Somms Memo

Wenn Kapitalisten den Kapitalismus beseitigen wollen, stimmt etwas nicht mehr, Teil II

image 15. Juli 2022, 10:35
Brooklyn Nets gegen die Los Angeles Lakers. Ein Spiel in Shanghai, China.
Brooklyn Nets gegen die Los Angeles Lakers. Ein Spiel in Shanghai, China.
Die Fakten: Diverse westliche Firmen wollen in China expandieren. In Amerika und Europa geben sie sich woke, in China bleiben sie stumm. Das Beispiel NBA.

Warum das wichtig ist: Was der Woke Capitalism im Westen zu bekämpfen vorgibt, kümmert ihn im Rest der Welt nicht. Der Westen soll sich bessern – niemand sonst.


Ich habe diese Woche in einem Memo (Nr. 137) auf das überaus anregende Buch von Vivek Ramaswamy hingewiesen, dem amerikanischen Pharma-Unternehmer, der aufzeigt, wie westliche Firmen sich einer Art «Woke Capitalism» ergeben haben:
  • sie sprechen linke Ansichten heilig und schmücken sich mit deren Parolen
  • sie überhäufen linke NGOs mit Geld, in der Hoffnung, von ihnen verschont zu werden
  • und stellen den Kapitalismus zur Disposition, als hätten sie nie etwas damit zu tun gehabt

Ramaswamy führt verschiedene konkrete Beispiele an – und ich will in diesem Memo eines davon näher erläutern.
Kein Fall bietet vielleicht besseres Anschauungsmaterial als die NBA, die Basketball-Profiliga in Nordamerika, ein Milliardenkonzern, der Milliarden von Menschen mit seinen Spielen begeistert. Inzwischen glauben deren Chefs und Eigentümer, auch für Politik zuständig zu sein.
Als im Oktober 2019 die Behörden von Hong Kong, ferngesteuert aus Peking, die Demokratiebewegung in ihrer Stadt immer blutiger unterdrückten, bewegte das auch Daryl Morey, den General Manager der «Houston Rockets», einer bekannten Basketballmannschaft in den USA:
  • «Fight for freedom, stand with Hong Kong» tweetete er
  • Ein Tweet, wie ihn viele im Westen damals absetzten. Wer konnte da anderer Meinung sein?

Morey übersah, wer er war. Die Houston Rockets, sein Arbeitgeber, hatten eben angefangen, den chinesischen Markt zu erobern – was ihnen dank Yao Ming umso leichter fiel. Yao Ming ist ein chinesischer Basketballspieler, der fast zehn Jahre lang für die Rockets gespielt und sie zu beispiellosen Erfolgen geführt hat. Kurz, ein grosser Star, was Ruf und Verdienst anbelangt, aber auch buchstäblich einer der Grössten. Er misst 2,29 m.
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Die Houston Rockets sind nicht allein in China unterwegs, um mit Gastspielen gutes Geld zu verdienen, die gesamte NBA hat China entdeckt. Seit 2008 betreibt sie eine eigene Organisation im Land, die NBA China, um ihre Mannschaften, Merchandising Produkte und TV-Übertragungsrechte zu vermarkten. Noch ist Amerika der wichtigste Markt für die NBA, aber China wird laufend wichtiger.
Denn kaum ein Volk ist Basketball-verrückter, kaum ein Volk ist zahlreicher. Die NBA machte glänzende Geschäfte.
Bis Daryl Morey den Verdacht aufkommen liess, dass ihm Demokratie noch mehr am Herzen lag als das Business der Houston Rockets.
Das chinesische Konsulat in Houston hatte gut aufgepasst. Morey wurde denunziert, und er erlebte jetzt einen echten «Shitstorm», echt, weil hier für einmal eine realexistierende Diktatur zurückschlug:
  • Sein Chef Tilman Fertitta, der Besitzer der Houston Rockets, gab ihn sofort zum Abschuss frei: «Daryl Morey spricht nicht für die Houston Rockets», liess er öffentlich mitteilen
  • Der chinesische Basketball-Verband brach alle Beziehungen zu den Houston Rockets ab
  • Was die NBA dazu bewegte, sich ebenfalls von Morey zu distanzieren. Sein Tweet sei «bedauernswert»
  • Die Houston Rockets überlegten sich, so wurde hinterher bekannt, Morey zu entlassen
  • Alle chinesischen Fernsehstationen stellten die Übertragung von NBA-Spielen ein
  • Nike, die amerikanische Sportartikel-Firma, zog alle ihre Rockets-Waren aus sämtlichen chinesischen Geschäften zurück
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LeBron James.
Die Liste liesse sich mühelos fortsetzen. Am meisten um «Wiedergutmachung» bemühten sich die Spieler der Rockets. Dass sie dabei ihrem Chef in den Rücken fielen, kümmerte sie wenig, näher standen ihnen offensichtlich die Kommunisten in Peking, die so schwer unter Moreys Kritik zu leiden schienen:
  • «Wir entschuldigen uns. Sie wissen, wie wir China lieben», sagte James Harden, ein führender Spieler der Rockets, «Wir lieben es, in China zu spielen»
  • Sogar LeBron James, ein Superstar des amerikanischen Basketballs, meldete sich zu Wort. Unglücklicherweise hielt er sich gerade für ein Gastspiel in China auf, als Morey die Chinesen tadelte. LeBron James behauptete, Morey missbrauche die Redefreiheit: «Ich vermute, er hat keine Ahnung, wie die Lage in China vor Ort ist.»
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LeBron James ist einer der reichsten Basketballspieler aller Zeiten. Also ein Held des Kapitalismus, der zu Recht gut davon lebt, dass Basketball in Amerika ein hochprofitables Geschäft ist, wo die Leistung darüber entscheidet, wer Basketball spielt und nicht die Hautfarbe.
Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass der amerikanische Kapitalismus farbenblind ist, dann LeBron James selbst. So gut wie alle Spitzenspieler der NBA sind schwarz.
Trotzdem unterstützt LeBron James Black Lives Matter, eine linksextreme Organisation, die davon ausgeht, dass die USA eines der rassistischen Länder der Welt sind.
Und China? Ein Land, wo religiöse und ethnische Minderheiten wie etwa die Christen, die Tibeter oder die muslimischen Uiguren systematisch verfolgt werden? Dazu fällt LeBron James nichts ein.
Nach wie vor knien die NBA-Spieler vor jedem Spiel, wenn die amerikanische Nationalhymne erklingt. Aus Protest gegen die Unterdrückung der Schwarzen in ihrem Land. In China solches zu tun – zum Beispiel indem sie für die Tibeter oder die Uiguren in die Knie gingen – käme ihnen nie in den Sinn.
Geschäft ist schliesslich Geschäft.
Vivek Ramaswamy bilanziert:
«Mit dieser Doppelmoral helfen sie den chinesischen Kommunisten ihre repressiven Taten zu rechtfertigen. Sie leihen ihnen sozusagen ihre eigene moralische Autorität: Ausgerechnet jene Leute im Westen, von denen man weiss, dass sie alles kritisieren, kritisieren China nie».
Weil es nichts zu kritisieren gibt?

Ich wünsche Ihnen ein wundervolles Wochenende und einen schönen Sommer Markus Somm


P.S. Mit diesem Memo verabschiede ich mich in die Memo-Sommerpause. Das nächste Memo erscheint am 15. August 2022. Ich bedanke mich für Ihr Interesse und ihre Treue, die vielen Zuschriften und die aufmerksame Kritik. Es ist eine Freude und eine Ehre.

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