Somms Memo

Wenn Kapitalisten den Kapitalismus beseitigen wollen, stimmt etwas nicht mehr

image 12. Juli 2022, 10:00
Vivek Ramaswamy, ein Kapitalist, der sich um den Kapitalismus Sorgen macht.
Vivek Ramaswamy, ein Kapitalist, der sich um den Kapitalismus Sorgen macht.
Die Fakten: In Amerika geben sich grosse Firmen «woke», sie bekämpfen Rassismus, Sexismus und die «Herrschaft der Weissen», sie machen Klimapolitik.

Warum das wichtig ist: Wenn Kapitalisten die besseren Kommunisten sein wollen, stimmt etwas nicht mehr. «Woke Capitalism» durchseucht den Westen.


Vivek Ramaswamy ist ein Unternehmer und besitzt ein Vermögen von rund 500 Millionen Dollar. Aufgewachsen in Ohio als Kind indischer Einwanderer, hat er in Harvard Molekularbiologie studiert und in Yale Jura, um zuerst für einen Hedge Fund zu arbeiten und dann eine eigene Biotech-Firma zu gründen, die ihn zum halben Milliardär gemacht hat.
Dann passierte es.
  • Im Mai 2020 tötete in der amerikanischen Grossstadt Minneapolis Derek Chauvin, ein weisser Polizist, George Floyd, einen schwarzen Verdächtigen – auf ausgesprochen brutale Art und Weise
  • Das löste im ganzen Land monatelange Proteste aus. Dabei spielten Aktivisten der linken Bewegung Black Lives Matter eine führende Rolle: sie demonstrierten, verprügelten Passanten, verwüsteten Geschäfte, griffen Polizisten an, zündeten fremdes Eigentum an. Die US-Versicherungen stellten Schäden in der Höhe von gegen 2 Milliarden Dollar fest. Zahlreiche Menschen kamen um
  • Dennoch galt BLM als populär. Manche Firmen solidarisierten sich mit BLM, viele spendeten riesige Beträge an die Bewegung. BLM war schick – und wer sich nicht hinter BLM stellte, wurde scheel angeschaut

So auch Vivek Ramaswamy. Der CEO der Pharmafirma Roivant Sciences, die ihm selbst gehörte, kam unter Druck. Zwar hatte er in einem Email an die gesamte Belegschaft seine Erschütterung über den «tragischen Tod» von Floyd ausgedrückt, das reichte aber den meisten seiner Mitarbeiter nicht: Sie erwarteten, dass auch er sich gegen den angeblichen «systemischen Rassismus» in Amerika aussprach und BLM unterstützte.
Er tat es nicht – und realisierte bald, dass er so seine Firma nicht mehr führen konnte. Mitarbeiter reklamierten, Investoren drohten mit Rückzug, Manager schüttelten den Kopf. Wenig später trat er als CEO zurück. Und schrieb ein Buch, das sogleich die Bestsellerlisten der USA anführte, weil es offensichtlich einen Nerv traf:
«Woke Inc. Inside The Social Justice Scam»; auf deutsch etwa: «Links AG. Bericht aus dem Innern des Soziale-Gerechtigkeits-Betrugs», wobei «woke», also erweckt, mehr ist als links:
  • Woke nennt man in Amerika eine Bewegung, die radikal, militant und unerbittlich eine ausgeprägt linke Politik verfolgt
  • Vor allem junge Leute, die das College besuchen und oft aus den besten Familien stammen, schliessen sich dieser wachsenden Strömung an
  • Sie halten Amerika für unheilbar sexistisch und rassistisch, sie fordern einen grundlegenden Umbau des Landes, um die «Vorherrschaft der Weissen» zu brechen, insbesondere jene des «alten weissen Mannes» – wobei die meisten selber weiss sind. Eine Art «White Guilt», weisse Schuld treibt sie an
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Wenn man weiss, woher Ramaswamy kommt, dann klingen die Vorwürfe, die man ihm in seiner eigenen Firma machte, umso grotesker. Weisse Kinder aus der oberen Mittelschicht, mit besten Abschlüssen von Universitäten der Ivy League in der Tasche und sicheren Erbschaften in Aussicht, hielten ihm, dem dunkelhäutigen Aufsteiger armer Eltern, vor, sich zu wenig gegen «systemischen Rassismus» einzusetzen, wenn doch seine eigene Karriere bewies, dass er wohl besser wusste, worum es ging.
In der High School war er, der «kleine Inder», von den Mitschülern solange gehänselt worden, bis ihn die Eltern an eine private Jesuitenschule schickten, wozu sie nur in der Lage waren, weil ihr Bub dank Talent ein Stipendium erhalten hatte.
Dann erlebte er den Segen des amerikanischen Kapitalismus, der entgegen den ideologischen Vorurteilen der Linken farbenblind jenen begünstigt, der etwas riskiert und etwas kann, was andere nicht können.
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Proteste nach dem Tod von George Floyd in Washington DC, 2020.
Umso erschütterter stellte Ramaswamy fest, wie die Kapitalisten selbst nun den Glauben an den Kapitalismus verloren zu haben schienen.
In Amerika haben sich inzwischen manche der grössten und renommiertesten Unternehmen der Agenda der Woke-Bewegung unterworfen
  • Unter dem Stichwort ESG (Environmental, Social, and Corporate Governance) – ESG (zu Deutsch etwa: Umweltbewusste, soziale und ethische Unternehmensführung) wollen sie unter anderem das Klima retten, den Rassismus bekämpfen und das Patriarchat überwinden
  • Dabei finanzieren sie jene, von denen sie am meisten kritisiert werden, sie überhäufen linke NGOs mit Millionenspenden, in der Hoffnung wohl, nicht mehr so hart kritisiert zu werden, – mit dem Ergebnis aber, dass sie der Linken im Kern recht geben
  • Oft klaffen Anspruch und Wirklichkeit allerdings auseinander. Häufig predigen die hochbezahlten Unternehmensführer am Sonntag das Woke-Evangelium – um werktags das Gegenteil zu tun, wenn niemand mehr in der progressiven Kirche sitzt. Sie vermindern wortreich den hohen CO2-Ausstoss ihrer Firmen – auf Kosten ihrer Aktionäre – und nehmen den Privatjet, um an den nächsten Aktionärstag zu fliegen
  • Und die NGOs, denen sie Spenden zugesteckt haben, helfen ihnen auch dabei. Es ist ein Geschäft, das auf Gegenseitigkeit beruht: Wer einem NGO zahlt und Besserung verspricht, wird geschont, selbst, wenn er sich gar nicht gebessert hat. Worte statt Taten

Triumph der Heuchelei. So unterstützen in den USA inzwischen Rüstungskonzerne pazifistische NGOs und Organisationen, die sich dem Kampf gegen das liberale Waffenrecht verschrieben haben. Und wer in der Öl-Industrie sein Geld gemacht hat, schliesst sich einer Umweltorganisation an, die die Atomenergie bekämpft.
Ramaswamy führt Dutzende solcher Beispiele an, bei denen es sich lohnt, sie im Detail zu studieren. Aus zwei Gründen:
  • In der Regel werden solche «politisch korrekten» Firmen nicht von Eigentümern geführt, sondern von Managern. Es handelt sich auch um ein Principal-Agent-Problem: Es befiehlt nicht, wer zahlt, sondern es befiehlt, wer bezahlt wird. Manager sonnen sich in der Öffentlichkeit, indem sie «woke», also «gut» sprechen und handeln, ohne für die Kosten aufkommen zu müssen
  • Sie bedrohen damit auch die Demokratie. Weil sie grosse Firmen hinter sich wissen, nehmen sie mehr politischen Einfluss, als ihnen als einzelnem Bürger zustünde. Sie stellen sich keinen Abstimmungen, sie stellen sich keinen Aktionären, sie stellen sich an die Seite jener, die sich wie NGOs und internationale Organisationen zusehends dem demokratischen Prozess entziehen

Vivek Ramaswamy stellt fest: «Der neue woke-industrielle Komplex gewinnt seine Macht, indem er uns als Volk auseinandertreibt. Wenn Konzerne uns sagen, welche Werte wir gut finden sollen, dann trennen sie ganz Amerika in eine Stammesgesellschaft auf».
Noch erkennen wir in der Schweiz bloss erste Anzeichen dieses «Woke Capitalism», doch machen wir uns nichts vor. Was in Amerika sich heute durchsetzt, wird morgen genauso in Europa zur Regel. Im nächsten Memo werde ich ein paar konkrete Auswüchse dieses Woke Capitalism schildern, wo Kapitalisten selbst dafür sorgen, dass jene recht bekommen, die noch nie mit dem Kapitalismus etwas anzufangen wussten.
Ist es Dekadenz? Ist es Eitelkeit? Jedenfalls verhalten sich viele Manager so, als wären sie alles: Politiker, Umweltaktivisten, Sozialarbeiter und Feministen, – nur eines wollen sie nicht mehr sein: Manager, die Wohlstand schaffen, indem sie ihre Firma zum Erfolg führen.
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Milton Friedman, Ökonom und Nobelpreisträger (1912-2006).
Das Thema ist nicht neu. Schon Milton Friedman, der grosse Liberale, wusste um die Versuchung, die wohlmeinende, aber naive Unternehmer und Manager immer wieder lockt. Deshalb warnte er:
«Die soziale Aufgabe, eines Unternehmens, ist es, Gewinne zu machen. Je höher der Gewinn ist, desto sozialer verhält sich der Unternehmer.»

Ich wünsche Ihnen einen prächtigen Tag Markus Somm


P.S. Vivek Ramaswamy, Woke Inc. Inside The Social Justice Scam, (Hachette Book Group) New York 2021, 358 Seiten, 36 Franken.

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