Wegen des Gesangsverbotes gibt es in der Kirche jetzt Senioren-HipHop im Namen Gottes

Wegen des Gesangsverbotes gibt es in der Kirche jetzt Senioren-HipHop im Namen Gottes

Weil Singen verboten ist, haben einige Kirchen den Sprechgesang entdeckt. Jetzt rappen im Gottesdienst sogar die Senioren.

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von Stefan Bill am 23.4.2021, 11:30 Uhr
Bild: Shutterstock
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Letzten Sonntag war ich wieder einmal in der Kirche. Die Lieder, die gesungen werden sollten, waren, wie üblich, an einer Wand angezeigt. Doch als die Orgel zu spielen begann, sagte der Pfarrer nur: «Und nun beten wir gemeinsam die angegebenen Strophen.»
Ich war etwas verwirrt, wusste nicht, was das heissen sollte. Bereits zu Beginn des Gottesdienstes hatte ich das Gesangbuch an der richtigen Stelle aufgeschlagen, war also vorbereitet. Ich füllte meine Lungen mit Luft und wollte zu singen anfangen, da begann der etwa 80-jährige Mann neben mir zu rappen. Dass man das so nennt, wusste er vermutlich selbst nicht. Doch er tat es mit einer Überzeugung, die ich so nicht erwartet hatte. Fehlte nur noch, dass er im Takt mit dem Arm wippte. Die ganze Gemeinde stimmte mit ein. Das warf mich völlig aus der Bahn. Ich verpasste den Einsatz, und es dauerte eineinhalb Verse bis ich verstand, dass dieses «Sprechgesang-Gebet», das hier aufgeführt und von der gesamten Gemeinde mitgetragen wurde, auf das Singverbot zurückzuführen ist, das letzten Oktober vom Bund eingeführt wurde. Ich hatte es schon längst wieder vergessen, zu viele neue Regeln und Verordnungen kamen seither hinzu. Wieso Sprechen zur Musik erlaubt sein soll, Singen hingegen nicht, habe ich allerdings nie richtig verstanden. Zumal die Kirchgänger in der Regel nicht dafür bekannt sind, in der Kirche besonders laut zu singen und so mehr Tröpfchen auszustossen. Und wenn doch, trug ja jeder eine Maske.
Wieder zuhause konsultierte ich Google und stellte fest, dass die Kirche selbst ebenso verwirrt über die Bestimmungen ist, wie ich. Die reformierte Landeskirche meldete am 14. April, dass der Gesang im Gottesdienst weiterhin verboten bleibe und berief sich dabei auf eine Auskunft des BAG. Einen Tag später meldete der «Tagesanzeiger», dass das Singen wieder erlaubt sei. Beim BAG auf der Webseite steht aktuell:
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Bild: BAG
Ab diesem Sonntag darf in der Kirche also offiziell wieder gesungen werden. Allerdings nur vom Publikum, nicht von Chören und nur mit Maske. Das Bild des rappenden Grossvaters in der Kirche werde ich demnach voraussichtlich nicht mehr sehen. Als grosser HipHop-Fan war es für mich aber ein Segen, dies gerade noch miterlebt zu haben.

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