Wer ist der Shakespeare der Hüften?

Wer ist der Shakespeare der Hüften?

Die Schweizer Bachelorette hat ihre Liebe gefunden. Das wurde gefeiert. Der «Nebelspalter» war dabei. Eine Reportage aus dem Boulevard.

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von Serkan Abrecht am 8.6.2021, 15:25 Uhr
Am Schmetterlinge verdauen: Dina Rossi und ihre neue Liebe Cyrill Egli. (Bild: Screenshot)
Am Schmetterlinge verdauen: Dina Rossi und ihre neue Liebe Cyrill Egli. (Bild: Screenshot)
Da ist sie also. Unsere Bachelorette, die 29-jährige Bernerin Dina Rossi. Sie bildet Jung-Pferde aus und ist Influencerin. Und Dina Rossi ist verliebt. Das verkündet sie gross auf der Leinwand im Berner «Summer Beach» auf der «Grossen Schanze» beim Bahnhof.
Während in der Show über die Schmetterlinge im «Magen» (sic!) gesprochen wird, sitze ich neben einem Bachelorette-Kandidaten aus Zürich und putze mir den Sand von meinen Schuhen. Ich bin direkt aus dem Parlament auf diesen künstlichen Strand geeilt und hatte kaum Zeit mich umzuziehen. Hier trägt man ausgewähltes Schuhwerk. Knöchelsocken und Sneakers von Karl Lagerfeld oder Nike.
Mein Sitznachbar, der relativ früh aus der Sendung ausgeschieden ist, hat ein Modelabel gegründet. Er fragt mich, ob wir uns auf Instagram folgen wollen. Ich sage zu. Er zeigt mir seine Produkte. Ich kaufe ein schwarzes T-Shirt für 40 Franken. «Der Preis ist voll ok, oder?» – «Ja, natürlich!» – «Ein anderer hier hat auch ein Modelabel gegründet und verlangt 110 Franken für ein T-Shirt. 110 Franken, Alter!» – «Viel zu viel!»

Die Genialität des Boulvardredaktors

Pferdetrainerin Dina ist also verliebt. Und zwar in einen jungen Hengst aus Zürich. Cyrill Egli heisst er und ist 25 Jahre alt, Koch und Musiker. Als dann die letzte Rose im TV vergeben wird, wirft sich Jung-Pferd Dina Rossi auf Hengst Cyrill Egli und sie beginnen leidenschaftlich zu knutschen. Bislang mussten sie ja ihre Liebe geheim halten. Auf dem Parkterassen-Strand wird applaudiert und gejohlt wie an einem Fussballspiel. Ich mache mit. Etiquette bei der 3+-Veranstaltung.
Ein wenig unangenehm sind solche Realityshows schon. Ein bisschen zum Fremdschämen. Es werden holprige Sprüche geklopft und das Gockel-Benehmen ist Standard. Das Testosteron riecht man förmlich aus dem Beamer heraus. Die Bachelorette Rossi fordert von ihren Kandidaten ein Wett-Tanzen. Der Moderator von 3+ spricht von einem «Shakespeare der Hüften». Bei solch genialen Sprüchen fragt man sich, weshalb man Polit- und nicht Boulevardredaktor geworden ist.

Im Schützengraben der Liebe

Und doch hat der ganze Anlass etwas Familiäres. Als habe man zusammen wochenlang die Rekrutenschule absolviert, umarmen sich die Kandidaten beim Wiedersehen auf der Parkterasse. Kameraden aus dem Schützengraben der Liebe – und der Feind ist eine Verrauchte. Interessanterweise sieht man Rossi in der Sendung kein einziges Mal an einer Zigarette ziehen. Hinter der Kamera hat sie gefühlt jede Minute einen Glimmstängel in der Hand. Wie die weibliche Ausgabe eines Helmut Schmidts des Boulevardfernsehens.
Interessant ist zudem die Zusammensetzung des Publikums. Knapp hundert Gäste sind gekommen. Der Gewinner, also Hengst Cyrill Egli, war der Herr über die Gästeliste. Die Kandidaten haben ihre besten Freunde mitgenommen, mit denen sie in ihren Lounges sitzen und die verbleibenden Kandidaten im Bachelorette-Finale anfeuern. Im Hintergrund sitzt eine Heerschar junger Frauen. Die meisten Kandidaten haben die Plätze auf der Gästeliste an ihre weiblichen Fans via Instagram verlost.

Boulevard-Hierarchie

Viele dieser jungen Frauen, die sich für den Anlass hübsch gemacht haben, sitzen aber da wie bestellt und nicht abgeholt. Fast schon sehnsüchtig sehen sie den Kandidaten zu, wie sie mit ihren Freunden scherzen, lachen, saufen – und sie wie Luft behandeln. Apropos. Ich habe bald einen Stamm-Barkeeper. Er heisst Loic und findet den Anlass ebenfalls ein wenig «gspässig». Gegen Ende des Abends beginnt er mit mir ein paar Kurze zu trinken. Anders sei das Ganze ja nicht auszuhalten.
Die Hierarchie ist so simpel wie logisch. Die Kandidaten, die am längsten durchgehalten haben, sind cooler als die anderen. Aber am coolsten ist der ehemalige Bachelor Alan Wey, der sich die Party nicht entgehen lässt. Schon fast ehrfürchtig (auf eine kumpelhafte Weise) wird er auf dem künstlichen Strand begrüsst. Seine TV-Liebe hat übrigens knapp zwei Monate gehalten.
Ob Pferdeflüsterin Rossi und ihr Hengst tatsächlich eine Zukunft haben, steht in den Sternen – oder bald beim «Blick». Ich verlasse die Veranstaltung und leider auch meinen treuen Barkeeper Loic. Aber eine After-Party nach der Party muss dann auch nicht sein. Habe schliesslich die falschen Schuhe an.

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