Somms Memo

Warum ist Zug so reich? Weil es so bürgerlich regiert wird

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Zug mit Zugersee: It’s politics, stupid.
Zug mit Zugersee: It’s politics, stupid.
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Die Fakten: Die Zuger Regierung bleibt bürgerlich, und im Parlament verteidigen die Bürgerlichen ihre Mehrheit. Die SP verliert.

Warum das wichtig ist: Es gibt kaum einen Kanton in der Schweiz, wo so bürgerlich und so erfolgreich politisiert wird. Das Voralpenwunder.


In der Schweiz ist Zug, was Florida inzwischen für Amerika ist:
  • Ein reicher Kanton (US-Bundesstaat), wo die Bürgerlichen (die Republikaner) seit Jahren eine gute, wirtschaftsfreundliche Politik machen, weswegen er laufend noch reicher wird
  • Ein Kanton (Bundesstaat), wo alle leben wollen, die es in den linken Territorien nicht mehr aushalten

Mit anderen Worten: Wer bürgerlich ist – oder wer es werden will –, sollte deshalb nach Zug fahren. Eine Bildungsreise. Oder um es in Abwandlung einer alten Losung aus der DDR zu sagen:
Von Zug lernen, heisst siegen lernen.
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Zeitgenössisches Plakat aus der DDR.
Tatsächlich sind die Ergebnisse der kantonalen Wahlen, die gestern stattfanden, bemerkenswert.
  1. Erneut brachte es die Linke nicht fertig, in die Regierung vorzustossen. Seit 2018 ist sie nicht mehr vertreten. Die Bürgerlichen bleiben unter sich: 3 Mitte, 2 FDP, 2 SVP. Dabei hatte sich die Linke maximal abgesprochen, die Grünen traten mit einer Kandidatin an, die SP verzichtete
  2. Auch im Parlament bewahren die Bürgerlichen die Hegemonie. Zwar rutscht die Mitte etwas ab, dafür legt die FDP zu, und die SVP bleibt stabil. Dagegen stagnieren die Grünen, die SP büsst ein wenig ein, die GLP gewinnt, wobei unklar ist, ob man dies als linken oder rechten Erfolg ansehen muss
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Woran liegt es, dass in Zug die Linke auf Granit beisst?
Am Granit kann es nicht liegen, der kommt im Kanton so gut wie nicht vor.
Es ist viel simpler.
Es liegt daran, dass die Bürgerlichen im Kanton Zug eine bürgerliche Politik machen.
  • Tiefe Steuern
  • Tüchtiger, bürgernaher (wenn auch etwas zu grosser) Staat
  • Wirtschaftsfreundliche, pragmatische Beamten – wie es sie früher in der ganzen Schweiz gab, wie sie heute aber in den meisten Verwaltungen nur noch als unerwünschte Minderheit auftreten
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Als ein grosser Konzern vor kurzem seinen Sitz aus der Stadt Zürich nach Zug verlegte, gab es einen kleinen Apéro in den neuen Headquarters. Gekommen war auch der Zuger Finanzdirektor Heinz Tännler (SVP), der die Wirtschaftsförderung als eines seiner Kerngeschäfte ansieht. Deshalb hatte er auch ein paar Chefbeamten mitgenommen, alle, mit denen der Konzern es womöglich irgendwann zu tun bekam.
«Wenn Sie ein Problem haben», sagte er den Managern des Konzerns, «rufen Sie einfach an. Hier sind die Natel-Nummern», und jeder Chefbeamte hatte seine Nummer anzugeben, damit man ihn jederzeit erreichen konnte – sollte irgendeine Frage auftauchen, ob am Morgen früh oder am Samstagabend. Kundenfreundlichkeit als Staatsräson.
Warum kann Zug nicht in der ganzen Schweiz stattfinden?
Gewiss, manches spricht für Zug, was sich nicht beliebig auf jeden Kanton übertragen lässt:
  • Die Nähe zu Zürich
  • Die Gunst des Strukturwandels. Zug sitzt auf keinen (kostspieligen) Industrieruinen. Entgegen hartnäckigen Vorurteilen in Zürich oder Basel ist Zug schon lange kein Agrarkanton mehr, insbesondere in Zug entstanden bereits vor dem Ersten Weltkrieg bedeutende Industriefirmen wie Landis & Gyr (heute Siemens), die Verzinkerei Zug (V-Zug) oder in Cham die Anglo-Swiss Condensed Milk Company (Nestlé), sie alle blieben lange erfolgreich
  • Zug setzte schon in den 1950er Jahren auf eine Tiefsteuerstrategie, als man in anderen Kantonen noch gar nicht wusste, dass Steuern für Unternehmen eine Last bedeuten könnten. Damit zog Zug nicht bloss Handelsfirmen an (ein zweites Vorurteil), sondern auch neue Industrie, wie etwa Roche, die in Rotkreuz neben Basel ihren wichtigsten Standort in der Schweiz aufgebaut hat

Dennoch brauchte es mehr, um aus dem kleinen Kanton Zug einen Star der Schweiz zu machen – dessen Ruf als Qualitätsstandort für Kapitalismus bis in alle Kontinente dringt.
«It’s the economy, stupid», hat ein Wahlkampfmanager von Bill Clinton, dem US-Präsidenten und Wahlkampfgenie, einmal gesagt.
In Zug gilt: «It’s politics, stupid». Es geht um die Politik, Depp.
  1. In Zug sind alle Bürgerlichen einfach bürgerlich, selbst die Mitte, die sonst allerlei sozialliberalem Quark nachstrebt, ist wirtschaftsfreundlich-konservativ
  2. Zwar rivalisieren auch in Zug der Freisinn, SVP und die Mitte. Kleinlichkeiten, Verrat und Intrige kennt man auch in den Voralpen. Dennoch überwiegt der Konsens: Es ist die Linke, die es am Ende gemeinsam zu bekämpfen gilt
  3. Das mag damit zusammenhängen, dass die Tiefsteuerstrategie schon so lange zum politischen Glaubensbekenntnis aller Bürgerlichen zählt – und die Linke sich stets darauf eingeschossen hat. Die Linke schweisst die Bürgerlichen zusammen
  4. Don’t make stupid things. Heute reicht es schon, wenn ein Politiker Fehler vermeidet, um die Konkurrenz abzuhängen. Linke neigen zu Utopien und zu realitätsfremden Rezepten – Bürgerliche sind langweiliger, aber realistisch. Wenn ein Bürgerlicher den Mut aufbringt, langweilig zu bleiben, dann hat er meistens schon gewonnen

Von Zug lernen, heisst siegen lernen.
Warum nehmen sich die Bürgerlichen in der übrigen Schweiz dieses Voralpenwunder nicht zum Vorbild?
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Neid und Missgunst. Marilyn Monroe unter Bewunderern. (1926 - 1962)
Vielleicht hat Marilyn Monroe, die legendäre amerikanische Schauspielerin, eben doch recht:
«Erfolg lässt so viele Menschen dich hassen. Ich wünschte, es wäre nicht so. Es wäre wunderbar, Erfolg zu geniessen, ohne den Neid in den Augen der Menschen um Dich herum zu sehen.»

Ich wünsche Ihnen einen perfekten Wochenbeginn Markus Somm

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