterwerfung zu erklären und wo führt sie hin?

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von Claudia Wirz am 19.5.2021, 07:00 Uhr
Der Macho ist auf dem Rückzug. Der neue Mann ist Feminist.
Der Macho ist auf dem Rückzug. Der neue Mann ist Feminist.
Als Esther Vilar 1971 ihr berühmtes Buch vom dressierten Mann veröffentlichte, hätte sie sich vermutlich kaum vorstellen können, was sich fünfzig Jahre später in der Männerwelt abspielt: Das Patriarchat scheint geknackt, die Dressur des Mannes schreitet voran und erreicht neue Exzellenz. Mehr noch – sie ist im Bann der politischen Korrektheit zur Selbstdressur mutiert.

Die arme Roberta

Wohin man blickt, wimmelt es heute nur so von bekennenden Feministen und Frauenförderern, die der «toxischen Männlichkeit» öffentlichkeitswirksam abschwören und sittliche Besserung geloben.
Der Mann von Welt ist heute ein Anti-Rambo. Er ist gendersensibel, denkt inklusiv, kann putzen, einkaufen, kochen, Kinder hüten und Teilzeit arbeiten. Er spricht Gendersprache, legt bei Wahlen die Frauenliste ein, ist für Elternzeit, staatlich kontrollierte Lohngleichheit und staatliche Krippenprogramme, fährt Lastenvelo, ernährt sich nachhaltig, verabscheut Macho-Sprüche und sexistische Werbung; er findet Frauenfussball cool und schämt sich für Auto-posende Geschlechtsgenossen, die all das anders sehen.
Kein Feminist zu sein, kann sich heute fast keiner mehr leisten, ein Manager schon gar nicht.
Anlässlich des internationalen Frauentags vom 8. März – ein von der Stalinistin Clara Zetkin erfundener «Feiertag» – legte dieses Jahr eine ganze Reihe gestandener Wirtschaftsführer bussfertig Rechenschaft über ihre Macho-Karrieren ab. Als Frau, bekannten sie, hätten sie es wohl kaum soweit geschafft. Oder wie es ABB-Chef Robert Itschner formulierte: «Als Roberta hätte ich es viel schwerer gehabt.»
Auch Michael Hengartner, Präsident des ETH-Rats und sechsfacher Vater, nutzte die Gelegenheit dieser PR-Aktion, um sich als besorgter Frauenversteher zu präsentieren. «Ich vermute, es wäre sehr viel schwieriger gewesen für mich als Frau», liess er sich von der «Sonntagszeitung» zitieren. Und Neil Carr, Europachef von Dow Chemicals, schlug das Nachdenken über den eigenen Männerbonus gemäss dem Zeitungsbericht besonders aufs Gemüt. «Es macht mich traurig, auf meine Generation zurückzuschauen und zu wissen, dass einige von uns unfairerweise von ungeschriebenen Regeln profitierten, die nicht auf Leistung beruhten.»

Woke und wohl

Der moderne Feminist findet sich auffallend oft in den Chefetagen grosser Unternehmen mit amerikanischer Managementkultur, die zunehmend auf der «Woke»-Welle reitet. In diesem Setting zeigt er das huldvoll-paternalistische Antlitz des edlen Wohltäters, der lauter gute Absichten hegt, aber keineswegs geneigt ist, dafür die eigene Komfortzone zu verlassen. «Tue gut und sprich darüber», lautet sein Motto.
Der moderne feministische Spitzenmanager sucht mit seinem Gleichstellungseifer nach Lob und Anerkennung. Esther Vilar hatte auch diesen Aspekt vorausgesehen. «Von allen Dressurmethoden, deren sich die Frau bei der Erziehung des Mannes bedient, hat sich das Lob als die brauchbarste erwiesen.»

Zeitgeistige Tugendschau

Männlicher Feminismus aus der Chefetage verkommt so zur wohlfeilen Tugendschau. Frauenförderung wird zum Marketing-Tool, was wiederum dafür sorgt, dass hübsche Pöstchen nicht unbedingt auf Basis individueller Leistung, sondern aufgrund von angeborenen Merkmalen und patriarchalem Sponsoring vergeben werden. Mit wahrhafter Gleichstellung hat das nichts zu tun.
Der moderne Feminist ist jedoch mitnichten immer ein Topmanager jenseits der 50. Man findet ihn auch im jungen akademischen Milieu. Die Feministen haben sogar einen eigenen Verein, dessen Ziel es ist, Männer für feministische Anliegen zu mobilisieren.
Einige von ihnen sind besonders ehrgeizig und haben sich angewöhnt, das Gendersternchen nicht nur zu schreiben, sondern auch in der gesprochenen Sprache mit einem stummen Knacklaut zu markieren, und zwar selbst in Alltagssituationen. Und wenn diese Männer feministisch genug sind, dürfen sie sogar in der grossen Frauendachorganisation Alliance F mitarbeiten.

Feministische Ritterlichkeit

Ob gesprochene Gendersternchen und feministische Verbissenheit die Beziehung zwischen Männern und Frauen aber tatsächlich verbessern können? Man darf daran zweifeln. Permanente feministische Unterweisung kann sowohl für Frauen wie für Männer ins Auge gehen, wie Figura zeigt.
Dass immer wieder auch langjährige Ehen scheitern, liegt häufig im pädagogischen Furor der starken Frau, die sprichwörtlich hinter jedem erfolgreichen Mann steht. «Wenn der Mann den beruflichen Zenit erreicht hat, hat er es vielleicht satt, zu Hause eine Frau zu haben, die unvermindert erzieherisch auf ihn einwirkt», erklärte der im Jahr 2019 verstorbene Psychiater und Paartherapeut Jürg Willi in einem NZZ-Interview mit der Schreibenden. «Dann sucht er sich womöglich eine Frau, mit der er ein leichteres Leben führen kann.»
Umgekehrt musste der Berner SP-Ständerat Hans Stöckli bei den Wahlen von 2019 am eigenen Leib erfahren, dass der boomende feministische Dogmatismus durchaus unangenehme Auswirkungen auf die eigene Karriere haben kann. Obwohl er im zweiten Wahlgang 16'000 Stimmen mehr machte als seine grüne Konkurrentin Regula Rytz, wurde ihm insbesondere von Journalisten nahegelegt, zugunsten der Frau zu verzichten, was er – reichlich genervt von dieser dreisten Forderung – natürlich nicht tat.
Der Fall zeigt: Auch den Frauen geht es letztlich nur um das eine – nämlich um die Macht. Und das sollten sich alle schöngeistigen Feministen und Frauenversteher überlegen – vor allem jene, die etwas zu verlieren haben.

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