Weltklimarat-Bericht: Aufgeregte Reaktionen aus der Politik. Warum eigentlich so hysterisch?

Weltklimarat-Bericht: Aufgeregte Reaktionen aus der Politik. Warum eigentlich so hysterisch?

Ja, der Klimawandel sorgt für Veränderungen auf unserem Planeten. Aber so schlimm, wie es unsere Politiker darstellen, scheint die Lage nicht zu sein.

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von Sebastian Briellmann am 10.8.2021, 17:30 Uhr
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Der sechste Bericht des Weltklimarats (IPCC) hat Politiker, vornehmlich aus dem linken Lager, in helle Aufregung versetzt, auch in der Schweiz. Grünen-Nationalrätin Regula Rytz (BE) fordert «Sofort-Massnahmen», «jetzt», da niemand das Recht habe, «die Lebensgrundlagen der kommenden Generationen zu zerstören!»
SP-Nationalrat Roger Nordmann (VS) fordert: Förderung von Gebäudesanierungen, EU-Normen für Fahrzeuge, erneuerbaren Strom, Alternativen zum Flugverkehr und eine Regulierung des Finanzplatz. «Jetzt.»
Und ETH-Klimaforscherin Sonia Seneviratne sagt im «Tages-Anzeiger»: «Es gibt Entwicklungen, die nicht mehr aufzuhalten sind.»

Wenig überraschender Fokus

Nicht in Panik gerät Axel Bojanowski, Geologe und renommierter Wissenschaftsjournalist der «Welt», wenn er die Erkenntnisse des IPCC-Berichts analysiert. Der Weltklimarat, der «keine Ratschläge erteilt, sondern nur den Wissensstand gewichtet», gebe den «Sachstand» zum Klimawandel in «seriöser Weise» wieder – er lege «plausibel dar, dass sich die Menschheit wohl auf weitere zwei Grad Erwärmung einstellen muss, mit zunehmender Hitze, Gletscherschmelze und einem Meeresspiegelanstieg, der auf Jahrhunderte hinaus bedrohlich werden dürfte. Örtlich werde sich auch das Dürrerisiko verschärfen.»
Was für Bojanowski auf Jahrhunderte bedrohlich ist, ist bei vielen Politikern: «jetzt».
Interessant ist auch, dass der Fokus der medialen Berichterstattung auf den extremen Wetterereignissen liegt – was aber nicht weiter überrascht, bezieht sich diese auf die 42-seitige Zusammenfassung für «politische Entscheidungsträger», bei der die Regierungen um jede Formulierung mit den Autoren kämpfen. Der gesamte IPCC-Bericht ist über 3900 Seiten stark – innerhalb von Tagen ist dieser wohl kaum seriös wiederzugeben. Klar ist nur: Die Aussagen der Forscher lesen sich nicht drastisch besorgter als beim letzten Bericht vor sieben Jahren.

Unrealistische Szenarien

Bojanowski kritisiert zudem eine «entscheidende Schlagseite»: Der Bericht präsentiere extreme Klimaszenarien, die von Experten als unrealistisch eingestuft worden seien. Er bezieht sich dabei auf Zeke Hausfather und Glen Peters, zwei der renommiertesten Experten für Klimaszenarien. Das ist insofern problematisch, da extreme Szenarien eher medial verbreitet werden. Ebenfalls nicht im Bericht erwähnt wird die Debatte über die Präzision von Klimamodellrechnungen – über die es intensive Debatten unter Experten gibt.
Die Unsicherheiten der Modelle, Bojanowski nennt es «die gruselige Erkenntnis des Unwissens», bringen die Politiker aber nicht davon ab, sofortige und kostspielige Massnahmen zu fordern. Diese bestehen aus der Förderung von erneuerbaren Energien – bei einem gleichzeitigem Ende der Förderung von sämtlichen fossilen Energieträgern.

Kernkraft? Schweigen...

Damit wird ignoriert, dass der Weltklimarat vor zwei Jahren empfohlen hat, dass es neben der Förderung von erneuerbarer Energie auch Atomkraft und CO2-Speicherung brauche, um die CO2-Emissionen zu minimieren. Und zwar mindestens zwei – aber am besten alle drei – dieser Massnahmen. Über diese Möglichkeiten ist aber sowohl bei Wissenschaftlern, Politikern und den Medien aktuell nichts zu vernehmen.
Während im Westen apokalyptische Szenarien skizziert werden und der eigene (minimale) CO2-Ausstoss gebrandmarkt wird, kümmert sich China, das für 27 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich ist, übrigens nicht übermässig um den neuen IPCC-Bericht. Das chinesische Aussenministerium teilt der Nachrichtenagentur AFP lapidar mit: «Die internationale Gemeinschaft muss volles Vertrauen in die Umsetzung der chinesischen Klimaschutzmassnahmen haben.»

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