Wer bestimmt, was unnötig ist?

Wer bestimmt, was unnötig ist?

In der Politik etablieren sich besorgniserregende Begriffe. «Unnötig» ist ein solcher Begriff, der immer häufiger in Vorstössen von Parlamentariern zu finden ist. «Unnötig» ist ein Adjektiv und bedeutet so viel wie: entbehrlich, verzichtbar.

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von Michael Schoenenberger, Partner bei Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten am 21.4.2021, 06:00 Uhr
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Wenn Parlamentarier das Wort benützen, kaschieren sie ihre Begeisterung für Verbote und Steuerung des Individuums.
Es geht bergab. Fliegen ist des Teufels wegen dem Klimawandel. Autofahren ist des Teufels, auch wegen dem Klimawandel. Aber auch, weil wertvoller «Stadtraum» verstopft wird. Das Allerschlimmste, sozusagen die Kumulation alles «Unnötigen», das ist das Fahren eines Motorrads. Denn das fossil betriebene Motorrad beschleunigt ebenso den Klimawandel, es stinkt manchmal gewaltig, und es macht Lärm! Wer nicht gerade damit pendelt, für den ist das Motorradfahren - horribile dictu - Quell der Freude.
Freude, kombiniert mit Lärm? Darf nicht sein.
Also beschloss der Schweizer Nationalrat, «unnötigen Motorenlärm» einzuschränken. Allen Motorradfahrern, die Freude am Brubbeln, Knattern und Lärmen des Motors finden, wird mit dem staatlichen Mahnfinger klipp und klar gesagt: Deine Freude ist «unnötig». Such Dir was anderes. Praktisch auch, dass der Staat gleichzeitig Einnahmen und Selbstbeschäftigung steigern kann: Neue Kontrollen, höhere Bussen, Entzug von Führerscheinen, Lärmblitzer und anderes mehr soll die «unnötige» Freude abbremsen, nein: zum Stillstand bringen.
Staatlicher Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, geht es darum, Freiheiten zu einem vermeintlich höheren Zweck einzuschränken. Und ein Wort hilft dabei besonders.
Es lautet: «unnötig».
Was ist nötig?
Ich frage: Was ist denn «unnötig»?
Und vor allem: Wer entscheidet das?
War es nötig, dass der Kampfjet der Schweizer Armee am Himmel donnerte?
War es nötig, dass der Abwart frühmorgens den Schnee wegräumte?
War es nötig, dass Du ein weiteres Kind auf die Welt stelltest?
War es nötig, mit dem Auto ennet der Grenze einzukaufen?
War es nötig, dass Du mit Deinem Partner Spass hattest?
War es nötig, dass Du Dich mit Deiner Frau strittest?
War es nötig, dass draussen Kinder lärmten?
War es nötig, dass die Kirchenglocken läuteten?
War es nötig, dass Dein Hund bellte?
War es nötig, dass Du schriest?
War es nötig, dass Du...
War es nötig, dass…
War es nötig, …
War es …
War…
«War»: das wird das bestimmende Wort sein, sollten Politiker weiterhin mit dem Adjektiv «unnötig» Politik machen. Denn dann war alles, aber es ist nichts mehr.
Lasst die Sprache klar sein
Liebe Politikerinnen und Politiker, wenn Ihr das nächste Mal einen Vorstoss formuliert, vermeidet das Wort «unnötig». Es ist unnötig.
Lernt Ehrlichkeit, und verwendet stattdessen den Terminus «Verbot».
Korrekt muss das so lauten:
Als Politiker der Grünen bin ich der Ansicht, dass ein zu grosses Bevölkerungswachstum unseren Planeten zerstört. Ich fordere darum ein Fortpflanzungsverbot.
Als Politiker der SP bin ich der Ansicht, dass Religion schon viel zu viel Schaden angerichtet hat. Ich fordere darum ein Verbot des Kirchengeläuts.
Als Politiker der Grünliberalen bin ich der Ansicht, dass frühmorgendlicher Schnee Balsam für die Menschenseele ist. Ich fordere darum ein Verbot von Schneepflügen.
Als Politiker der Mitte (ex CVP-BDP) bin ich der Ansicht, dass Sex nur dann ausgelebt werden darf, wenn damit die Absicht verbunden ist, ein Kind zu zeugen. Ich fordere darum ein Verbot von Spass-Sex.
Als Politiker der FDP bin ich der Ansicht, dass alle anderen Parteien sowieso nur Verbotsparteien sind. Ich fordere darum das Verbot der anderen Parteien.
Als Politiker der SVP bin ich der Ansicht, dass unser Gewerbe in der Schweiz geschützt werden muss. Ich fordere darum ein Verbot, mit dem Auto ennet der Grenze einzukaufen.
Unnötig zu sagen, dass jeder Politiker, der seine wirklichen Triebfedern derart offenlegte, nicht mehr lange ernst genommen und in einem zweiten Schritt wohl abgewählt würde.
Merke, lieber Mitbürger: Wenn jemand das Wort «unnötig» verwendet, dann handelt es sich meist um einen intoleranten Mitmenschen. Und wenn er Politiker ist, dann führt er Handfestes im Schilde.

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