Was der Staat (angeblich) günstiger kann als Private

Was der Staat (angeblich) günstiger kann als Private

Die Umbenennung einer Firma ist ein teurer Spass. Die Massnahme hat Kosten auf fast allen Ebenen zur Folge. Nur offenbar nicht beim Staat: Dort kann man ein Departement für wenige zehntausend Franken neu benennen. Das geht aber wohl nur, wenn man interne Kosten ausblendet.

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von Stefan Millius am 9.6.2021, 10:00 Uhr
Heisst bald anders: Das Baudepartement des Kantons St.Gallen.
Heisst bald anders: Das Baudepartement des Kantons St.Gallen.
Wie schafft man es als Mitglied eines Regierungsrats in die Geschichtsbücher? Entweder mit kühnen politischen Taten – oder mit einem reinen symbolischen Akt mit bleibender Wirkung. Die St.Galler Regierungsrätin Susanne Hartmann (CVP), seit 2020 im Amt, hat sich für letzteres entschieden. Nicht einmal ein Jahr nach ihrer Wahl befand sie, ihr Baudepartement trage den falschen Namen. Auf ihren Antrag entschied die Gesamtregierung, es müsse künftig «Bau- und Umweltdepartement» heissen. Ab dem 1. Oktober 2021 gilt die neue Bezeichnung.
«Wahrnehmung für Umwelt stärken»
Der Grund: Das Wort «Baudepartement» werde der Vielfalt der Themen, die dort angesiedelt sind, nicht gerecht. Denn es gehe auch um Energie, Wasser, Raumplanung und – eben – Umwelt. Das Ziel der Umbenennung laut offizieller Mitteilung: «Nach innen wie nach aussen soll die Wahrnehmung der Umweltthemen gestärkt werden.»
Die Frage ist nur: Was kostet der Spass? Rund 35’000 Franken, sagt Regierungsrätin Susanne Hartmann und fügt an, man sei selbst erstaunt gewesen, wie kostengünstig das Ganze ausfalle.
Analoge und digitale Anpassungen
Sogar ein Laie teilt dieses Staunen. Die Verwaltung spricht von verschiedenen Vorbereitungsarbeiten, «zum Beispiel die Änderung von Erlassen oder das Anpassen von IT-Applikationen», die nötig seien. Aber das ist längst nicht alles. Gebäude und Fahrzeuge müssen beispielsweise ebenfalls umbeschriftet und die Schriftsachen angepasst werden. Ist das mit 35’000 Franken zu schaffen in einem Departement mit über 600 Mitarbeitern?
Als vor rund fünf Jahren das damalige Polizeidepartement der Stadt Zürich in «Sicherheitsdepartement» umbenannt wurde, lagen die angegebenen Kosten mit 50’000 Franken in vergleichbarer Höhe. Das würde darauf deuten, dass die St.Galler Schätzung realistisch ist. Entweder überschätzt man als Aussenstehender also die anfallenden Ausgaben. Die andere mögliche Erklärung: Städte und Kantone berechnen die Kosten kreativ beziehungsweise etwas gar zurückhaltend.
Kein neues Branding
Was die Kosten sicher bremst gegenüber einem völligen Neuauftritt: Man kann bei den erwähnten Fällen nicht von einem eigentlichen Rebranding sprechen. Nur der Name wird geändert, es ist kein neues Logo gefragt, die Gestaltung ist durch die Richtlinien zum Erscheinungsbild ohnehin vorgegeben. Es geht also zumindest nicht um Aufträge an Kreativagenturen.
Eine solche ist die Spinner und Weber GmbH in Pfäffikon, die sich auf Brandings spezialisiert hat. Geschäftsführer Pascal Oberhaensli sagt auf den konkreten Fall angesprochen, eine Schätzung der Ausgaben ohne Detailkenntnisse sei schwierig. Er könne sich aber vorstellen, dass die angegebenen Kosten nur die reinen externen Kosten umfassen, «das heisst alles, was mit interner Arbeit vom bestehenden Personal vorgenommen werden kann, ist wohl kaum im Budget eingerechnet.» Denn es gebe einiges zu tun und anzupassen: «Alle Dokumente, alle Systeme, alle Kommunikation nach aussen.»
Externe Kosten sind gesunken
Aus Sicht des Marketing- und Kommunikationsprofis Stefan Vogler von markenexperte.ch wären die Kosten noch vor einigen Jahren in der Tat um einiges höher gewesen als kommuniziert. Heute sehe es anders aus. Die externen Kosten seien tiefer als früher. «Dank der technischen Entwicklung im Druckbereich und weitgehenden Digitalisierung gibt es heute nur noch sehr wenige Printprodukte», so Vogler, «und diese kosten wesentlich weniger als früher.» Auch technische Anpassungen wie Fahrzeugbeschriftungen seien damit heute günstiger zu haben – inklusive Unterhaltskosten, beispielsweise nach einem Blechschaden.
Aber auch Vogler geht spontan davon aus, dass die Kosten für die internen Arbeiten – also die Lohnkosten der Verwaltung – bei den offiziell kommunizierten Zahlen nicht enthalten sind. Und das sind Ausgaben, die der Steuerzahler natürlich auch mitträgt. Bei den Verwaltungsangestellten fällt ein Mehraufwand an, der zu Buche schlägt auf Kosten der eigentlichen Arbeit. Kommt dazu, dass eine solche Anpassung in einer Verwaltung auch selten ohne zahlreiche Projektsitzungen auf verschiedenen Stufen abläuft.
Eine echte, saubere Vollkostenrechnung würde also wohl einen anderen Wert ergeben. Einen, den man als Steuerzahler vielleicht weniger gern sehen würde.
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