Wasserstoffpläne der SVP: Gut, aber teuer

Wasserstoffpläne der SVP: Gut, aber teuer

SVP-Nationalrat Christian Imark will mit dem breiten Einsatz von Wasserstoff das CO2-Gesetz überflüssig machen. H2 soll für den Antrieb von Fahrzeug verwendet werden, sowie um zu heizen und Strom zu speichern. Technisch ist das machbar, aber die Kosten sind hoch.

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von Alex Reichmuth am 11.5.2021, 10:00 Uhr
Wasserstoff eignet sich für den Antrieb von Lastwagen. Bild: Shutterstock
Wasserstoff eignet sich für den Antrieb von Lastwagen. Bild: Shutterstock
Christian Imark ist Kampagnenführer der SVP gegen das CO2-Gesetz, über das am 13. Juni abgestimmt wird. Das Gesetz, mit dem der Ausstoss an Klimagasen bis 2030 auf 50 Prozent gesenkt werden soll, sei teuer, nutzlos und ungerecht, sagen die Gegner. Imark hat vor kurzem einen 10-Punkte-Plan zur Senkung der Treibhausgas-Emission vorgestellt, der anstelle des CO2-Gesetzes umgesetzt werden soll.
Zentral bei diesem Plan ist der Einsatz von Wasserstoff. Das Gas mit dem chemischen Kürzel H2 kann durch Elektrolyse gewonnen werden. Dabei wird Wasser unter Verwendung von Elektrizität in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespaltet. Kommt bei diesem Verfahren erneuerbarer Strom zum Einsatz, spricht man von grünem Wasserstoff. H2 kann unter Verwendung von Kohlendioxid auch in andere Biokraftstoffen verwandelt werden, die unter dem Begriff E-Fuels bekannt sind.

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Christian Imark. Bild: zVg

Bei Wind- und Solarstrom, den die Schweiz in grossem Mass fördern will, besteht das Problem, dass diese Energieformen wetterabhängig anfallen. Wenn die Sonne scheint und der Wind geht, kann man viel Elektrizität herstellen – oft mehr als verbraucht wird. Bei Flaute und Dunkelheit hingegen fehlt der Strom. Wasserstoff kann hier als Speicher dienen: Durch Elektrolyse wird überschüssiger Strom in H2 umgewandelt. Dieser wird bei einer Mangellage in einer Brennstoffzelle verbrannt und so wieder zu Strom transformiert.

Breite Anwendung im Verkehr

Christian Imark will Wasserstoff in grossem Stil zur Speicherung von überschüssigem Solarstrom einsetzen. Auch die Kapazitäten von Lauf-Wasserkraftwerken seien mit dieser Speichermöglichkeit besser nutzbar, schreibt er im 10-Punkte-Plan. Der gewonnene Wasserstoff soll unter anderem für den Antrieb von Fahrzeugen genutzt werden. Imark propagiert eine «umfassende Wasserstoffmobilität». Autos, Lastwagen, ja sogar Züge könnten mit H2 angetrieben werden. Daneben soll H2 auch zum Heizen eingesetzt werden.
Wie sind Imarks Wasserstoffpläne einzuschätzen? Patrick Huber ist Verwaltungsratspräsident von H2 Energy. Das Unternehmen will grünen Wasserstoff und die Brennstoffzellen-Technologie etablieren, um so gegen den Klimawandel zu kämpfen. Zusammen mit Hyundai hat H2 Energy das Joint Venture Hyundai Hydrogen Mobility auf die Beine gestellt. Der südkoreanische Autobauer hat die Schweiz als Testmarkt für Wasserstoff-Fahrzeuge auserkoren und will bis 2023 tausend wasserstoffbetriebene Lastwagen auf die Strasse bringen. Die ersten 46 Trucks sind bereits ausgeliefert. Der Betrieb von Wasserstoff-LKWs soll die Infrastruktur für H2-Mobilität voranbringen. Derzeit gibt es in der Schweiz sieben Wasserstoff-Tankstellen. Bis 2023 sollen es 50 bis 100 sein.

Keine technologischen Hindernisse

Für Patrick Huber steht das CO2-Gesetz zwar in Einklang mit einer grünen Wasserstoff-Strategie, die auch von H2 Energy vertreten wird. Christian Imarks 10-Punkte-Plan sollte aber dennoch diskutiert werden, sagt Huber. «Technologisch sehe ich keine Hindernisse, weil die Technologie erprobt ist und sich bewährt hat.» Allerdings könne die Wasserstoff-Technologie nicht alle Aufgaben in der Mobilität wahrnehmen. «Für gewisse Bereiche – vor allem, wenn sehr kleine Energiemengen gebraucht werden – eignen sich Batterien besser.»
Die Umwandlung von überschüssigem Strom in Wasserstoff sei sinnvoll, so Patrick Huber. «Ich sehe keine Alternative, wozu Überschussstrom sonst verwendet werden sollte.» Denn Pumpspeicherkraftwerke seien nur begrenzt verfügbar, und Batterien hätten nicht genügend Energiedichte, um als Speicher grosser Strommengen zu dienen.

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Patrick Huber, VR-Präsident von H2 Energy. Bild: zVg

Huber ist erwartungsgemäss überzeugt, dass Wasserstoff als Antrieb im Strassenverkehr geeignet ist. Bei kleinen Distanzen sei allerdings auch der Batterienantrieb eine Lösung. Im Schweizer Bahnbetrieb solle man bei der Elektrifizierung bleiben. Diese schneide punkto Energieeffizienz und Kosten besser ab.

Ist genügend Wasserstoff vorhanden?

Wasserstoff eigne sich grundsätzlich auch um zu heizen, sagt Huber. Die Frage sei aber, ob genügend H2 vorhanden sei. Im Wohnbereich seien auch Wärmepumpen und Solarthermie sehr gute Lösungen.
Ein entscheidender Punkt beim Einsatz von grünem Wasserstoff sind die Kosten. Patrick Huber ist hier optimistisch – etwa, was den Einsatz von H2 im Verkehr angeht. «Für einen Personenwagen ist Wasserstoff heute als Treibstoff weniger teuer als Benzin.» Bei Lastwagen komme Wasserstoff zwar teurer als Diesel. Dieser Kostenunterschied werde aber dadurch kompensiert, dass die Leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe (LSVA) bei H2-Trucks wegfalle. Das sei gerechtfertigt, denn die externen Kosten von Wasserstoff-Lastwagen seien kleiner als die von Diesel-Lastern.

«So, wie die SVP es vorschlägt, wären die Kosten der gesamten Produktionskette heute so hoch, dass eine Kilowattstunde erneuerbarer Wasserstoff fünfmal teurer als fossiler Brennstoff wäre.»

Christian Zeyer, Swisscleantech, gegen dem «Blick»

Weniger zuversichtlich punkto Kosten ist allerdings Christian Zeyer, Geschäftsführer des Wirtschaftsverbandes Swisscleantech. Die Herstellung von Wasserstoff sei momentan noch «zu teuer», sagt er zum «Blick». «So, wie die SVP es vorschlägt, wären die Kosten der gesamten Produktionskette heute so hoch, dass eine Kilowattstunde erneuerbarer Wasserstoff fünfmal teurer als fossiler Brennstoff wäre.»

Europa setzt auf Wasserstoff

Schlecht bezüglich der Kosten schnitten Wasserstoff und E-Fuels auch in einer neuen Studie unter Mitwirkung des schweizerischen Paul-Scherrer-Instituts ab, die im Wissenschaftsmagazin «Nature Climate Change» erschienen ist. Die Autoren rechneten vor, dass die Vermeidung einer Tonne CO2 mit diesen Kraftstoffen auf 880 bis 1300 Franken zu stehen kommt. Im Europäischen Emissionshandelssystem kostet eine Tonne CO2 jedoch nur etwa 44 Franken.
Es ist zu erwarten, dass die Kosten von Wasserstoff und E-Fuels mit zunehmender Verbreitung sinken. In Europa ist Wasserstoff jedenfalls auf dem Vormarsch. Deutschland hat letztes Jahr eine H2-Strategie verabschiedet und will bis 2030 Erzeugungsanlagen mit einer Gesamtleistung von bis zu fünf Gigawatt aufbauen – was fünfmal der Leistung des AKW Gösgens entspricht. Auch die EU will zur Vorreiterin von Wasserstoff als Energieträger werden und hat angekündigt, bis 2030 jährlich zehn Millionen Tonnen H2 produzieren zu wollen.

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