Was wird zukünftigen Lehrer*innen über Geschlecht gelehrt? (Teil 1)

Was wird zukünftigen Lehrer*innen über Geschlecht gelehrt? (Teil 1)

Es gibt nicht nur zwei Geschlechter. Weder in den Sozialwissenschaften und schon gar nicht in der Biologie. Das lernen zukünftige Lehrpersonen an der Pädagogischen Hochschule Bern. Eine Reportage von der Gender-Front.

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von Maria-Rahel Enggist am 24.6.2021, 04:03 Uhr
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In der Vorlesungsreihe der pädagogischen Hochschule Bern (PH Bern) zum Thema «Kindheiten und Lebenswelten» unterrichten Simone Marti und Simone Suter, angehende Lehrpersonen im zweiten Semester, unter anderem über Geschlechterverhältnisse in der Gesellschaft.
Die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer sollen so auf die Herausforderungen des Unterrichtens vorbereitet und für dieses Thema sensibilisiert werden. Wie sie das machen, zeigen folgende Ausschnitte der Online-Vorlesung des Frühlingssemesters 2021:
«Willkommen zu dieser Vorlesung über Geschlechterverhältnisse in der Gesellschaft.» So begrüsst Simone Marti den ‘Online-Hörsaal’. «Simone Suter und ich, Simone Marti, freuen uns, Sie durch diese Vorlesung und eine nächste Vorlesung mit dem Thema Geschlecht hindurchzuführen und hoffen für Sie spannendes und neues Wissen bereit zu stellen.» Das Bild von Marti ist oben rechts auf dem Bildschirm zugeschaltet. Ihr Blick ist gesenkt, wahrscheinlich liest sie einen vorbereiteten Text ab.
«Weshalb ist nun die Geschlechterthematik von Bedeutung für Sie als angehende Lehrpersonen… und auch als Menschen?«, fragt Marti.

Revolution als Alltag

Simone Marti ist Dozentin am Institut für Vorschulstufe und Primarstufe an der PH Bern. Sie ist Sozialanthropologin, und Mitglied des Migrant Solidarity Network, sowie des Kollektivs RaAupe und der Wohnbaugenossenschaft Aarestrand Bern. Das Kollektiv RaAupe postuliert “Revolution als Alltag” und arbeitet an einer “Anleitung zur Utopie”. (RaAupe – Link.)

Die aktuelle binäre also zweigeschlechtliche Mann-Frau-Ordnung stelle einer der grundlegendsten Unterscheidungen dar mit der Menschen in dieser Gesellschaft eingeteilt würden. Geschlecht sei in der gegenwärtigen Gesellschaft eine Dimension sozialer Ungleichheit.
Und deshalb, weil Geschlecht unser aller Leben so stark präge, gelte es sich auch als angehende Lehrperson Wissen anzueignen, um diese Geschlechterordnung reflektieren zu können und gegebenenfalls die Ungleichheiten zu minimieren. «So, dass alle Schüler ‘STERN’ Innen ihr Leben frei von Geschlechternormen gestalten könnten», findet Marti.
Marti spricht den «Stern» tatsächlich aus – , anstelle des umgänglicheren «Schüler und Schülerinnen».

«Sozialwissenschaftlicher Blick auf Geschlecht»

Nach dieser Einführung von Marti macht als nächstes Suter die Studierenden mit dem Thema «Sozialwissenschaftlicher Blick auf das Geschlecht» vertraut. Dabei bedient sich Suter der sozialkonstruktivistischen Anschauung. Der Fokus sei dabei, so erklärt Suter, auf den sozialen Aspekt von Geschlecht und die soziale Konstruiertheit von Geschlechterdifferenzen gerichtet.

Ex-Lehrerin

Simone Suter war Lehrerin, bevor sie eine Hochschulausbildung an der Universität Bern in Erziehungswissenschaften antrat. Seit 2011 ist sie Dozentin am Institut Vorschulstufe und Primarstufe PH Bern im Bereich Sozialwissenschaften und absolvierte ihr Doktorat im 2016 im Fachbereich der Soziologie.

Suter macht in diesem Abschnitt unter anderem auch einen Exkurs in die humanbiologische Forschung, um die sozialwissenschaftliche Perspektive durch die Naturwissenschaft zu untermauern.

Frau und Mann als Idealtyp gibt es nicht

Das sieht dann in etwa so aus:
«[...] Deshalb ist der Blick umso spannender in die humanbiologische Forschung, weil genau dort eigentlich betont wird, dass diese Übergänge zwischen den Geschlechtern also zwischen dem was wir als Mann und Frau bezeichnen als Idealtypen in der Biologie so kategorisch nicht vorkommen.»
Suter möchte mit Ihren Ausführungen zu diesem Thema die aktuelle Lage zur humanbiologischen Geschlechterforschung aufzeigen und erklären, dass es die strikte Zweiteilung von Mann und Frau in der Biologie so nicht (mehr) gibt. Sie benutzt sozialwissenschaftliche Quellen, um zu erklären, weshalb es die biologischen Geschlechter nicht gibt.

Vielschichtigkeit der Geschlechtermerkmale

Suter begründet ihre These in der Vorlesung mit der Vielschichtigkeit, der in der Biologie möglichen Geschlechtermerkmale. Sie betont, dass auch neben den bekannten Chromosomen-Konstellation XX und XY, die als einer der grundlegendsten Unterscheidungen zwischen Mann und Frau gelten, noch weitere Konstellationen möglich seien. Dazu zeigt sie die folgende Folie einer nicht näher bezeichneten Kinderklinik:

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Bild: Screenshot Vorlesung
Sie sagt dazu, dass auf jeder Ebene die Übergänge zwischen Mann und Frau fliessend seien und durch das komplexe Zusammenspiel eine konkrete Zuordnung zu einem der beiden biologischen Geschlechter nicht möglich wäre.
Um darzustellen, dass die Übergänge bezüglich aller Geschlechtermerkmale auf allen Ebenen fliessend sind, wird für alles dazwischen, und ideologisch passend, die Regenbogen-Flagge verwendet.

«Keine eindeutige Bestimmung von Geschlecht»

Suter schliesst, was die Geschlechterdifferenzierung zwischen Mann und Frau angeht, mit folgendem Fazit: «[...] diese Eindeutigkeit kommt so in der ‘Natur’ nicht vor und es gibt in der Natur auch mehr als nur diese zwei Geschlechter, wie wir sie in unseren Köpfen und auch unserer Gesellschaft vorfinden.» Die Botschaft scheint somit klar: Es gibt - selbst biologisch betrachtet - keine eindeutige naturwissenschaftliche Bestimmung von Geschlecht.
Den Exkurs in die humanbiologische Forschung beendet Suter mit folgender Darstellung:

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Bild: Screenshot Vorlesung

Die Grafik zeigt: Es ist alles möglich, die biologischen Geschlechter Frau und Mann stehen schwarz am Rand, Die Geschlechterformen dazwischen sind bunt – und in der Mehrheit.

Gesellschaftliche Ungleichheitsordnung

Doch damit nicht genug: Warum die biologischen Befunde so wichtig für die sozialkonstruktivistische Perspektive sind erklärt Suter anhand des Soziologen Pierre Bourdieu: Die anatomischen Unterschiede würden oft als unanfechtbare Rechtfertigung für die gesellschaftlich konstruierten Differenzen zwischen Mann und Frau dienen. Mit diesem konstruierten Unterschied werde dann auch die gesellschaftliche Ungleichheitsordnung legitimiert.
Die Biologie muss also aus politischen Gründen überwunden werden. Unbedingt. Auch wenn dazu grösstenteils Soziologen beigezogen werden.
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