Warum Sand im Getriebe der Weltwirtschaft ist

Warum Sand im Getriebe der Weltwirtschaft ist

An allen Ecken und Enden kommt es zu Engpässen. Es mehren sich Verknappungserscheinungen. Befinden wir uns in einer Transformation von der Überflussgesellschaft der letzten 70 Jahre in ein neues Zeitalter der Mangelwirtschaft?

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von Peter Kuster am 20.10.2021, 04:00 Uhr
Es geht nicht nur um Elektronikkomponenten: In der Schweiz mangelt es derzeit auch an Zeitungspapier (im Bild Verarbeitung von Papierholz in der Fabrik Perlen im Jahr 1951). Bild: Keystone
Es geht nicht nur um Elektronikkomponenten: In der Schweiz mangelt es derzeit auch an Zeitungspapier (im Bild Verarbeitung von Papierholz in der Fabrik Perlen im Jahr 1951). Bild: Keystone
Einkaufsmanager suchen weltweit händeringend und mit allen Kniffs und Tricks nach Vorprodukten; speziell Chips und Halbleiter, die sie für ihre eigenen Erzeugnisse benötigen, sind begehrt, und wer als Zwischenhändler noch etwas vorrätig hat, verdient sich eine goldene Nase.
Doch es geht nicht «nur» um Elektronikkomponenten. «Die Unternehmen kaufen so viel wie möglich ein und stocken die Einkaufslager auf», berichtete die Credit Suisse in der jüngsten Publikation des von ihr berechneten und vom Fachverband für Einkauf und Supply Management procure.ch erhobenen Purchasing Managers’ Index.
«Die Beschaffungsengpässe, die schon im Vorquartal als grosse Herausforderung wahrgenommen wurden, akzentuieren sich weiter. Sie haben noch einmal an Breite zugenommen und führen vermehrt zu Einschränkungen und Verzögerungen bei der Produktion», stellte auch die Schweizerische Nationalbank bei ihren Gesprächen mit den Unternehmen in den Regionen fest, die sie jeweils im Quartalsheft im Kapitel «Konjunktursignale» summarisch auswertet.
Die Energiepreise notieren auf einem Mehrjahreshoch, was die Politiker international, nicht zuletzt mit Blick auf die nahende kalte Jahreszeit, nervös macht. Aber auch die Preise anderer für die Wirtschaft wichtiger Rohstoffe wie Aluminium, Kupfer, Zinn, Kaffee und Baumwolle sind seit Anfang Jahr markant gestiegen.

Unterbrüche, Engpässe und Verzögerungen

Bisher nur von Logistikern verwendete (oder aus der Zeit des real existierenden Sozialismus bekannte) Vokabeln wie «Lieferkettenunterbrüche», «Beschaffungs- und Versorgungsengpässe» und «Lieferverzögerungen» wandern in die Schlagzeilen der Massenmedien und werden zum sprachlichen Allgemeingut. Häfen schaffen es nicht mehr, die Fracht rechtzeitig zu löschen. Kapazitäten zum Transport auf der See (Schiffstonnage) oder auf dem Land (Lastwagen) sind knapp. Die Warnungen, dass die Ladenregale nicht immer gut gefüllt bleiben, mehren sich. Viele Branchen aus der Industrie- und Dienstleistungssektor klagen über Fachkräftemangel. In Europa bricht der Autoabsatz ein.
Sogar in der Schweiz wackeln Selbstverständlichkeiten: Die Stromversorgung im Wasserschloss Europas kann offenbar nicht mehr in jedem Fall garantiert werden. Und die Zeitungen sind in unserem waldreichen Land vorübergehend noch dünner geworden, als sie es ohnehin wären, weil aufgrund eines Brands in der Papierfabrik Perlen der Rohstoff für die Druckereimaschinen fehlt und es offenbar die Kräfte (oder den Willen) der Verlage übersteigt, den Bedarf auf die Schnelle am ebenfalls angespannten europäischen Markt zu decken.
In den Monaten nach dem Ausbruch der Pandemie erwies sich das kapitalistische Wirtschaftssystem mit dem freien globalen Austausch von Waren und Dienstleistungen einmal mehr als flexibel und leistungsfähig.
Man erinnert sich fast mit etwas Wehmut an den März 2020 zurück, als die Verhältnisse noch etwas einfacher waren. Damals sorgten bekanntlich leergefegte Regale bei den Grossverteilern und der legendäre Run auf WC-Papier-Rollen für eine fast heitere Fussnote in der Tragödie der damals im Ausmass noch nicht absehbaren Pandemie. Bald machten auch erstmals Befürchtungen die Runde, die Wertschöpfungsketten der Weltwirtschaft könnten durch die Pandemie sowie die staatlichen Eindämmungs- und Abschottungsmassnahmen beschädigt worden sein.
Doch die Wirtschaft kam rasch wieder in die Gänge, und der Schaden hielt sich anscheinend in engen Grenzen. Das kapitalistische Wirtschaftssystem mit seinem freien globalen Austausch von Waren und Dienstleistungen erwies sich einmal mehr als flexibel, belastbar und leistungsfähig. Es wurde damit erneut seinem Ruf als verlässliche und robuste Quelle eines im historischen Vergleich aussergewöhnlichen Wohlstands für breite Bevölkerungsschichten gerecht.

Massierung der Ereignisse weckt Misstrauen

Heute ist es dagegen viel schwieriger, eine Lageeinschätzung vorzunehmen. Die Optimisten gehen davon aus, dass die Weltwirtschaft einfach noch ein bisschen Zeit benötigt, um sich auf den Aufschwung, die grosse Nachfrage und die neue Welt nach der Pandemie einzustellen. In diesem Fall wären die Verknappungstendenzen bloss ein vorübergehendes Phänomen, bis die Förder-, Transport- und Produktionskapazitäten wieder genügend aufgebaut sind. Und dann hiesse es: weiter wie gehabt – wie vor der Pandemie nämlich, allenfalls mit einer etwas weniger tiefen, aber immer noch «gutmütigen» Inflationsrate.
Leider gibt es Indizien, die darauf deuten, dass es diesmal nicht ganz so einfach ist, auch wenn es jeweils im Einzelfall durchaus einleuchtende Erklärungen gibt, weshalb beispielsweise der Gaspreis in Europa so hoch ist oder Chips gerade besonders knapp sind. Verdächtig ist erstens das zeitliche Zusammentreffen und die Massierung der Ereignisse, das heisst die Kumulation der Verknappungsphänome in so vielen unterschiedlichen Bereichen rund um den Globus. Zweitens stimmen das Ausmass und die Dauer der Engpässe misstrauisch. Drittens scheinen die Selbstheilungskräfte unseres Wirtschaftssystems schwächer zu sein als früher.

Angeschlagene Selbstheilungskräfte?

Es gab natürlich schon in der Vergangenheit einmal Produktionsausfälle, Transportprobleme, Arbeitskräftemangel oder teure Rohstoffpreise, doch sandte der Markt jeweils sofort die richtigen Signale an die Wirtschaftsakteure, damit diese ihr Verhalten entsprechend anpassten. Die Innovations-, Improvisations- und Widerstandskraft war jeweils so gross, dass die Konsumenten von den Turbulenzen in der Regel praktisch nichts spürten und die Regale voll blieben. Dies ist heute anders. Es scheint fast so zu sein, dass das dichte und komplexe Geflecht der internationalen Wirtschaftsbeziehungen, der Arbeitsteilung und des Handels spröde geworden ist.
Das dichte und komplexe Geflecht der internationalen Wirtschaftsbeziehungen, der Arbeitsteilung und des Handels scheint spröde geworden zu sein.
Woran könnte das liegen? Drei Erklärungsversuche, die sich wechselseitig nicht ausschliessen müssen, seien hier skizziert.
Mit ihren Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben viele Staaten weltweit in bislang höchstens zu Kriegszeiten bekannter Schärfe in die Wirtschaft eingegriffen, weit über das Ausmass der bislang aus der Geschichte bekannten seuchenpolizeilichen Anordnungen hinaus. Die Gesetze des Marktes wurden über weite Bereiche behördlich über Nacht ausgehebelt, das Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen, die expliziten und impliziten Regeln sowie in den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunft erschüttert.

Pandemie- und Klimapolitik als Störfaktoren

Staaten nahmen zwar, unterstützt von den Zentralbanken, viel Geld in die Hand, um den ökonomischen Schaden, den die eigenen Massnahmen angerichtet hatten, zu lindern. Sie taten dies aber grossmehrheitlich quasi mit leeren Taschen, also auf Pump. Das Wirtschaftswachstum müsste in den nächsten Jahren schon sehr kräftig ausfallen, damit sich diese Verschuldungspolitik in einer Gesamtbetrachtung lohnen würde. Die Erfahrung zeigt überdies, dass sich der Erfolg einer Politik, die sich in der Feinsteuerung des menschlichen Verhaltens versucht, meist sehr begrenzt ist. Zudem erweist sich eine staatliche Feinsteuerung auf die Dauer als sehr kostspielig, unter anderem, weil sie Marktsignale ausschaltet und unbeabsichtigte Nebenwirkungen zeitigt. Weshalb sollte dies bei der Pandemiepolitik anders sein?
Ein zweiter Treiber der Verknappung dürfte – natürlich insbesondere im Energiebereich, aber nicht nur dort (zum Beispiel Rohstoffe für Elektrofahrzeuge) – das Bestreben vieler Staaten sein, den Klimawandel durch ein Bündel von drastischen Massnahmen in fast allen Lebensbereichen zu bekämpfen. Auch hier handelt es sich letztlich um den behördlichen Versuch, das Verhalten der Menschen bis in alle Verästelungen des Alltags zu lenken (siehe dazu auch «Hohe Energiepreise: Die Krux mit dem Klimaschutz»).
Ähnlich wie bei der Pandemieeindämmung fehlt dabei der Politik der Mut, eine saubere Kosten-Nutzen-Abwägung vorzunehmen und der Öffentlichkeit den Preis der Eingriffe transparent zu machen. Zudem ist das Handeln der Politik nicht konsistent. Wer beispielsweise einen «sozialen Ausgleich» für hohe Energiepreise fordert, nimmt in Kauf, dass tiefere Einkommensklassen sich dann wieder mehr Energie leisten können und damit einen höheren CO2-Ausstoss verursachen, was notabene nicht nachhaltig ist.

Signale der Finanzmärkte mit weniger Aussagekraft

Der dritte Erklärungsstrang hat mit den Finanzmärkten zu tun. Dass dort derzeit Uneinigkeit darüber herrscht, ob der Inflationsschub temporär oder länger anhaltend sein wird, ist das kleinere Problem. Marktbasierte Inflations- und Zinserwartungen sind schon in normalen Zeiten ausgesprochen schwankungsanfällig. Immerhin haben die Renditen wichtiger Staatsanleihen – allerdings von rekordtiefen Niveaus aus – merklich angezogen. Doch heute muss die Grundsatzfrage gestellt werden, wie aussagekräftig die Signale des Anleihenmarkts, dem für die Wirtschaft wichtigsten Segment des Kapitalmarkts, überhaupt noch sind.
Möglicherweise beeinträchtigt die abnehmende Qualität der Preisbildung an den Finanzmärkten allmählich auch die Realwirtschaft, weil das Kapital nicht mehr dort investiert wird oder Menschen dort beschäftigt werden, wo die Rendite am höchsten und die Produktivität am grössten ist.
Denn seit Jahren verzerren die Zentralbanken mit ihrer ultraexpansiven Geldpolitik im Allgemeinen und ihren Anleihenkaufprogrammen im Besonderen die Märkte erheblich – aus dem an sich ehrenwerten Motiv heraus, den Wirtschaftsverlauf zu stabilisieren und Krisen vorzubeugen beziehungsweise gleich zu Beginn zu entschärfen. Mit der staatlich geforderten und geförderten Mobilisierung des Finanzsektors für den Kampf gegen den Klimawandel kommt ein weiterer Störfaktor hinzu. Möglicherweise beeinträchtigt die abnehmende Qualität der Preisbildung und -signale an den Finanzmärkten nun allmählich auch die Realwirtschaft, weil zum Beispiel das Kapital nicht mehr dort investiert wird oder Menschen dort beschäftigt werden, wo die Rendite am höchsten und die Produktivität am grössten ist; es kommt – um es mit den Worten eines Ökonomen zu sagen – zu gehäuften Fehlallokationen.
Bevor der Leser oder die Leserin ob diesen düsteren Aussichten in Trübsal versinkt, sei dies noch zur Ermunterung angefügt: Auch wenn das Geflecht der Weltwirtschaft derzeit angeschlagen ist, wäre es falsch, mittelfristig die Regenerationsfähigkeit des Systems zu unterschätzen. Es wird nicht zu einer Mangelwirtschaft auf breiter Front kommen, wenngleich die Verknappungssymptome nicht so rasch abklingen dürften. Aber es ist sehr wahrscheinlich ratsam, sich darauf einzustellen, dass der Wirtschaftsmotor häufiger stocken und stottern wird als in den letzten Jahren und auch an den Finanzmärkten deutlich mehr Sand im Getriebe ist.

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