Wer «Tschugger» mag, wird «Tschutter» lieben

Wer «Tschugger» mag, wird «Tschutter» lieben

Die Schweizer können es ja doch: gute Unterhaltung fürs TV kreieren. Die Serie «Tschugger» wird fast durchs Band gelobt. Wer damit bereits durch ist und mehr will, auf den wartet ein «Vorgänger»: «Tschutter». Teilweise ist die Webserie sogar noch lustiger als der aktuelle Streaminghit.

image
von Stefan Millius am 3.1.2022, 13:00 Uhr
Screenshot: Youtube
Screenshot: Youtube
Humor ist Geschmacksache, und vermutlich mag nicht jeder in den Beifall einstimmen, den «Tschugger» kurz nach Veröffentlichung erhalten hat. Mit Sicherheit ist die Koproduktion des Schweizer Fernsehens und Sky Switzerland aber untypisch für das hiesige Filmschaffen: derb, trashig, schnell. Die Story um die sichtlich überforderte Belegschaft eines Polizeipostens im Oberwallis knallt richtig, die Figuren sind herrlich überzeichnet.
Wem's gefallen hat, der hat nun wieder etwas Bildschirmzeit vor sich. Denn dasselbe lässt sich von der Webserie «Tschutter» sagen, die dieselben Macher vor zehn Jahren realisiert haben und die später dank der Verbreitung via «20 Minuten» ein grösseres Publikum gefunden hat. Die Erzählweise ist dieselbe, der Humor ebenfalls. Der grösste Unterschied ist die technische Qualität der Produktion. Anders als damals konnten der Kreateur und Hauptdarsteller David Constantin und seine Leute dank SRF und Sky bei «Tschugger» aus dem Vollen schöpfen – oder zumindest deutlich mehr Geld einsetzen.

Absurdität nahe an der Realität

Allerdings liegt der Charme von «Tschutter» gerade auch in den begrenzten Mitteln. Wer nicht mit Spezialeffekten oder einer ganzen Stadt in Flammen aufwarten kann, muss seine Story anders zwingend machen für den Zuschauer. Im Fall der vier Kollegen, die unverhofft zu einem Platz in einem Fussballclub in der 5. Liga kommen, ist das Wort «Story» aber eigentlich bereits zu gross. Es ist eher eine Sitcom im Freien, Sie ist weder komplex aufgebaut, noch trumpft sie mit raffinierten Wendungen auf. Die einzige Basis ist Absurdität, die deshalb so gut funktioniert, weil sie nahe an der Realität angesiedelt ist.
Was tun, wenn man es von der Ersatzbank aus nur dann aufs Spielfeld schafft, wenn man die Plutoniumstäbe aus einer Gletscherspalte holt, die dort von der Lonza entsorgt wurden? Wie es soweit kommen konnte, ist egal, denn die Protagonisten brauchen keinen nachvollziehbaren Anlass für ihre Unternehmungen nahe dem Abgrund. Stattdessen gilt: Einfach machen. Man geht also hin und holt die Dinger, aber natürlich aus Sicherheitsgründen mit Handschuhen (solchen für den Abwasch).
Der Trailer zu «Tschutter».
Diese Ausgangslage reicht problemlos für eine der zehn Minuten langen Epiosden, man könnte dem verwirrten Trupp auf dieser Mission noch viel länger dabei zusehen. Dass billige Deko-Leuchtstäbe reichen müssen, um Plutonium zu imitieren, ist nicht etwa störend, sondern nur ein weiterer Brüller. Aber zugegeben: Man muss es gesehen haben, um es zu verstehen. Was das Quartett der Hauptdarsteller alles tut, um endlich für ein Spiel aufgestellt zu werden, ist zum einen verrückt und zum anderen stets zum Scheitern verurteilt.

Kleinräumigkeit als Trumpf

Wie «Tschugger» lebt auch «Tschutter» unter anderem von der Tatsache, dass es sich im Wallis abspielt. Es hört sich heimelig und exotisch zugleich an, es sieht idyllisch aus, vor allem aber bietet die Kleinräumigkeit, die selbst ein grosser Kanton aufweisen kann, das perfekte Szenario. Jeder ist mit jedem verwandt, jeder kennt jeden, und deshalb ist es kein Problem, wenn man über Nacht mal schnell Schnaps brennen will oder dringend ein Jägeroutfit braucht.
«Tschugger» ist für Schweizer Verhältnisse sehr mutig, vermutlich dank der Tatsache, dass mit Sky Switzerland ein Mitproduzent an Bord war, der etwas freier im Kopf und mehr der Unterhaltung verpflichtet ist als die SRF-Brigade. Aber «Tschutter» ist im Detail noch ein bisschen irrwitziger. Vielleicht, weil die Episoden anders als bei der neuen Produktion nicht an einen bestimmten Punkt führen müssen und so jede noch so verrückte Idee Platz fand, ohne den roten Faden zu gefährden.
Einziger, wirklich minimaler Kritikpunkt: Die etwas nervigen eingespielten Lacher aus der Konserve. Diese Serie hat es nicht nötig, die Pointen zu markieren.
Hier kann die Webserie «Tschutter» gesehen werden.

Mehr von diesem Autor

image

Tabakwerbeverbot: Auch «Ersatzprodukte» wären betroffen

Stefan Millius18.1.2022comments

Ähnliche Themen