Wegweisung aus dem Leben: die Alten in den Heimen

Wegweisung aus dem Leben: die Alten in den Heimen

Wenn es eine Generation gibt, die in dieser Pandemie berechtigten Grund zur Klage hat, dann sind es die Alten in den Heimen. Sie hat man – oft gegen ihren Willen – ihrer Freiheit beraubt, sie wochen- und monatelang eingesperrt und viele von ihnen in den Tod getrieben.

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von Gottlieb F. Höpli am 9.4.2021, 08:05 Uhr
Bild Shutterstock.com
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Die einen beklagen sich lautstark, weil sie 30 Tage lang die Stadt St.Gallen nicht mehr betreten dürfen, um Partys zu feiern: die Jungen. Sie begehren auf, weil ihnen die Pandemie Jahre ihres Lebens gestohlen habe. Das Mitgefühl von Politikern, Psychologinnen und Medien ist ihnen gewiss.
Die anderen beklagen sich höchstens ganz leise, haben aber noch viel mehr Grund zur Klage. Weil der Rayon, den sie nicht mehr betreten dürfen, nicht eine Innenstadt, sondern die ganze Welt umfasst: die ganze Welt, minus die 15-20 Quadratmeter ihres Zimmers im Heim, in dem sie eingesperrt sind – sehr oft gegen ihren Willen. Es sind die Alten in den über 1500 Alters- und Pflegeheimen unseres Landes. Sie wurden, ohne gefragt zu werden, aus dem Leben weggewiesen. Viele von ihnen haben dadurch irreparable Schäden erlitten. Sie werden den Weg zurück ins Leben nicht mehr finden und sterben vor ihrer Zeit. Sie verlieren nicht einfach ungezählte Lebensjahre, sie verlieren das Leben, tout court. Wo bleibt nur diese Statistik, Herr Bundesrat Berset, verehrtes BAG?
Gewiss, wir werden ermahnt, man dürfe die Generationen nicht gegeneinander ausspielen. Aber die Mahner wenden sich dann in der Regel gleich wieder jenem Teil der Pandemie-Betroffenen zu, bei denen öffentlichkeitswirksam Punkte zu holen sind: bei den Jungen. Und überbieten sich mit Vorschlägen, was getan werden könnte, um diese benachteiligte Bevölkerungsgruppe «endlich zu Wort kommen» zu lassen. Mit neuen Gesprächsangeboten, Jugendbeauftragten und -kommissionen.
Die Bewohnerinnen und Bewohner der Alters- und Pflegeheime und die fast ebenso grosse Zahl derer, die sie pflegen und betreuen, werden seit dem Beginn der Pandemie und bis heute alleingelassen. Schlimmer noch: Sie werden mit Massnahmen und Vorschriften überschwemmt, die oft widersprüchlich, sinnlos oder schlicht undurchführbar sind. Weil die entsprechende materielle Hilfe in der Form von Schutzausrüstungen, zusätzlichen Helfern (Armee, Zivilschutz) und Finanzen ausbleibt. Gefragt wurden sie schon gar nicht. Nicht die Betroffenen, nicht die Verantwortlichen.
Den bisher ausführlichsten Report über die Misere hat soeben der Tages-Anzeiger veröffentlicht. Immerhin. Derweil sich die mit unseren Zwangsbeiträgen gefütterten SRG-Medien nach wie vor hauptsächlich als Mediensprecher des BAG und des Bundesrates betätigen. In den zum Teil erschütternden Aussagen von Altersheim-Verantwortlichen und -Bewohnern wird die ganze Misere, nein: das Versagen der behördlichen Pandemiepolitik sichtbar. So, wenn in einem Heim die Haupteingangstür geschlossen werden musste, um die Bewohner von der Flucht aus der erzwungenen Einzelhaft abzuhalten. Die ja zum Teil sogar für Geimpfte gilt. Oder wenn Demenzkranke, die nicht verstehen, was mit ihnen geschieht, nicht mehr sprechen, die Nahrung verweigern, bis sie schliesslich elendiglich sterben. Als «gross» oder «eher gross» bezeichnen die befragten Heimverantwortlichen denn auch die negativen psychischen Folgen der Abriegelung. Diese verursachten in den Heimen nach Aussagen der Verantwortlichen zum Teil mehr Todesfälle als die Pandemie selbst.
Die St.Galler Behörden erwägen, so liest man, einen Teil der Wegweisungen gegenüber den für 30 Tage ausgesperrten Jugendlichen zurückzunehmen. Die Wegweisung aus dem Leben, welche die Pandemie-Massnahmen in Alters- und Pflegeheimen bewirkt haben, kann kein Bundesrat und kein BAG mehr zurücknehmen.
Es soll Politiker geben, die sich schon für geringeres Versagen entschuldigt haben.
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